• Krebserkrankung

     

Onkologie. Erbliche Tumore – psychischer Stress

Das Thema familiär erblicher Krebserkrankungen hat nicht zuletzt durch die Veröffentlichung Prominenter in den Medien viel Aufmerksamkeit erfahren und ist in vielen Tumorzentren Teil der interdisziplinären Betreuung und Tumorkonferenzen geworden. Eine zunehmende Anzahl von Patientinnen und Patienten wird daher inzwischen dazu humangenetisch beraten. Um der Beratungssituation gerecht zu werden, sollen im Folgenden Informationen aus aktuellen Studien insbesondere zum familiär erblichen Brust- und Eierstockkrebs als Hilfestellung dienen.

Hamilton el al. untersuchten in ihrer Metaanalyse 2009, welche allgemeinen Gründe Patientinnen zu einer genetischen Testung bewegten. Dabei fanden die Autoren heraus, dass Faktoren wie ein hohes, selbst eingeschätztes Krankheitsrisiko, ein Unsicherheitsgefühl hinsichtlich der Möglichkeit, selbst an Krebs zu erkranken, die Familienplanung und das Risiko für Familienangehörige maßgeblich die Entscheidung für eine Testung beeinflussten. Die Folgen einer Testung betrafen vor allem die eigene Gesundheit, persönliche Beziehungen, Zukunftspläne, Versicherungen und eine mögliche Diskriminierung am Arbeitsplatz. Das Belastungsgefühl durch die Testung wurde nach Aussage der Autoren nicht nur durch das Ergebnis beeinflusst, sondern auch infolge der Unsicherheit über das Auftreten, den Zeitpunkt, den Schweregrad und die Vorsorgemöglichkeiten der Erkrankung. Auch die Möglichkeit und Qualität der genetischen Beratung und medizinischen Betreuung spielte dabei eine Rolle, ebenso wie das Alter und das Geschlecht der Patienten und deren eigene Vorgeschichte hinsichtlich Krebs oder einer psychischen Erkrankung.

Ein Stressmodell, von Bonanno et al. 2004 veröffentlicht, kann auf die Situation einer solchen genetischen Testung angewandt werden. Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Patienten nach anfänglichem Belastungsgefühl gut mit einem Testergebnis umgehen kann und nach kurzer Zeit im Alltag wieder psychisch belastbar ist. Andere Patienten sind zunächst stärker psychisch belastet, erholen sich aber auch wieder auf ein belastbares Alltagsniveau. Nur eine kleine Gruppe von Patienten reagiert verspätet, dann aber mit einem anhaltend hohen Belastungsgefühl oder sofort mit einem sehr starken Belastungsgefühl. Diese Patienten benötigen medizinische Hilfe und psychische Unterstützung.

Drei Patientengruppen sollen in ihrer Reaktion auf ein prädiktives Testergebnis näher beleuchtet werden:

  • gesunde Frauen mit einer BRCA1/2-Mutation
  • gesunde Männer mit einer BRCA1/2-Mutation
  • an Brust- und Eierstockkrebs erkrankte Patienten mit einem nicht informativen Testergebnis
Als prädiktiv wird die Testung eines Gesunden im Hinblick auf eine sich im weiteren Leben manifestierende Erkrankung angesehen.

 

Gesunde Frauen mit BRCA1/2-Mutation

Frauen mit BRCA1/2-Mutationen waren nach den Auswertungen der o. g. Metaanalyse von Hamilton et al. zunächst durch das auffällige Testergebnis belastet. Sie zeigten jedoch bereits 12 Monate nach der Testung wieder eine psychische Situation, die der Ausgangslage entsprach. Graves et al. weisen in ihrer Studie mit 464 Frauen aus dem Jahr 2012 jedoch darauf hin, dass der Alltag dieser Frauen 5 Jahre nach einer Testung zumindest noch unterschwellig vom Testergebnis belastet war.

Das Vorsorgeverhalten von 246 Frauen mit einer BRCA1/2-Mutation untersuchten Julian-Reynier et al. 2011. Fünf Jahre nach der Testung nahmen Mutationsträgerinnen unter 40 Jahren als Vorsorge am häufigsten die Brust-MRT und den vaginalen Ultraschall wahr. Über 40-jährig ließen sich die Frauen in der Regel die Eierstöcke und Eileiter entfernen und gingen ebenfalls zur Brust-MRT-Untersuchung. Auch nachgewiesene Nichtträger der Mutation wünschten häufig trotz eines niedrigen realen Risikos eine Hochrisiko-Vorsorge. Weiterhin nahm in dieser Studie die Risikoeinschätzung hinsichtlich Brust- und Eierstockkrebs bei Mutationsträgerinnen ohne prophylaktische Operation mit der Zeit zu und umgekehrt. Erstaunlicherweise verminderte eine prophylaktische Operation von Eierstock und Eileiter vor Eintritt in die Wechseljahre trotz diesbezüglicher Beratung nicht das selbst eingeschätzte Brustkrebs-Risiko. Die Zeitspanne zwischen Testergebnis und prophylaktischer Operation lag bei der Mastektomie durchschnittlich bei 2 Jahren und bei 9 Monaten in Bezug auf die Adnektomie.

 

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Aus der Zeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde 9/2015

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