• „Entschuldigung, mein Baby vibriert …“

     

„Entschuldigung, mein Baby vibriert …“

Am Stützpunkt der nächtlichen Wochenbettstation steht mir ein Vater in Boxershorts mit strubbeliger Sturmfrisur gegenüber. Das Neugeborene, das in seinen Armen zappelt, hält er mit beiden Händen einige Zentimeter von sich gestreckt, als wäre es ein überdimensionales, sehr, sehr zerbrechliches Ei, das jederzeit zerspringen könnte, wenn man es zu fest in den Arm nehmen würde. Er wirkt müde und ernstlich besorgt, das Baby hauptsächlich unbehaglich und leicht absturzgefährdet.

 

„Ja bitteschön, wie kann ich Ihnen helfen?“ Er sieht mich sehr ernst an. „Ja also, unser Baby vibriert regelmäßig und kontinuierlich …“ Er streckt das Kind noch ein bisschen weiter von sich und hält es mir direkt unter die Nase. Ich bin nur kurz überrascht und dann schwer damit beschäftigt ein Schmunzeln zu unterdrücken. Ich besehe mir den kleinen Kerl, der mich aus wachen, aufmerksamen Augen ansieht und wohl denkt: „Er macht wieder Theater ...“

Er gluckst leise, ehe er unter der nächsten Zwerchfellkontraktion erzittert. Sie sehen ja wirklich gebeutelt aus, wenn sie Schluckauf haben! Meine Erheiterung, ob der „Problematik“ habe ich mittlerweile in ein mitfühlendes Lächeln verpackt, das ich dem frischgebackenen Vater schenke. Ich erkläre ihm sachlich, was seinen kleinen Schatz da gerade – durchaus regelmäßig und kontinuierlich – bewegt, nehme ihm das Kind aus den Händen und lege es ihm in den Arm. „Sie können ihn ruhig festhalten, das macht ihm nichts und dann fühlt er sich gleich wohler. Wenn es gar nicht aufhören will, soll er noch einen Schluck aus dem Busen nehmen.“ Ich begleite die beiden zurück aufs Zimmer, in dem eine erschöpfte Wöchnerin leise schnarcht und lege ihre beiden Jungs neben ihr schlafen.

Die restliche Nacht philosophieren meine Kolleginnen und ich über die Unsicherheit frischgebackener Eltern und sammeln ähnlich lustige Fragen wie: „In welchem Winkel soll ich mein Kind anlegen?“ (Da war ich kurz versucht, zu antworten: „Am besten im rechten!“) Oder: „Mein Baby will gar nicht allein in seinem Bettchen liegen, ist das normal?“

Mir scheint es manchmal beinahe absurd, wie Eltern manche Dinge so sehr zerdenken, dass sie dabei gänzlich den Bezug zur Realität verlieren. Aber wenigstens erheitern sie mit ihren Fragen ein bisschen unseren nächtlichen Dienst – durchaus regelmäßig und kontinuierlich.

 

Aus der Zeitschrift  Die Hebamme 04/2018 , „Entschuldigung, mein Baby vibriert …“, Agnes Maier

 

Call to Action Icon
Die Hebamme Jetzt kostenlos testen!

Newsletter für Hebammen

  • Hippokrates Newsletter für Hebammen

    Jetzt kostenlos anmelden

    Melden Sie sich jetzt kostenlos zum Newsletter an und sichern Sie sich das Whitepaper: Ätherische Öle zur Behandlung von spezifischen Problemen von Frauen und Kindern

Quelle

Die Hebamme
Die Hebamme

EUR [D] 33,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

Ohne Deutsch im Kreißsaal
Eveline Stupka-GerberOhne Deutsch im Kreißsaal

Bild-Text-Karten zur Verständigung mit Migrantinnen

EUR [D] 39,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Praxisleitfaden für Familienhebammen und Sozialberufe
Hans Böhmann, Antje Michelt, Anna Stumpe, Christina Hillebrandt-Wegner, Monika LückPraxisleitfaden für Familienhebammen und Sozialberufe

Das Kind im ersten Lebensjahr

EUR [D] 24,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Lernprogramm Baby-Lesen
Ute Ziegenhain, Sigrid Gebauer, Birgit Ziesel-Schmidt, Anne Katrin Künster, Jörg M. FegertLernprogramm Baby-Lesen

Übungsfilme mit Begleitbuch für die Beratung von Eltern

EUR [D] 29,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.