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    Die Furcht vor der Entbindung hat bei Schwangeren im Verlauf der letzten Jahrzehnte zugenommen, sie ist häufiger bei Frauen, die bereits ein Kind entbunden haben. (Symbolbild, Quelle: photocase).

     

Furcht vor der Entbindung bei Nulliparae und Multiparae

Hintergrund: Furcht vor der Entbindung kann bei Schwangeren verschiedene Formen annehmen und muss nicht per se Krankheitswert besitzen. Bei einer Reihe von Frauen allerdings kommt es zu einer ausgeprägten Angststörung oder Phobie mit Alpträumen, körperlichen Beschwerden, Konzentrationsstörungen u. a. Wie häufig eine solche extreme Furcht vorkommt und mit welchen Faktoren sie assoziiert sein kann, ist aber – auch wegen der unklaren Definitionen – bislang nicht gesichert. Eine populationsbasierte Studie aus Finnland ist dieser Frage nachgegangen.
Räisänen S et al. Fear of childbirth in nulliparous and multiparous women: a population- based analysis of all singleton births in Finland in 1997–2010. BJOG 2014; 121: 965–970

Methoden: Zunächst wurde das finnische Geburtsregister für die Jahre 1997 bis 2010 nach Einlingsgeburten durchsucht. Anschließend wurden anhand des ICD- 10-Codes O99.80 diejenigen Mütter identifiziert, bei denen während der entsprechenden Schwangerschaft die Diagnose einer ausgeprägten Furcht vor der Entbindung gestellt worden war. Aus diesen Daten wurden die Häufigkeit der Störung, soziodemografische Parameter, eventuelle Unterschiede in Abhängigkeit von früheren Entbindungen und der Zusammenhang
mit verschiedenen perinatalen Outcomes ermittelt.

 

Ergebnisse: Insgesamt 788 317 Kinder kamen in dem untersuchten Zeitraum nach einer Einlingsschwangerschaft zur Welt. Bei 28 960 Müttern war vor der Entbindung eine extreme Furcht vor der Geburt festgestellt worden, und zwar häufiger bei Frauen, die schon mindestens eine Geburt erlebt hatten, als bei Erstgebärenden (8039 von 327 176 vs. 20 921 von 461 141; 2,5 vs. 4,5 %). Die Diagnose nahm über den untersuchten Zeitraum zu, mit einer Häufigkeit von 1,1 bzw. 1,5 % bei Nulliparae bzw. Multiparae zwischen 1997 und 2001 auf 3,6 bzw. 7,8 % zwischen 2007 und 2010. Frauen mit der Diagnose waren dabei signifikant älter, es kam bei ihnen häufiger zu Frühgeburten sowie einem Kaiserschnitt. Fehlgeburten, frühere Schwangerschaftsabbrüche, Anämien, Gestationsdiabetes
oder Zustand nach reproduktionsmedizinscher Behandlungen fanden sich in dieser Gruppe öfter als bei Frauen ohne die entsprechende Diagnose. Ebenso zeigten sich soziodemografische Unterschiede, mit einer höheren Inzidenz bei allein lebenden Frauen und bei Frauen mit guter Berufsausbildung.

Nach Adjustierung für Störfaktoren waren die stärksten Risikofaktoren für eine extreme Furcht vor der Entbindung bei Erstgebärenden eine Depression (Odds Ratio [OR] 6,35), höheres Alter (OR 3,78) und höherer bzw. nicht näher spezifizierter sozioökonomischer Status (z. B. Hausfrauen, Selbstständige). Bei Mehrgebärenden umfassten die Risikofaktoren vor allem Depression (OR 5,47) und früheren Kaiserschnitt
(OR 3,02) sowie ebenfalls höheren / nicht näher spezifizierten sozioökonomischen Status. In beiden Gruppen war die Diagnose verbunden mit einer höheren Rate an Kaiserschnitten, aber einer geringeren Häufigkeit von niedrigem Geburtsgewicht der Kinder (< 2500 g), Status „Small for Gestational Age“, Frühgeburten und niedrigen 1-min-Apgar-Werten.

 

Folgerung: Die Furcht vor der Entbindung hat bei Schwangeren im Verlauf der letzten Jahrzehnte zugenommen, so die Autoren, und betriff aktuell etwa 3–8 von 100 Schwangerschaften. Dabei ist die Diagnose – etwas überraschend und entgegen früheren Berichten – häufiger bei Frauen, die bereits mindestens eine Entbindung hinter sich haben, und auch bei Frauen mit Schwangerschaftskomplikationen, beispielsweise einem Diabetes mellitus. Insgesamt geht sie aber nicht mit einer höheren Rate von neonatalen Komplikationen einher, auch wenn häufiger Sectiones erfolgten.

Dr. E. Ruchalla

Aus der Zeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde

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