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Einflussfaktoren auf die Frühgeburt in Deutschland

Die Frühgeburt (Geburt vor 37 + 0 Schwangerschaftswochen) ist die Hauptursache perinataler Morbidität und Mortalität. Im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte ist die Frühgeburtenrate in den meisten Ländern trotz zunehmender Kenntnisse über mögliche Risikofaktoren und ihre Pathomechanismen gleich geblieben oder sogar angestiegen.

Im Jahr 2013 betrug die Frühgeburtenrate in Deutschland 8,7%. Damit gehört sie zu den höchsten im europäischen Vergleich. Weltweit liegt die Frühgeburtenrate zwischen 7–14%, was ca. 15 Millionen betroffenen Kindern jährlich entspricht. Ungefähr 75% der perinatalen Mortalität und mehr als die Hälfte der perinatal bedingten Langzeitmorbidität sind frühgeburtsassoziiert. Weltweit ist die Frühgeburt mit 27% die Hauptursache für neonatalen Tod (innerhalb der ersten 28 Lebenstage) und führt damit jährlich zu mehr als einer Million verstorbener Kinder. Zu den typischen frühgeburtsassoziierten Folgenerkrankungen gehören: neonatales Atemwegssyndrom (respiratory distress syndrome, RDS), persistierender Ductus arteriosus (PDA), Frühgeborenen-Retinopathie (ROP), intraventrikuläre Hämorrhagie (IVH), periventrikuläre Leukomalazie (PVL) und bronchopulmonale Dysplasie (BPD).

Die frühgeburtsassoziierte Mortalität und Morbidität konnte
nach Einführung der antenatalen Kortikoidtherapie und Verbesserungen bei der intensivmedizinischen Versorgung gesenkt werden. Trotzdem bestehen neben den o.g. unmittelbaren perinatalen Folgen auch solche, die das weitere Leben betroffener Kinder, aber auch ihrer Angehöriger beeinträchtigen. Zu den typischen Folgeerkrankungen frühgeborener Kinder gehören Zerebralparesen und Atemwegserkrankungen, aber auch sensorische Defizite und Lernschwierigkeiten. Ferner erreichen Frühgeborene eine geringere durchschnittliche Körpergröße.

Erwähnenswert ist darüber hinaus, dass auch die reproduktive Phase ehemals frühgeborener Frauen beeinflusst wird. So ist ein niedriges Geburtsgewicht (unabhängig ob durch Frühgeburt oder
Wachstumsverzögerung bedingt) nicht nur ein Risikofaktor für hypertensive (einschließlich Präeklampsie) und diabetogene Schwangerschaftskomplikationen, sondern auch für eine Frühgeburt der eigenen Kinder.

Die besseren Überlebensraten haben aber auch zu einer Änderung des ärztlichen Verhaltens bei der Entscheidungsabwägung zwischen Fortsetzen der Schwangerschaft und frühgeburtsbedingter Risiken geführt und damit den Anteil iatrogener Frühgeburten erhöht.

Die Ursachen der Frühgeburt können wie folgt eingeteilt werden:

  1. Vorzeitige Entbindung aus fetaler oder maternaler Indikation (z.B. Präeklampsie, Placenta-praevia-Blutung, Mehrlingsschwangerschaften oder fetale Wachstumsverzögerung),
  2. spontane vorzeitige Wehen ohne Blasensprung und
  3. vorzeitiger Blasensprung mit vorzeitiger Entbindung
Ca. 70% fallen auf die beiden letzten Gruppen, die als „spontane Frühgeburt“ bezeichnet werden.

 

An der Ätiologie scheinen komplexe Mechanismen beteiligt zu sein, wobei Daten bereits publizierter Studien darauf hindeuten, dass Infektionen wie die Chorioamnionitis ein bedeutender Kofaktor – insbesondere in einem frühen Schwangerschaftsalter – sind.

Als demografische Risikofaktoren für eine Frühgeburt kommt vor allem der Anstieg des mütterlichen Alters bei Schwangerschaft in Betracht. So zeigte eine Studie von Schure und Kollegen, dass mit steigendem Alter der Mutter und unabhängig von der Anzahl vorangegangener Lebendgeburten ein Anstieg der Frühgeburtenrate nachweisbar war.

Durch die Inanspruchnahme reproduktionsmedizinischer Maßnahmen ist die Zahl von Mehrlingsschwangerschaften angestiegen. Darüber hinaus sind Mehrlingsschwangerschaften infolge reproduktionsmedizinischer Maßnahmen bei steigenden mütterlichem Alter häufiger. Die Frühgeburtenrate bei Mehrlingsschwangerschaften liegt bei 40–60%.
Risikofaktoren sind auch emotionale Belastungen und Stress. So konnte gezeigt werden, dass Schwangere, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York unter einer posttraumatischen Belastungsstörung litten, häufiger eine Frühgeburt hatten (OR 2,48; 95%-KI 1,05–5,84).

Kausale Zusammenhänge zwischen den meisten dieser Risikofaktoren und einer Frühgeburt sind trotzdem schwierig zu beweisen, weil die Zusammenhänge nicht durch randomisierte
kontrollierte Studien untermauert werden können.

Da es sich beim KiGGS um eine Querschnittsstudie handelt, lassen sich nur Assoziationen und Prävalenzen beschreiben. Auf Grundlage von Vorwissen kann man aber oft Ursachen oder Folgen plausibel zuordnen. Es ist möglich, von einer hohen Validität auszugehen, wenn:

  1. die Datengewinnung doppelblind erfolgt ist,
  2. das Signifikanzniveau von p < 0,01 unterschritten wird, wenn
  3. Dosis-Wirkungs-Beziehungen bestehen, und
  4. die Ergebnisse auch unter simultaner Berücksichtigung von Kofaktoren bestehen bleiben.
Ätiologische Beweisführungen sind mit Querschnittstudien nicht zu führen und benötigen andere Studiendesigns

 

In der vorliegenden Studie sollten folgende Fragestellungen überprüft werden:

  1. Lässt sich aus den Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) die Frühgeburtenrate bestimmen?
  2. Welche Kinder sind von einer Frühgeburt betroffen? Lassen sich aus den Daten potenzielle Einflussfaktoren auf die Entstehung der Frühgeburt in Deutschland extrahieren?
Ziel der Studie war somit, die Identifikation Hochrisikoschwangerer durch die Kenntnis von Einflussfaktoren zu verbessern, um ihre Betreuung intensivieren zu können. Bei klinischen Hinweisen auf eine drohende Frühgeburt könnten frühzeitig Interventionsmaßnahmen eingeleitet werden.

 


Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Einflussfaktoren auf die Frühgeburt in Deutschland

Aus der Zeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde 8/2015


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