• Frühgeborenes © Thieme Verlagsgruppe

     

Geburtshilfliche Techniken – Überleben von extrem Frühgeborenen

Frühgeburtlichkeit ist die Hauptursache für die neonatale Morbidität und Mortalität. In Deutschland kamen 2015 ca. 9% der Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) zur Welt. Diese Rate ist in den letzten Jahren relativ stabil geblieben. Entsprechend der Empfehlungen der AWMF-Leitlinie „Frühgeborene an der Grenze der Lebensfähigkeit“ von 2014 wird ab der 24 + 0 SSW die Überlebenschance behandelter Frühgeborener so hoch eingeschätzt, “dass im Regelfall eine lebenserhaltende Therapie anzustreben ist“.

Von besonderem Interesse ist also die Frage, wie ein drohender Spätabort bzw. eine extreme Frühgeburt vermieden und die Schwangerschaft mindestens in eine Schwangerschaftswoche mit Lebensfähigkeit prolongiert werden kann.

Bei über 75% aller perinatalen Todesfälle handelte es sich 2015 um Frühgeborene. Die mit Frühgeburtlichkeit einhergehende kindliche Morbidität spiegelt sich in den enormen Kosten wieder: Ein Großteil aller für kranke Kinder aufgewendeter finanzieller Mittel wird im Rahmen der Behandlung von Frühgeborenen verwendet. Diese Arbeit soll einen aktuellen Überblick über den möglichen Nutzen von Pessar, Cerclage und Muttermundverschluss zur Prävention einer Frühgeburt liefern. 

Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen der sonografisch gemessenen Zervixlänge im 2. Trimester und dem Risiko für eine Frühgeburt: je kürzer die Zervix, umso größer das Risiko. Per se haben Frauen mit einer positiven Frühgeburtenanamnese ein deutlich höheres Wiederholungsrisiko für eine erneute Frühgeburt. Dies gilt umso mehr bei einer sonografisch gemessenen verkürzten Zervixlänge. Damit stellt die zwischen der 20. und 24. SSW sonografisch gemessene Zervixlänge einen entscheidenden Risikofaktor für eine Frühgeburt dar. Nicht nur die Zervixlänge, sondern auch die Zervixkonsistenz spielt erfahrungsgemäß eine Rolle. Letztere kann sonografisch mittels Elastografie ermittelt werden. Derzeit liegen hierzu jedoch noch keine evidenzbasierten Daten vor, aber bereits erfolgte Untersuchungen sind vielversprechend und geben einen Ausblick auf zukünftige diagnostische Möglichkeiten.

Pessar

Das Ziel der Pessar-Einlage ist die Kompression der Zervix. Pessare sind einfach zu handhaben, können leicht ohne Anästhesie gelegt und entfernt werden und sind kostengünstig. In der sog. PECEP-Studie wurden 2012 in Spanien 385 Schwangere mit Einlingsschwangerschaft < 34. SSW und mit einer Zervixlänge von 25 mm randomisiert und bezüglich des Schwangerschaftsoutcomes untersucht. Diese Arbeit stellte die erste randomisiert kontrollierte Studie im Rahmen der Untersuchung der Pessartherapie dar. In der Gruppe der Schwangeren mit Pessar kam es deutlich seltener zu einer Geburt vor der 34. SSW (6 vs. 27%, p < 0,0001). Unter der Pessartherapie wurden keine schweren Nebenwirkungen beschrieben. Bemerkenswert an dieser Studie ist aber die hohe Rate an Frühgeborenen in der Kontrollgruppe. Hierzu nehmen die Autoren jedoch keine Stellung. Insgesamt folgerten sie aus den Ergebnissen, dass die Pessartherapie bei Frauen, die im 2.Trimesterscreening durch eine sonografisch gemessene Verkürzung der Zervix aufgefallen waren, das Frühgeburtenrisiko vermindert.

Die Ergebnisse der Studien von Hui et al. 2013 und Nikolaides et al. 2016 bestätigen dies allerdings nicht. Die Gruppe um Hui et al. untersuchte Frauen mit Einlingsschwangerschaften aus einem Niedrigrisiko-Kollektiv. Diejenigen mit einer Zervixlänge < 25 mm zwischen der 20. und 24. SSW wurden in eine randomisiert kontrollierte Studie aufgenommen und hinsichtlich der prophylaktischen Pessartherapie verglichen. Gegenübergestellt wurde das Outcome von 53 Frauen mit Pessar und 55 Frauen ohne Pessartherapie. Hier zeigten sich keine Unterschiede hinsichtlich einer Entbindung vor der 34. SSW (9,4 und 5,5%, p = 0,46). Nikolaides et al. untersuchten im Rahmen der bisher weitaus größten randomisiert kontrollierten Multizenter-Studie Schwangere mit Pessartherapie (n = 465) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (n = 467) bei einer Zervixlänge < 25 mm zwischen 20 + 0 und 24 + 6 SSW. Hinsichtlich einer Frühgeburt < 34 SSW ergaben sich keine signifikanten Unterschiede (12,0 vs. 10,8%, p = 0,57). Zudem zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der perinatalen Mortalität (3,2 vs. 2,4%, p = 0,42), einem schlechten neonatalen Outcome (6,7 vs. 5,7%, p = 0,55) noch hinsichtlich dem Bedarf einer speziellen neonatalen Versorgung (11,6 vs. 12,9%, p = 0,59).

Zur Frage der Pessartherapie bei Zwillingen weisen 2 aktuelle Arbeiten ein positives Ergebnis auf. Di Tommaso et al. untersuchten im Rahmen einer allerdings retrospektiven Studie den Effekt einer Pessartherapie in Zwillingsschwangerschaften bei Zervixlänge < 25 mm zwischen 21 und 31 SSW. Insgesamt 80 Patientinnen wurden untersucht, davon erhielt die Hälfte eine Pessartherapie. Unter Pessartherapie kam es erst in einer signifikant höheren Schwangerschaftswoche zur Geburt (35 vs. 33 Wochen, p = 0,02). Zudem konnte signifikant die Inzidenz einer Frühgeburt < 36 SSW und < 34 SSW reduziert werden (p < 0,05), allerdings nicht die Inzidenz von Frühgeburten vor 32 SSW. In einer prospektiven, randomisierten Multizenter-Studie, der PECEP-twin-Studie, wurden 137 Frauen mit Zwillingsschwangerschaft bei einer sonografischen Zervixlänge ≤ 25 mm randomisiert. In der Pessargruppe kam es signifikant seltener zu einer Frühgeburt < 34 SSW als in der Kontrollgruppe (16,2 vs. 39,4%, p = 0,003). Daher empfiehlt die Gruppe um Goya die Pessartherapie bei Frauen mit Zwillingsschwangerschaft und sonografisch verkürzter Zervixlänge. 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Geburtshilfliche Techniken – Nutzen von Pessar, Cerclage und Muttermundverschluss für das Überleben von extrem Frühgeborenen

Aus der Zeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde 9/2016

 

Call to Action Icon
Geburtshilfe und Frauenheilkunde Jetzt kostenlos testen!

Newsletter Gynäkologie

  • Thieme Newsletter - Wissen das sich anpasst - Jetzt kostenlos registrieren

    Jetzt kostenlos anmelden

    Mit brandaktuellen News und Neuerscheinungen, Schnäppchen und tollen Gewinnspielen sind Sie up to date und immer einen Schritt voraus.

Quelle

Geburtshilfe und Frauenheilkunde
Geburtshilfe und Frauenheilkunde

EUR [D] 154,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

Gynäkologie und Geburtshilfe compact
Bernhard UhlGynäkologie und Geburtshilfe compact

Alles für Station, Praxis und Facharztprüfung

EUR [D] 129,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Erscheinungstermin: Ca. 11.10.2017

Checkliste Neonatologie
Orsolya Genzel-Boroviczény, Walter Mihatsch, Reinhard Roos, Susanne Bechtold-Dalla Pozza, Marcus BenzCheckliste Neonatologie

EUR [D] 39,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Beatmung von Kindern, Neugeborenen und Frühgeborenen
Alexander Humberg, Egbert Herting, Wolfgang Göpel, Christoph HärtelBeatmung von Kindern, Neugeborenen und Frühgeborenen

Ein Leitfaden für Pädiater, Neonatologen und Anästhesisten

EUR [D] 59,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.