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Phytopharmaka nach Dammverletzungen: Kamillenblüten und Eichenrinde

Phytopharmaka werden in der Hebammenarbeit häufig eingesetzt. Doch wie sieht es mit ihrem Nutzen und ihren Nebenwirkungen aus? In einer Reihe stellt Prof. Dr. Smollich verschiedene Phytopharmaka und ihre Anwendung in der Hebammenarbeit aus pharmakologischer Sicht vor. Diese Reihe beginnt mit der Kamille und der Eichenrinde für die Pflege von Dammverletzungen.

Kamille

Die Kamille gehört zu den ältesten Arzneipflanzen überhaupt und wird bereits seit Jahrtausenden heilkundlich verwendet. Ihr wissenschaftlicher Name Matricaria recutita deutet bereits auf die geburtshilfliche Anwendung hin, da er sich vom lateinischen Wort matrix für Gebärmutter/Mutterleib ableitet [[1]]. Die therapeutisch relevanten Inhaltsstoffe finden sich im komplexen Stoffgemisch des ätherischen Öls, zu dessen bekanntesten Inhaltsstoffen Alpha-Bisabolol, Matricin und Matricarin gehören [[2]]. Pharmazeutisch verwendet werden die Kamillenblüten (Matricariae flos) und der Flüssigextrakt (Matricariae extr. fluid.).

Die antiphlogistische und wundheilungsfördernde Wirksamkeit der Inhaltsstoffe der Kamille kann als belegt gelten [[3], [4]]. Der Effekt beruht auf einer Synthesehemmung proinflammatorischer Mediatoren [[5]]. Die für die Bewertung von Phytopharmaka zuständige Kommission E bei der deutschen Arzneimittelzulassungsbehörde (BfArM) bewertet die Anwendung der Kamille zur „Behandlung von Erkrankungen im Anal- und Genitalbereich“ positiv – wobei die entsprechende Monographie allerdings schon 25 Jahre alt ist [[6]]. Einige neuere klinische Untersuchungen scheinen diesen wundheilungsfördernden Effekt zu bestätigen – allerdings mit nur kleinen Probandenzahlen [[7], [8]]. Qualitativ aussagekräftige Untersuchungen insbesondere zur Anwendung in der Pflege von Dammverletzungen gibt es leider nicht.

Unerwünschte Nebenwirkungen sind in der Regel nicht zu erwarten; vor der Anwendung sollte jedoch in jedem Fall eine bestehende Allergie gegen Kamille oder andere Korbblütler (wie z. B. Beifuß, Arnika, Ringelblume oder Sonnenhut) ausgeschlossen werden. Liegt eine derartige Allergie vor, dürfen Kamille-haltige Zubereitungen nicht verwendet werden. Das Erstauftreten einer Kontaktallergie gegenüber Kamille ist bei Eigenzubereitungen sehr viel häufiger als bei den aufgereinigten Fertigpräparaten.

Wie bei allen Phytopharmaka muss insbesondere auch bei der Kamille auf eine ausreichende Konzentration der Inhaltsstoffe geachtet werden; im klassischen Kamillentee liegen diese wirksamen Mengen nicht vor [[9]]. Ebenso muss man bedenken, dass die lipophilen Wirkstoffe im ätherischen Öl enthalten sind, von denen bei wässriger Extraktion oder Teezubereitung nur ein sehr geringer Anteil in das Wasser übertritt [[3]]. Bei der rationalen Anwendung der Kamille sollten daher statt Tee möglichst alkoholische Extrakte verwendet werden. Supermarktware enthält herstellungs- und lagerungsbedingt häufig nahezu keine wirksamen Bestandteile mehr, weshalb auf standardisierte Apothekenware mit einem definierten Mindestgehalt zurückgegriffen werden sollte [[10], [11]]. Diese konzentrierten Extrakte können auch als Zusatz zu Sitzbädern gegeben werden und enthalten wesentlich höhere Konzentrationen der relevanten Inhaltsstoffe, als sie durch Teezubereitung je zu erreichen wären. 

Eichenrinde

Die Arzneibuchware „Eichenrinde“ (Quercus cortex) besteht aus der geschnittenen und getrockneten Rinde frischer, junger Zweige verschiedener Eichenarten; wichtig ist die Verwendung junger Triebe, da nur sie die erwünschten, hohen Gerbstoffkonzentrationen enthalten. Je nach verwendeter Eichenart, Alter der Zweige und Erntezeitpunkt enthält die Eichenrinde ein sehr heterogenes Gerbstoffgemisch, dessen Gehalt zwischen 8–20 % schwanken kann [[2]]. Eichenrinde in Arzneibuchqualität muss mindestens 3 % Gerbstoffe (Pyrogallol) enthalten.

Die für die Bewertung von Phytopharmaka zuständige Kommission E bewertet die Anwendung von Eichenrinde zur „lokalen Behandlung leichter Entzündungen im Genital- und Analbereich“ in ihrer aus dem Jahr 1990 stammenden Monographie positiv [[12]].

Dazu wird die Herstellung eines sogenannten Dekoktes (Abkochung) empfohlen: Dies geschieht für die Verwendung von Sitzbädern durch die Gabe von 5 g Eichenrinde in 1 Liter Wasser, das dann zusammen über 30 Minuten gekocht wird [[12]]; anschließend wird noch heiß durch ein Tuch filtriert und dieses schwach ausgepresst [[1]]. Nach Abkühlung des Filtrats kann es für Sitzbäder verwendet werden.

Alternativ sind anwendungsfertige Zubereitungen – sowohl in Form von Eichenrindenextrakten als auch als synthetische Gerbstoffe – im Handel erhältlich.

Der durch die Gerbstoffe vermittelte adstringierende Effekt soll antibakteriell wirken und die Flüssigkeitsabsonderung aus dem Gewebe herabsetzen; außerdem wirken die Inhaltsstoffe leicht oberflächenanästhesierend und juckreizstillend[[13]]. Unerwünschte Wirkungen sind bei der Anwendung von Eichenrindenextrakten nahezu ausgeschlossen.

Seit der positiven Bewertung durch die Kommission E hat es praktisch keine relevanten Forschungsarbeiten zur Wirksamkeit von Eichenrinden-Anwendungen auf die Wundheilung mehr gegeben. Zwar konnte für einzelne Inhaltsstoffe der Eichenrinde in Laborversuchen gezeigt werden, dass sie antiinflammatorisch, antibakteriell und antiviral wirken können [[13]], doch es existieren keine validen klinischen Daten zur Wirksamkeit beim Menschen, weder in Form von Sitzbädern nach Dammverletzungen noch hinsichtlich der Wundheilung allgemein. Aufgrund des hohen Gerbstoffanteils der Eichenrinde ist ein derartiger positiver Effekt aber durchaus vorstellbar. Sollen keine Fertigpräparate, sondern selbst hergestellte Abkochungen (s. o.) verwendet werden, muss auf jeden Fall auf ein ausreichend langes Abkochen (30 Minuten) geachtet werden, um sekundäre Wundinfektionen zu vermeiden.

Fazit

In der äußerlichen Pflege von Dammverletzungen können auch Phytopharmaka wie Extrakte aus Eichenrinde oder Kamillenblüten verwendet werden. Die entsprechende Wirksamkeit beider Phytopharmaka ist in hochwertigen Studien bislang zwar nicht belegt, aufgrund der verfügbaren Daten kann aber davon ausgegangen werden, dass sie zumindest eine schwache wundheilungsfördernde und antiinfektive Wirksamkeit besitzen.

Bei der Entscheidung für Phytopharmaka sollte möglichst nicht auf die Eigenzubereitung, sondern auf hochkonzentrierte Extrakte aus der Apotheke zurückgegriffen werden, da nur diese als Badezusatz ausreichend hohe Wirkstoffkonzentrationen liefern. Außerdem soll darauf hingewiesen werden, dass wirkstoffhaltige Eichenrinden- und Kamillenblütenextrakte nicht mit gleichnamigen homöopathischen Zubereitungen zu verwechseln sind, die keinen Pflanzenextrakt enthalten. Steht im konkreten Einzelfall bei der Pflege von Dammverletzungen die antiinfektive Wirksamkeit im Vordergrund, sollten sicherheitshalber keine Phytopharmaka, sondern hochwirksame Schleimhautdesinfizientien wie Polyvidon-Iod verwendet werden.

Aus Die Hebamme 27(4)/2015; Phytopharmaka nach Dammverletzungen: Kamillenblüten und Eichenrinde; Martin Smollich

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