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    Nach einer Entbindung per Kaiserschnitt wird Frauen, die erneut schwanger sind, meist zu einer weiteren Sectio-Entbindung geraten, obwohl eine vaginale Geburt oftmals möglich wäre.

     

Vaginale Geburt nach vorangegangenem Kaiserschnitt?

Hintergrund: Hat eine Frau einmal per Kaiserschnitt entbunden, stellt sich bei einer nachfolgenden Schwangerschaft die Frage nach dem optimalen Entbindungsmodus. Im Allgemeinen wird diesen Frauen eher zu einem erneuten Kaiserschnitt geraten, obwohl möglicherweise eine vaginale Geburt in Frage käme. Ursachen sind u. a. die Furcht vor Komplikationen wie eine Uterusruptur unter den Wehen, die Notwendigkeit einer Notfallsectio und ungünstige kindliche Outcomes. Eine Arbeitsgruppe aus Großbritannien legt Daten dazu vor.
BJOG 2014; 121: 183–193

Methoden: Die Observationsstudie hat Daten des britischen „National Health Service“ zur Auswertung herangezogen. Eingeschlossen wurden dabei alle Erstgebärenden im Alter zwischen 15 und 45 Jahren, bei denen zwischen April 2004 und März 2011 per Kaiserschnitt ein lebendes Kind entbunden worden war (nur Einlingsschwangerschaften) und die bis März 2012 ein 2. Kind zur Welt gebracht hatten. Ausgeschlossen waren Frauen, bei denen bei der 2. Entbindung eine vaginale Geburt aus medizinischen Gründen absolut kontraindiziert war, eine Frühgeburt vorlag oder eine Notfallsectio vor Einsetzen der Wehen notwendig wurde. Beurteilt wurde die Häufigkeit einer angestrebten bzw. einer erfolgreichen vaginalen Geburt nach vorangegangener Sectio und Parameter, die damit in Zusammenhang standen.

Ergebnisse: Insgesamt 143 970 Frauen konnten in die Auswertung aufgenommen werden. Davon entband etwas weniger als die Hälfte bei der 2. Geburt per elektiver Sectio (n = 68 884), bei den übrigen Frauen wurde zunächst eine vaginale Entbindung versucht (n = 75 086; 52,2 %). Nach Adjustierung für Störfaktoren war das häufiger bei jüngeren Frauen, nicht-weißen Frauen und bei Frauen mit schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen der Fall. Ebenso wurde eine vaginale Entbindung eher angestrebt, wenn das erste, per Sectio entbundene Kind ein geringeres Geburtsgewicht aufgewiesen hatte und wenn der Abstand zur Sectio weniger als 3 Jahre betrug. Klinische Risikofaktoren wie Vorhandensein eines Gestationsdiabetes oder einer Hypertonie verminderten dagegen die Wahrscheinlichkeit für den Versuch einer vaginalen Geburt.

Bei 63,4 % der Frauen, bei den eine vaginale Geburt angestrebt worden war, wurde sie erfolgreich abgeschlossen (n = 47 602). Dabei ging ein geringeres Alter der Mutter und weiße Ethnie mit einer höheren Erfolgsrate einher. Lag die Sectio mehr als 3 Jahre zurück, war die Erfolgsrate vermindert, ebenso bei Risikofaktoren wie Gestationsdiabetes und vorzeitigem Blasensprung sowie bei hohem kindlichem Geburtsgewicht. Und schließlich bestand bei Frauen, bei denen die erste Geburt per Notfallsectio erfolgt war, eine geringere Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche vaginale Entbindung, vor allem wenn die Indikation für die Sectio eine fehlgeschlagene Geburtseinleitung war. Insgesamt kam es während des ausgewerteten Studienzeitraums zu einer leichten Zunahme von vaginalen Geburtsversuchen, die nicht durch kindliche und / oder mütterliche Faktoren erklärbar war.

Folgerung: Nur bei etwas mehr als der Hälfte der Frauen, bei denen nach einer ersten Sectio eine vaginale Geburt theoretisch möglich gewesen wäre, wurde das auch versucht. In diesem Fall konnte die vaginale Entbindung bei nahezu 2 Dritteln der Frauen erfolgreich zu Ende geführt werden. Die in dieser Arbeit ermittelten Risikofaktoren für den Fehlschlag einer vaginalen Entbindung nach Erstsectio könnten Kliniker bei ihrer Entscheidung für das zu wählende Geburtsverfahren und bei der Beratung der betroffenen Frauen unterstützen, meinen die Autoren.

Dr. E. Ruchalla

Kommentar

Trotz dieser umfangreichen Daten gilt die von Brack und Schneider (2011) getroffene Feststellung, dass bei der Diskussion der mit den verschiedenen Entbindungsvarianten – wie der elektiven Sectio oder einer VGNS – verbundenen Risiken zwischen den Angaben der Literatur, bei denen es sich um statistische Größen handelt, die lediglich das Mittel eines Spektrums individueller Risiken wiedergeben, und dem individuellen Risiko unterschieden werden muss. Hier hat der ärztliche Berater nicht nur das Recht, sondern die Pflicht eine an der individuellen Situation orien-tierte und im Konsens mit der Patientin getroffene Empfehlung auszusprechen.

Prof. Dr. J. Baltzer

Aus: GebFra 7/14

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