• Psychische Folgen der assistierten Reproduktion

    Ungewollte Kinderlosigkeit stellt eine schwere Belastung für die betroffenen Paare dar. Frauen sind von Depressionen stärker betroffen als Männer (Symbolbild, Quelle: imagesource).

     

Psychische Folgen der assistierten Reproduktion

Hintergrund: Ungewollte Kinderlosigkeit stellt eine schwere Belastung für die betroffenen Paare dar und ist nicht selten sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit psychischen Störungen wie Depression, Angst und sozialem Rückzug assoziiert. Aufgrund unterschiedlicher gesellschaftlicher Erwartungen leiden Frauen stärker unter der Kinderlosigkeit und der assistierten reproduktionstechnologischen Behandlung (ART). Die Infertilität selbst sowie die damit verbundenen Therapien verursachen emotionalen Stress. Es ist wenig über die emotionale Response nach wiederholten Therapiezyklen bekannt. Ziel der portugiesischen Studie war es, den Einfluss der ersten bzw. wiederholter ART-Behandlungen auf Angst- und Depressionslevel bei infertilen Paaren zu untersuchen sowie Geschlechts- und Gruppenunterschiede zu evaluieren.

Europ J Obstet & Gynecol Reprod Biol 2013; 171: 61–66

 

Methoden: In die prospektive Studie wurden zwischen Oktober 2009 und April 2010 89 infertile Paare eingeschlossen, davon 43 vor der ersten und 46 mit wiederholten ART-Behandlungen. Die psychologische Beurteilung der Partner erfolgte vor dem ersten bzw. dem nächsten Therapiezyklus. Hierbei wurden mit dem „Beck Depression Inventory-II“ (BDI-II) das Depressionslevel und mit Hilfe des „State-Trait Anxiety Inventory Form Y“ (STAI-Y) die sog. „State-Angst“ (d. h. Angst als vorübergehender emotionaler Zustand) und die „Trait-Angst“ (d. h. Angst als überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal) erfasst.

 

Ergebnisse: Paare vor dem ersten Therapiezyklus zeigten höhere State-Angst-Level als Paare nach wiederholten ART-Behandlungen (p < 0,05). Die Depressionslevel waren höher bei Paaren mit wiederholten Behandlungszyklen (p < 0,05), vor allem auf der kognitiven und affektiven Ebene. In beiden Gruppen hatten Frauen und Männer höhere State-Angst- als Trait-Angst-Level (p < 0,05). Hinsichtlich der Depressionslevel zeigten Frauen beider Gruppen signifikant höhere Scores als Männer (p < 0,01).

 

Folgerung: Die Studiendaten unterstützen die Beobachtung, dass Infertilität psychischen Stress hervorruft – unabhängig davon, ob ein Paar sich erstmals oder wiederholt ART-Behandlungen unterzieht. Im Gegensatz zu Männern leiden Frauen häufiger an Angst und Depressionen. Dass Paare unter wiederholten Behandlungen niedrigere State-Angst-Level zeigten, so die Autoren, sei ein Hinweis darauf, dass eine detailliertere Aufklärung über die medizinischen Techniken die unmittelbare Angst der Patienten reduzieren könne. Die größere Neigung zu Depressionen in der Gruppe der wiederholt therapierten Paare sei auf das zunehmende Gefühl der Machtlosigkeit zurückzuführen. Die Autoren empfehlen ein psychologisches Screening aller Patienten, um Paare mit größerer psychischer Vulnerabilität zu identifizieren. Zudem seien auf die individuelle Geschichte jedes Paares zugeschnittene psychologische Interventionen sinnvoll. Die Autoren empfehlen weiterhin, die psychischen Auswirkungen der Dauer der Kinderlosigkeit zu untersuchen.

Dr. C. Weber, Künzell

 

Kommentar

Diese Untersuchung unterstreicht die Feststellung von Maio (2012) „Ziel der Reproduktionsmedizin muss es idealerweise sein, das Leiden kinderloser Paare zu behandeln, dabei kann sich die Reproduktionsmedizin nicht allein auf die Technik zurückziehen, sondern sie mus sich ebenfalls dafür verantwortlich fühlen, den Paaren bei psychischer Bewältigung der Kinderlosigkeit zu helfen.“

Prof. Dr. med. J. Baltzer, Krefeld

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