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    Es ist unklar, ob die gängige Praxis der psychologischen Betreuung bei Folgeschwangerschaften nach Totgeburt den Bedürfnissen der Eltern gerecht wird

     

Betreuung von Folgeschwangerschaften nach Totgeburt: Bedürfnisse der Eltern

Hintergrund: Die meisten Frauen streben nach einer Totgeburt oder dem Versterben eines Kindes in der Neonatalperiode erneut eine Schwangerschaft an. Aufgrund des erhöhten maternalen Stresses durch Angst und emotionale Vulnerabilität nehmen diese Folgeschwangerschaften jedoch häufig einen ungünstigen Verlauf. Die belastenden Erfahrungen können sich selbst nach der Geburt eines gesunden Kindes – beispielsweise in Form von Bindungsstörungen– auf die langfristige psychologische und soziale Morbidität in der Familie auswirken. Es ist unklar, ob die gängige Praxis der psychologischen Betreuung den Bedürfnissen der Eltern in einer Folgeschwangerschaft  gerecht wird.

Mills TA et al. Parents‘ experiences and expectations of care in pregnancy after stillbirth or neonatal death: a metasynthesis. BJOG 2014; 121: 943–950       

Methoden: Um die Elternpaare besserverstehen zu können, hat die britische Arbeitsgruppe um T. A. Mills Forschungsergebnisse zur Betreuung von Folgeschwangerschaften nach Totgeburt oder neonatalem Tod analysiert. Mit Hilfe von 6 elektronischen Datenbanken wurden hierfür 14 zwischen 1996 und 2011 veröffentlichte englischsprachige, methodisch qualitativ hochwertige Untersuchungen, die sich mit dieser Fragestellung befassten, identifiziert. Die Metasynthese der Studien erfolgte mithilfe einer meta ethnografischen interpretativen Herangehensweise.  

Ergebnisse: 10 Studien befassten sich ausschließlich mit den Erfahrungen der Mütter, eine allein mit denen der Väter,
und 3 schlossen beide Elternteile ein. Der Zeitpunkt des Verlust des Kindes variierte zwischen der Frühschwangerschaft und 8 Wochen post partum. 3 Haupt-Schwierigkeiten der Eltern beim Erleben einer weiteren Schwangerschaft wurden identifiziert:

  1. Koexistenz von Emotionen (starke anhaltende Trauer und Angst, Isolation von Familie und Freunden, Aufrechterhalten der Hoffnung);
  2. hilfreiche und nicht hilfreiche Coping-Strategien (Hinauszögern der emotionalen Bindung, Kontrollbedürfnis);
  3. Suche nach Beruhigung durch Interaktion (mit dem medizinischen Personal, Lebenszeichen des Ungeborenen, technologisches Monitoring, Teilnahme an speziellen Support-Programmen).

Eine Totgeburt oder ein Versterben des Kindes in der Neonatalperiode verändert das Erleben einer Folgeschwangerschaft tiefgreifend. Emotionale Konflikte, extreme Angstgefühle, Isolation und der Verlust des Vertrauens in einen günstigen Schwangerschaftsverlauf werden von den betroffenen Paaren beschrieben. Eltern zögern aus Gründen des Selbstschutzes die emotionale Bindung zu ihrem ungeborenen Kind meist hinaus, was häufig zu einem Mangel an Unterstützung durch das soziale Umfeld führt. Das medizinische Personal erfasst das Ausmaß der Traumatisierung durch den erlittenen Verlust meist nicht vollständig, kann daher adäquate emotionale und psychologische Unterstützung nur eingeschränkt leisten und reagiert mit dem Anbieten zusätzlicher pränataler Kontrolltermine und technologischer Überwachungsmethoden. Diese Untersuchungen steigern jedoch häufig die Ängste der Eltern, und Normalbefunde beruhigen nur vorübergehend. Eine zielgerichtete zusätzliche Unterstützung wird dagegen von den Eltern sehr geschätzt.

Folgerung: Die Autoren warnen vor einer Überschätzung der beruhigenden Wirkung technologischer Hilfsmittel und unterstreichen die Bedeutung einer regelmäßigen qualitativ hochwertigen psychologischen Unterstützung im Rahmen der Schwangerenbetreuung.

Dr. Judith Lorenz, Künzell


Kommentar

Zu Recht warnen die Autoren vor einer Überschätzung der beruhigenden Wirkung zusätzlicher apparativer Untersuchungen. Andererseits ist es verständlich, wenn behandelnde Ärztin oder Arzt in Kenntnis des anamnestisch bekannten Risikos eine intensivierte Schwangerenbetreuung anstrebt, um möglichst frühzeitig Risikokonstellationen zu erkennen und nach Möglichkeit zu beseitigen. Wie die Untersuchung zeigt, darf bei diesem “Spagat“ die psychologische Unterstützung der werdenden Mutter bzw. des werdenden Vaters nicht unterschätzt werden.

Aus der Zeitschrift GebFra Geburtshilfe und Frauenheilkunde

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