• In-vitro-Fertilisation erhöht Risiko für mentale Retardierung

    Zwischen ICSI und autistischer Störung sowie mentaler Retardierung wurde bei Mehrlingsgeburten ein Zusammenhang beobachtet (Symbolbild, Quelle: Fotolia; Grafik: digitalbalance).

     

In-vitro-Fertilisation erhöht Risiko für mentale Retardierung

Hintergrund: Zwischen 1978 und 2012 kamen weltweit etwa 5 Millionen Kinder zur Welt, die mithilfe der In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt wurden. Studienergebnisse zeigen, dass die generell als sicher geltende IVF in Zusammenhang mit perinatalen Komplikationen und neurologischen Störungen stehen kann. Eine Studie aus Schweden hat die Assoziation zwischen der IVF – differenziert nach unterschiedlichem Prozedere – und dem Auftreten von autistischen Störungen sowie mentaler Retardierung bei den Kindern untersucht.

JAMA 2013; 310 (1): 75–84

 

Methoden: Die populationsbasierte, prospektive Kohortenstudie basierte auf den Daten von verschiedenen schwedischen Gesundheitsregistern. Berücksichtigung fanden alle Lebendgeburten zwischen Januar 1982 und Dezember 2007. Die Kinder wurden bis zum Dezember 2009 nachverfolgt. In die Analyse ging unter anderem ein, ob eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) aufgrund von männlicher Infertilität zum Einsatz kam und ob die verwendeten Embryos „frisch“ oder eingefroren waren. Ebenfalls berücksichtigt wurde, ob die Spermien durch eine Ejakulation oder einen operativen Eingriff gewonnen wurden.

Ergebnisse: Insgesamt waren 2 541 125 Kinder im Alter von 1,5 Jahren am Leben, von diesen wurden 30 959 (1,2 %) durch eine IVF-Prozedur gezeugt. Die Nachbeobachtung erstreckte sich im Durchschnitt über 10 Jahre (SD 6 Jahre). Bei 103 von 6959 Kindern (1,5 %), die nach einer IVF geboren wurden, war eine autistische Störung feststellbar und bei 180 von 15 830 (1,1 %) eine mentale Retardierung. Das relative Risiko (RR) für eine autistische Störung nach irgendeiner IVF-Prozedur verglichen mit einer Spontankonzeption betrug 1,14. Das RR für eine mentale Retardierung war 1,18. In beiden Fällen bestand nach Beschränkung der Analyse auf einzeln geborene Kinder keine solche Assoziation. Im Vergleich zu einer IVF ohne ICSI mit „frischen“ Embryos bestand nach ICSI unter Verwendung von operativ gewonnenen Spermien und „frischen“ Embryos ein signifikant erhöhtes Risiko für eine autistische Störung (RR 4,60). Das Risiko war ebenfalls statistisch erhöht für eine mentale Retardierung nach einer ICSI mit operativ gewonnenen Spermien und „frischen“ Embryos (RR 2,35) sowie nach einer ICSI mit ejakulierten Spermien und „frischen“ Embryos (RR 1,47). Wurde die Analyse auf einzeln geborene Kinder beschränkt, bestand keine signifikante Assoziation mehr zwischen dem Auftreten von autistischen Störungen und einer ICSI mit operativ gewonnen Spermien. Allerdings war weiterhin eine signifikante Assoziation zwischen mentaler Retardierung und einer ICSI mit eingefrorenen Embryos (RR 2,36) und „frischen“ Embryos feststellbar (RR 1,60).

Folgerung: Im Rahmen der Studie konnte keine Assoziation zwischen der Durchführung irgendeiner IVF-Prozedur und autistischen Störungen identifiziert werden. Allerdings bestand im Vergleich zu einer Spontankonzeption bei Einsatz der IVF ein leicht erhöhtes Risiko für eine mentale Retardierung. Wurden lediglich einzeln geborene Kinder berücksichtigt, war die Assoziation statistisch nicht mehr signifikant. Die Autoren ermittelten zudem einen Zusammenhang zwischen autistischen Störungen und mentaler Retardierung und IVF-Prozeduren mit ICSI.

 

Kommentar

JAMA 2013; 310 (1): 42–43

Aufgrund der Tatsache, dass in den USA mehr als 60 000 Kinder und in Westeuropa mehr als 100 000 Kinder pro Jahr mithilfe der IVF zur Welt kommen, sei es nach Meinung von M. I. Cedars nötig, das Augenmerk auf die Sicherheit dieser Technik für die Kinder zu richten. Noch sei unklar, ob die Risiken im Zusammenhang mit der IVF auf die zugrunde liegende Infertilität der Eltern, parentale Faktoren oder auf bestimmte Aspekte der Prozeduren zurückgehen. Die Stärke der schwedischen Studie beruhe auf deren populationsbasiertem Konzept und der großen Zahl an berücksichtigten Kindern. Die Studienergebnisse zeigten, dass vor allem bei Mehrlingsgeburten nach einer IVF ein erhöhtes Risiko für autistische Störungen und mentale Retardierung bestehe. Aus diesem Grund sei es nötig, auf Patienten und Ärzte einzuwirken, die Zahl der transferierten Embryos zu limitieren.

Dr. Frank Lichert, Weilburg

 

Kommentar

Die im Rahmen der Studie und des Kommentars genannte Forderung, Augenmerk sowohl auf die Sicherheit der IVF-Technik als auch auf die Kinder zu richten, wurde seit 1982 mit der Gründung des deutschen IVF-Registers als Maßnahme der Qualitätssicherung erfüllt. In den Jahresberichten werden regelmäßig die verschiedenen Facetten des Verfahrens sorgfältig analysiert. Entsprechend der Übersicht im Deutschen Ärzteblatt (3. Juli 2013) ist eine mentale Retardierung nach ICSI geringfügig häufiger.

JB

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