• Geburt

     

Die Hebamme und die Norm

Es ist ein ruhiger Dienst im Kreißsaal. Da hören wir vom Flur her lautes Schreien und Stöhnen. Vertraute Geräusche.

Die Tür öffnet sich. Vor mir sitzt eine Frau im Rollstuhl, kurze Haare, nackter Unterleib. Sie schlägt sich hart auf ihre Vulva und schreit nach Hilfe. Sanitäter halten sie mühsam im Stuhl. Der Mann hinter ihr schaut ausdruckslos zu. Es ist eine schöne Frau. Wirr und verzweifelt. Ich nehme sie fest in den Arm, sodass sie ruhig wird, mich anschaut und sagt: „Beschütze mich. Hilf mir.“ Langsam löse ich mich, spreche mit ihr. Meine Knie zittern. Gleich bekommt sie ihr Baby. Ich will sie beschützen. Vor dem Anlegen eines CTG, vor einer Untersuchung, vor Licht. Der Kreißsaal ist klein wie eine Höhle. Sie springt aufs Bett und klopft sich wieder auf die Vulva. Wie weh das tun muss! Kolleginnen rufen den Arzt. Der kommt grußlos herein, macht Licht, zieht einen Handschuh an … Sie schlägt nach ihm. In der Hoffnung, sein Empathie-Gen zu wecken, bitte ich ihn kopfnickend aus dem Raum. Er möge den mobilen Dopton holen, wenn er unbedingt Herztöne braucht, schlage ich vor. Er will mich anschreien, ich lasse ihn stehen.

Die Frau stürzt sich in meine Arme: „Bleib hier!“ Der Mann streichelt ihren Kopf und singt leise ein Kinderlied. Der Kopf des Kindes ist zu sehen. „Wollen wir es zusammen machen?“, frage ich. „Ja, Zusammen“, sagt sie. Als der Kopf geboren ist, sagt sie mit Kinderstimme: „Alleine.“ Der junge Arzt schaut kopfschüttelnd, aber ruhig zu. Frei von Angst zieht sie ihr Baby heraus und hält es fest im Arm. Jetzt zeigt sie einen klaren Blick und ein Lächeln des Glücks. Leise fängt sie an, zu weinen. Ich auch.

„Danke. Danke“, sagt sie. Der klare Moment ist vorbei. Sie wird wieder unruhig, lässt fast das Baby fallen. Sie weint und sagt: „Sie nehmen es weg. Mein Baby. Meins.“ Dabei drückt sie ihre kleine Tochter fest an sich. Der Mann, der nicht ihr Partner ist, erklärt mir, dass sie eine Psychose hat und das Baby bei einer Vergewaltigung entstanden ist. Das Jugendamt würde morgen die Kleine holen. Er fleht mich an, sie ihr nicht gleich wegzunehmen. Ich sehe eine Frau voller Liebe und Hingabe für ihr Baby.

Der Kinderarzt steht schon hinter mir. Er müsse das Baby auf Drogen untersuchen. Ich sage ihm, er könnte eine Blutkontrolle bei der Mutter machen oder die Plazenta untersuchen lassen. Ach ja, das ginge auch! Auf der Wochenbettstation tuscheln die Schwestern: „Die gehört doch in die Nervenklinik.“ Spricht aus solchen Sätzen Angst und Überforderung? Ich frage mich, wie wenig wir ausgebildet sind für solche Situationen. Für Menschen, die etwas anders sind. Wie wenig wir lernen, hinzuschauen und diese Andersartigkeit zu respektieren. Selbst wenn wir sie nicht verstehen.

Aus der Zeitschrift: Die Hebamme 03/2019

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