• Perinatale Programmierung

Perinatale Programmierung

Ausgehend von epidemiologischen Beobachtungen hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Forschungsfeld entwickelt, das sich mit der Entstehung von Erkrankungen im späteren Lebensalter durch ungünstige Einflüsse während der Entwicklung beschäftigt.

Nach ersten wegweisenden Arbeiten in den 1970er-Jahren wurde das Thema einem breiten Publikum durch die retrospektiven Analysen einer Kohorte von mehr als 16 000 Männern und Frauen aus Hertfordshire (UK) bekannt, die den statistischen Zusammenhang zwischen erniedrigtem Geburtsgewicht und einem später erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse zeigten.

In der Folge veröffentlichte Artikel verwendeten zunehmend den Begriff der fetalen oder perinatalen „Programmierung“, um den Zusammenhang zwischen früher Entwicklung und späteren Erkrankungen zu betonen. Während sich dieser Begriff im Deutschen durchgesetzt hat, gibt es im Englischen für das Forschungsfeld darüber hinaus die etwas weiter gefasste und anschaulichere Beschreibung des „entwicklungsbedingten Ursprungs von Gesundheit und Erkrankung“ (DoHaD, Developmental Origins of Health and Disease).

Beiden Begriffen liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Organismus sowohl pränatal als auch in bestimmten postnatalen Entwicklungsfenstern in der Lage ist, auf veränderte Umweltbedingungen mit komplexen Anpassungsprozessen zu reagieren. Diese sichern ein Überleben in der Akutsituation, können jedoch gleichzeitig unwiderrufliche Veränderungen auf struktureller und funktioneller Ebene verursachen und damit den Grundstein für spätere Erkrankungen legen.

Historische Entwicklung des Forschungsfelds

Im Jahr 1933 wurde in einer im Lancet veröffentlichten Analyse festgestellt, dass die Lebensbedingungen in den ersten 15 Lebensjahren einen großen Einfluss auf die Gesundheit im Laufe des gesamten Lebens haben. Zudem wurde postuliert, dass der Rückgang der Sterblichkeitsrate von Kleinkindern im Wesentlichen auf eine Verbesserung der mütterlichen Gesundheit zurückzuführen sei.

Funktionelle Teratologie. Anfang der 1970er-Jahre veröffentlichte eine Berliner Arbeitsgruppe um Prof. Günter Dörner Artikel, die das Konzept der funktionellen Teratologie vorstellten. Fast alle großen Erkrankungsbereiche, bei denen heute ein pathogenetischer Zusammenhang mit der frühkindlichen Entwicklung als gesichert gilt, wurden auch von Dörner in diesem Kontext erwähnt. So gibt es Arbeiten, die einen möglichen Zusammenhang zwischen perinataler Ernährung und Adipositas, Diabetes mellitus, Arteriosklerose, Gehirnentwicklung und neurokognitiven Störungen diskutieren.

Zeitfenster. Mitte der 1970er-Jahre wurde erstmals auch in einer großen epidemiologischen Studie gezeigt, dass die Söhne von Müttern, die während der Frühschwangerschaft der holländischen Hungersnot 1944–45 ausgesetzt waren, eine erhöhte Prävalenz für Adipositas im Alter von 19 Jahren aufwiesen. Waren die Mütter jedoch zu Beginn der Hungersnot bereits im letzten Trimenon, konnte keine erhöhte Rate an Fettleibigkeit bei den Nachkommen nachgewiesen werden. Diese Studie zeigt somit auch einen weiteren Aspekt perinataler Programmierung. Nicht allein das Vorliegen einer intrauterinen Pathologie an sich, sondern auch die betroffene Entwicklungsphase in utero beeinflusst das daraus resultierende spätere Erkrankungsrisiko.

In einer anderen epidemiologischen Studie aus Norwegen wurde eine positive Korrelation zwischen der Anzahl frühkindlicher Sterbefälle (gewertet als Index für die Qualität der frühkindlichen Versorgung) in einer Kohorte und der Anzahl kardiovaskulärer Todesfälle im Alter von 40–69 Jahren berichtet. Zu dieser Zeit wurde auch der Begriff der Nährstoff-vermittelten Teratogenese entwickelt, der auf die möglichen Folgen einer gestörten mütterlichen Glukosetoleranz mit einer Über- statt Unterversorgung auf die langfristige Gesundheit der Nachkommen hinweisen soll.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Perinatale Programmierung

Aus der Zeitschrift Frauenheilkunde up2date 4/2016

Call to Action Icon
Frauenheilkunde up2date Jetzt abonnieren!

Quelle

Frauenheilkunde up2date
Frauenheilkunde up2date

EUR [D] 168,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit
Anke Rohde, Valenka Dorsch, Christof SchaeferPsychopharmakotherapie in Schwangerschaft und Stillzeit

Behandlungsprinzipien - Leitlinien - Peripartales Management

EUR [D] 39,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Klinikstandards in der Geburtsmedizin
Corinna Susanne BryanKlinikstandards in der Geburtsmedizin

EUR [D] 129,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Gynäkologie und Geburtshilfe compact
Bernhard UhlGynäkologie und Geburtshilfe compact

Alles für Station, Praxis und Facharztprüfung

EUR [D] 129,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.