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    Multiple Sklerose und Kinderwunsch schließen sich im Allgemeinen nicht aus.

     

Kinderwunsch und Multiple Sklerose

Einleitung

Die Multiple Sklerose ist eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems und wird insbesondere bei jungen Frauen zunehmend diagnostiziert.

Während Frauen mit MS früher von eigenen Kindern abgeraten wurde, sollte die Diagnose einer MS heute generell kein Hinderungsgrund für eine Schwangerschaft sein.

Sowohl für behandelnde Ärzte als auch die Betroffenen ergeben sich Fragen, nicht nur zu den gegenseitigen Wechselwirkungen MS und Schwangerschaft/postpartale Phase an sich, vor allem aber auch zu dem richtigen Umgang mit den verschiedenen immunmodulatorischen Therapien vor, während und nach einer Schwangerschaft. Dies gilt selbstverständlich auch für potenzielle Väter mit MS.

In folgendem Artikel möchten wir versuchen, viele dieser praktisch relevanten Aspekte zu klären. Wir werden uns dabei auf die gängige Literatur als auch auf eigene Erfahrungen, gewonnen aus dem Aufbau eines bundesweiten MS und Schwangerschaftsregisters, beziehen und die aktuellen Leitlinien erstellt vom Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) einfließen lassen.

 

Fertilität und Multiple Sklerose

Aus der klinischen Erfahrung scheint die Fertilität bei MS-Patienten nicht eingeschränkt zu sein. Aber Frauen mit MS sind häufiger kinderlos und unterziehen sich häufiger reproduktionsmedizinischen Behandlungen als gesunde Frauen, wobei es nicht klar ist, ob dies eine biologische Ursache, psychosoziale Faktoren oder eine Kombination widerspiegelt.

Wir konnten kürzlich in einer Studie zeigen, dass signifikant mehr Frauen mit MS stark erniedrigte anti-Müllerʼsche Hormon (AMH)-Werte aufwiesen als gesunde Kontrollen. AMH ist ein zyklusunabhängiger Marker für die ovarielle Reserve. Außer an MS erkrankt zu sein, war der einzig weitere Prediktor für stark erniedrigte AMH-Werte das Fehlen einer aktuellen immunmodulatorischen MS-Therapie. Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass bei einem kleinen Teil der Frauen mit MS eine ovarielle Insuffizienz vorliegt. Die ovarielle Insuffizienz geht mit einer früheren Erschöpfung der ovariellen Reserve einher und ist auch bei anderen Autoimmunerkrankungen beschrieben. Die Ergebnisse sind jedoch noch als vorläufig zu betrachten und routinemäßig sollten AMH-Werte bei Frauen mit MS nicht bestimmt werden.

Obwohl es zu den Auswirkungen immunmodulatorischer Therapien auf die Fertilität ebenfalls keine systematischen Untersuchungen gibt, scheinen auch diese aus dem klinischen Alltag heraus keinen größeren Einfluss auf die Fruchtbarkeit zu haben.

Unter Interferon(IFN)-Therapie können Unregelmäßigkeiten und/oder Veränderungen der Menstruationsblutung auftreten; scheinbar jedoch ohne Einfluss auf die Ovulationsfähigkeit und somit auf die Fertilität.

Im Gegensatz dazu tritt bei ca. 35 % der Frauen älter als 35 Jahre unter Mitoxantron (MIX) eine permanente Amenorrhö auf.

Kontrollierte Studien zur Veränderung von Spermiogrammen unter Mitoxantron existieren nicht.

 

Unerfüllter Kinderwunsch und hormonelle Stimulationstherapien

Die Hinweise, dass reproduktionsmedizinische Behandlungen Schübe auslösen können, mehren sich. Wir haben die einzelnen Studien in [Tab. 1] zur besseren Übersicht zusammengefasst. Noch nicht ganz klar ist, ob bestimmte Hormontherapien für diesen Schubanstieg verantwortlich gemacht werden können. Bislang werden am ehesten GhRH-Agonisten als Schubauslöser (Medikamente der Downregulation) diskutiert, sodass GhRH-Antagonisten bevorzugt werden sollten. In einer prospektiven Untersuchung von Correale et al. wurden 16 Frauen, die 26-mal hormonell stimuliert wurden, untersucht. Begleitend wurden neben der klinischen Aktivität radiologische und immunologische Parameter erhoben. Bei erfolgloser Stimulation („nicht schwanger“) zeigte sich ein 7-facher Anstieg der Schubaktivität bzw. 9-facher Anstieg der MRT-Aktivität mit zusätzlicher Veränderung diverser Immunparameter. Auch alle anderen Arbeiten, die den Zusammenhang zwischen Schüben und reproduktionsmedizinischen Behandlungen untersuchten, fanden ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko für Schübe nach erfolgloser Stimulation.

Frauen mit MS sollten über einen möglichen Schubanstieg aufgeklärt werden. Ein generelles Abraten von dieser Behandlung sehen wir nicht als gerechtfertigt an. Die Ursache der Schuberhöhung bleibt spekulativ. Auf der einen Seite könnte der stetig schwankende Östrogenspiegel ein Grund sein, aber auch die direkten Effekte der verabreichten Hormone auf das Immunsystem. Auf der anderen Seite werden Faktoren wie Stress und/oder eine fehlende immunmodulatorische Begleittherapie diskutiert. Wir raten Frauen in der Regel ihre immunmodulatorische Therapie während der Stimulation beizubehalten.

 

Zum ausführlichen Artikel und zu Tabelle 1

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