• Einschätzung des Geburtsfortschrittes - Hebammenarbeit - Georg Thieme Verlag

     

Aussagekräftige Methoden zur Einschätzung des Geburtsfortschrittes

Angesichts hoher Interventionsraten bei Gebärenden mit niedrigem Ausgangsrisiko ist die Entscheidungsgrundlage für Interventionen neu zu hinterfragen. Die Beurteilung des Geburtsfortschrittes beeinflusst maßgeblich den Einsatz von Medikation und mechanischen Interventionen. Die vaginale Untersuchung als zentraler Parameter für das Voranschreiten der Geburt steht in der Fachwelt auf dem Prüfstand. Die Autorin identifiziert mögliche Alternativen zur Beurteilung des Geburtsfortschrittes und leitet Empfehlungen für die Geburtsbetreuung durch Hebammen ab.

In der heutigen Geburtshilfe wird die vaginale Untersuchung als Standard zur Diagnostik des Geburtsfortschrittes verwendet. Im klinischen Alltag bestimmen standardisierte, regelmäßige vaginale Untersuchungen die Praxis. In der Regel wird in der Eröffnungsperiode alle zwei Stunden und in der Austreibungsperiode halbstündlich bzw. stündlich eine vaginale Untersuchung durchgeführt, um den kontinuierlichen Geburtsfortschritt nachzuweisen. In der Praxis werden der Literatur zufolge weitaus mehr vaginale Untersuchungen durchgeführt, als aus dem Partogramm hervorgehen.

Die Nice Guidelines empfehlen bei einem physiologischen Geburtsverlauf eine vaginale Untersuchung alle vier Stunden, um den Geburtsfortschritt beurteilen zu können. Die WHO sowie „Evidence Based Guidelines for Midwifery – Led Care in Labour“ geben sogar an, dass es derzeit keine direkten Belege für die am besten geeignete Häufigkeit dieser Untersuchung gibt. Sie steht in Abhängigkeit zum Geburtskontext und Geburtsstadium.

Wenn Hebammen eine innere Untersuchung durchführen, gilt es zu Bedenken, dass sie damit die Konzentration der Gebärenden unterbrechen. Zum einen müssen sie um die Erlaubnis zur Untersuchung bitten. Zum anderen wird die Wehende durch die Entkleidung und Lagerung in einer günstigen Position aus dem Rhythmus des Wehen-Pausen-Musters gerissen. Diese Unterbrechung kann bei der Frau Stress auf psychischer und physischer Ebene auslösen. Das möglicherweise daraus resultierende Angst-Spannungs-Schmerz-Syndrom kann das Geburtsgeschehen wesentlich verzögern und das Outcome für Mutter und Kind negativ beeinflussen.

Der Vorgang der Geburt wird durch das Gehirn gelenkt. Der Hirnstamm, der primitive Teil des Gehirns, produziert Hormone, um muttermundwirksame Kontraktionen zu erzeugen. Gleichzeitig wird der Neokortex, der emotionale Teil, auf Reserveeinheit gesetzt. Wehende Frauen ziehen sich daher im Verlaufe der Geburt zurück und wollen nicht mehr mit ihrer Umwelt in Kontakt treten, um sich auf das Geschehen in ihrem Körper zu fokussieren. Wenn der Neokortex durch externe Reize stimuliert wird, werden der Teil des Hirnstammes und die damit einhergehenden instinktiven Prozesse gehemmt. Es werden wehenhemmende Hormone wie Adrenalin, Norepinephrin und Cortisol ausgeschüttet. Bewertet man die vaginale Diagnoseerhebung anhand dieser Fakten, wird klar, dass durch das gestörte hormonale Gleichgewicht eine Irritation des Hirnstammes entsteht und durch die gleichzeitige Aktivierung des Neokortex das Tempo der Geburt gedrosselt werden kann.

 

Merke

Den Vorteilen der diagnostischen vaginalen Untersuchung stehen auch verschiedene Nachteile gegenüber, die zu einer Drosselung des Geburtsfortschrittes führen können. Die vaginale Untersuchung sollte demnach nur mit streng gestellter Indikation durchgeführt werden.

Die diagnostische Aussagekraft der vaginalen Untersuchung wurde zudem durch zahlreiche Forschungsteams in Frage gestellt, wobei sie eine limitierte Präzision ergab. Die Bewertung der vaginalen Untersuchung korreliert mit einer starken Assoziation der geburtshilflichen Erfahrung der Hebamme. Das relativiert die Notwendigkeit regelmäßiger vaginaler Untersuchungen und stellt insbesondere das Untersuchen nach zeitlichen Kriterien in Frage. Eine Reihe von Studien zeigt die Limitationen und Unschärfen sowie die mangelnde Genauigkeit der Methode auf. Demnach stellt sich die Frage, inwieweit die Dominanz dieser Diagnosepraxis durch nichtinvasive Methoden ergänzt und präzisiert werden kann.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Aussagekräftige Methoden zur Einschätzung des Geburtsfortschrittes

Aus der Zeitschrift: Die Hebamme 01/2020

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