• Postpartale Blutungen – Bedeutung und Sofortmaßnahmen

    Schon vor und während der Geburt sollten Risikofaktoren für postpartale Hämorrhagien identifiziert werden.

     

Postpartale Blutungen – Bedeutung und Sofortmaßnahmen

Mit ca. 140.000 Todesfällen pro Jahr zählen postpartale Blutungen zu den weltweit häufigsten mütterlichen Todesursachen. Dabei gelten etwa 70 bis 80 Prozent als potenziell vermeidbar.

Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, ist Zweierlei erforderlich: Zum einen qualifiziertes medizinisches Fachpersonal, welches in Notfällen die Risikofaktoren primärer postpartaler Hämorrhagien (PPH) identifiziert, Symptome rechtzeitig erkennt und behandeln kann, zum anderen ein gut funktionierendes Management.

Für eine optimale medizinische Versorgung der Mütter wird die Anwendung eines einheitlichen Handlungsalgorithmus empfohlen. Zur Erkennung und Reduzierung postpartaler Risikofaktoren sind eine spezielle Ausbildung sowie eine regelmäßige Weiterbildung des geburtshilflichen Personals erforderlich – kontinuierliche Ausbildungs- und Schulungsprogramme sind in der Realität aber noch die Ausnahme.

 

Das Risiko richtig einschätzen und erkennen

Mit dem Antizipieren von Risikofaktoren aus Anamnese, Schwangerschaft und Geburtsverlauf beginnt die Prävention der PPH. Denn bei mindestens 40 Prozent der Patientinnen liegen identifizierbare Risikofaktoren vor.

Zur Evaluierung der Risikofaktoren liefern in der Regel die „vier T“ genauere Hinweise auf die Ursache der Blutungen:

  • Tonus
  • Trauma
  • Tissue
  • Thrombin (Koagulopathie)

 

Besteht ein Risiko für PPH, gibt es einige klinische Konsequenzen zur Prävention:

  • Uterotonika in Griffnähe
  • Prophylaktische Gabe von Oxytocin oder Carbetocin
  • Aktive Leitung der Nachgeburtsperiode

Schon die prophylaktische Gabe von Oxytocin i.v. vermindert die PPH-Rate um etwa 60 Prozent.

 

Sofortmaßnahmen

Tritt eine postpartale Blutung ein, ist die wohl wichtigste Maßnahme, die Blutungsursache schnellstmöglich zu erkennen, um diese unverzüglich und gezielt medikamentös und/oder chirurgisch zu beseitigen. Visuell wird der Blutverlust bei PPH um 30 bis 50 Prozent unterschätzt, weshalb der tatsächliche Blutverlust stets gemessen werden sollte. Praktisch gibt es für die Messung keine Patentlösung, doch lässt sich die verlorene Blutmenge anhand von durchtränkten Vorlagen und Tüchern oder Blutauffangbeuteln und Nierenschalen besser abschätzen.

Zu den allgemeinen Sofortmaßnahmen bei einer postpartalen Hämorrhagie gehören weiterhin: 

  • Legen von zwei adäquaten venösen Zugängen
  • Sofortige Blutentnahme für das Notfalllabor (Blutbild, Gerinnung, Kreuzblut)
  • Blutdruck und Puls stetig messen (Blutdruckmanschette)
  • Initiale Volumensubstitution mit 1.000 – 2.000 ml Elektrolytlösung/HES 130/0,4 i.v.
  • Ruf nach kompetenter Hilfe innerhalb von 10 min. (Facharzt)

Je nach Blutungsintensität und Verlauf können Pulsoxymetrie, ein Blasenverweilkatheter und die Sauerstoffgabe über eine Maske notwendig sein.

 

Interdisziplinär behandeln

Eine anhaltende PPH ist immer ein interdisziplinärer Notfall, weshalb die klare und abgesprochene Aufgabenverteilung zwischen Geburtshelfer und Anästhesisten nach einem eindeutigen Handlungsplan von ausschlaggebender Bedeutung ist.

  • Anästhesist: Hypothermie und Azidose vermeiden, ionisiertes Kalzium im Normbereich halten, Kreislauf mit Volumengabe und Medikamenten stabilisieren
  • Geburtshelfer: Medikamentöse Therapie zur Uterustonisierung, geburtshilflich notwendige Maßnahmen

Besonders die Entscheidung zu einer operativen Intervention sollte in gemeinsamer Absprache und in Abhängigkeit von der aktuellen klinischen Situation der Patientin getroffen werden.

 

Mehr zum Thema lesen Sie im neu erschienenen Buch „Kreißsaal-Kompendium – Das Praxisbuch für die Geburtshilfe“ herausgegeben von Axel Feige, Werner Rath und Stephan Schmidt unter der Mitarbeit der Hebamme Ulrike Kopf-Löchel. Erschienen 2013, Georg Thieme Verlag KG.

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