• Afrikanische Frau mit Kind auf dem Arm Thieme Verlag Gynaekologie

    Vor allem im subsaharischen Afrika werden Frauen noch beschnitten - aus GebFra

     

Rekonstruktion nach weiblicher Genitalverstümmelung

Hintergrund: In den vergangen 10 Jahren ist es nach Schätzungen der WHO bei 130 bis 140 Mio. Frauen weltweit zu Genitalverstümmelungen gekommen, vor allem im subsaharischen Afrika. Die meisten Betroffenen haben ihr Leben lang keinen Zugang zu rekonstruktiven chirurgischen Maßnahmen (De-Infibulation), wie sie mittlerweile verfügbar sind. Inwieweit diese Rekonstruktionen allerdings kurz- und langfristig zu den von den Frauen erhofften Erfolgen führen, wurde bisher nicht untersucht. Pierre Foldès, der die Methode zur operativen Rekonstruktion entwickelt hat, und seine Mitarbeiter berichten über ihre Ergebnisse. Lancet 2012; 380: 134–141

Methoden: In die prospektive Kohortenstudie wurden zwischen 1998 und 2009 insgesamt 2938 Frauen ab dem 18. Lebensjahr aufgenommen, bei denen eine Genitalverstümmelung Typ II bzw. Typ III gemäß WHO vorgenommen worden war. Für die Rekonstruktion wurden in Allgemeinanästhesie zunächst der Klitorisstumpf freigelegt und Narbenbildungen entfernt. Anschließend wurde nach Mobilisierung des Klitorisschaftes der Stumpf so weit wie möglich nach unten an den Ort der früheren Glans clitoridis verlagert. Im Endeffekt wurde damit eine Art „Neoglans“ geschaffen, die die Funktion der Klitoris teilweise wieder herstellen sollte. Die Frauen beantworteten präoperativ einen Fragebogen zu ihren Erwartungen an den Eingriff, bestehende Schmerzen und klitorale Empfindungen, beurteilt jeweils auf einer 5-Punkt-Likert-Skala. Bei Frauen, die zur Nachuntersuchung nach einem Jahr erschienen, wurde der Fragebogen erneut erhoben und mit den prä- und postoperativen Angaben verglichen.

Ergebnisse: Die präoperativen Erwartungen bestanden bei den meisten Frauen in einer Wiederherstellung ihrer weiblichen Identität (99 %) und einem verbesserten Sexualleben (81 %). Mehr als einem Viertel der Frauen (29 %) war aber auch die Behebung chronischer Schmerzen wichtig. Die 1-Jahres-Nachuntersuchung nahmen 866 Patientinnen wahr, von denen 841 erneut den Fragebogen ausfüllten. Die meisten Frauen berichteten über eine Besserung der klitoralen Empfindungen: 129 von 368 Frauen, die nie zuvor einen Orgasmus erlebt hatten, berichteten über regelmäßige Orgasmen seit dem Eingriff, und die Hälfte der Frauen mit präoperativ eingeschränktem Orgasmus, berichtete über vollständige Orgasmen. Demgegenüber war bei insgesamt 20 Frauen postoperativ die Orgasmusfähigkeit verschlechtert. Vorher bestehende Schmerzen waren bei 821 der 840 Frauen gebessert oder nicht verschlechtert. Chirurgische Komplikationen waren insgesamt selten und meist gering ausgeprägt; sie umfassten Hämatome, Nahtdehiszenzen und leichtes Fieber unmittelbar postoperativ bei insgesamt 155 Frauen (5 %).

Folgerung: Eine Rekonstruktion der Klitoris nach weiblicher Genitalverstümmelung ist generell möglich und führt zu positiven Ergebnissen, vor allem bei präoperativen chronischen Schmerzen, und kann die Orgasmusfähigkeit wieder herstellen oder verbessern, so die Autoren. Allerdings sollte der Eingriff betroffenen Frauen möglichst zusammen mit weiteren Therapiemaßnahmen angeboten werden, die auch eine Sexualtherapie beinhalten.

Kommentar: Lancet 2012; 380: 90–92 Jasmine Abdulcadir und Kollegen würdigen in ihrem Kommentar die Daten der vorgestellten Arbeit. Sie erwähnen aber auch, dass diese Möglichkeiten einer rekonstruktiven Chirurgie nur einer geringen Anzahl von Frauen zur Verfügung stehen – vor allem in den Entwicklungsländern sind sie den meisten Betroffenen nicht einmal bekannt. Und dort, wo rekonstruktive Eingriffe zur Verfügung stehen, werden sie von Krankenversicherungen häufig als „kosmetische Chirurgie“ eingestuft und ihre Kosten daher nicht übernommen. Hier bleibt sicher noch viel zu tun, auch für die Gesundheitspolitik. Erstes Ziel allerdings muss es sein, in einem multidisziplinären Ansatz über die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung aufzuklären, sodass sie nicht mehr akzeptiert wird. Dazu sind Psychologen, Urologen, Gynäkologen und Pädiater aufgerufen.  

Dr. Elke Ruchalla, Trossingen

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