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Sensorische Verarbeitungsstörung bei Säuglingen

Regulationsstörungen bei Säuglingen sind für Familien oft sehr belastend. Hebammen, als wichtige Ansprechpartnerinnen und Vertrauenspersonen, leisten hier die entscheidende Unterstützung. Zudem lassen sich durch frühzeitige und vorbeugende Interventionen Entwicklungsrisiken positiv beeinflussen.

Fallbeispiel: Eine Hebamme besucht eine junge Familie mit ihrer neugeborenen Tochter. Sie hat schon viele Familien betreut und kennt sich gut aus mit den Fragen und Bedürfnissen frischgebackener Eltern. Die Mutter öffnet die Tür. In ihrem Arm hält sie ihre Tochter aufrecht ganz eng am Körper. Sie zeigt mit dem Finger auf ihren Mund und deutet an, dass die Hebamme leise sein müsse, da die Tochter gerade eingeschlafen sei.

Hebammen sind vom ersten Tag an bei den Familien und gerade in der Anfangsphase meist wichtige Bezugspersonen, denen sich die Eltern anvertrauen. Für uns als Ergotherapeutinnen mit der Spezialisierung in der Säuglingstherapie ist die Zusammenarbeit mit Hebammen bedeutsam, da diese besonders bei Regulationsstörungen der frühen Kindheit eine gute Ressource darstellen. Wenn Symptome wie exzessives Schreien, Fütterprobleme und Schlafschwierigkeiten über mehrere Wochen bestehen bleiben, sind gerade Hebammen bei der Vermittlung von weiterführenden Maßnahmen und Therapien in Absprache mit dem behandelnden Arzt wegweisend.

Diagnose Regulationsstörung

Als die Mutter sich mit der Hebamme in der Küche hinsetzt, wird das Kind unruhig. Sofort springt die Mutter auf und läuft im Raum umher. Sie erzählt, dass das Kind nur schlafe, wenn sie in Bewegung bleibe. Zudem berichtet die Mutter, dass geringste Störungen, wie das Knarren einer Tür, ihre Tochter wecken würden. Die Eltern müssten für jedes Schläfchen großen Aufwand betreiben, das Kind lange im Arm umhertragen und könnten es nicht ablegen, da es sonst sofort aufwachen würde. Generell hätte das Kind tagsüber nur sehr kurze Schlafphasen von maximal 30 Minuten. Es klingt so, als müssten die Eltern außergewöhnlich viel dafür tun, den Alltag mit ihrem Kind zu gestalten. Die Hebamme sieht Anzeichen, die auf Schwierigkeiten bei der Regulation hindeuten, vielleicht sogar auf eine Regulationsstörung.

 

DEFINITION
 

Die Diagnose Regulationsstörung wird im deutschsprachigen Raum als Teil eines multifaktoriellen Störungskonzepts erfasst. Dem Kind zuordenbare Symptome sind demnach regelhaft mit dysfunktionalen Mustern der Eltern-Kind-Interaktion verbunden.

Entsprechend der AWMF-Leitlinie „Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter“ werden zwei Subtypen unterschieden:

  • Typ A: Regulationsstörung ohne Störung der sensorischen Verarbeitung
  • Typ B: Regulationsstörung mit Störung der sensorischen Verarbeitung

Typ A wird primär durch die Störung der Eltern-Kind-Interaktion gekennzeichnet. Durch alltägliche Krisen, wie die Verkennung kindlicher Signale, die überschießenden Reaktionen des Kindes sowie die Summation kleiner Missverständnisse und Unachtsamkeiten ist die Feinabstimmung zwischen Eltern und Kind beeinträchtigt. Dabei sind mindestens zwei Regulationsbereiche betroffen. Die betroffenen Regulationsbereiche und Symptome können typischerweise sehr variabel bezüglich der Intensität, Dauer und Häufigkeit ihres Auftretens sein und sich im Entwicklungsverlauf ablösen.

Häufig betroffene Regulationsbereiche sind Schlafen, Füttern, Beruhigung (versus exzessives Schreien) und der Umgang mit stressigen Situationen.

Die Regulationsstörung Typ B ist als anlagebedingte Störung der Verarbeitung sensorischer Stimuli zu verstehen. Betroffene Kinder zeigen aufgrund der sensorischen Verarbeitungsstörung persistierende Schwierigkeiten in der Eigenregulation von Verhalten, Emotion und Motorik, die u. a. spezifische Verhaltensmuster nach sich ziehen.


Aus der Beobachtung der Fälle in unserer ergotherapeutischen Praxis wissen wir, dass der Übergang zwischen den beiden Typen oft fließend ist. Einerseits führen sensorisch bedingte Schwierigkeiten typischerweise auch zu Störungen in der Eltern-Kind-Interaktion. Die Regulationsstörung bleibt bestehen, obwohl sich die sensorische Verarbeitung schon deutlich verbessert hat. Andererseits ist oft nur schwer zu definieren, ab wann eine Besonderheit der sensorischen Verarbeitung soweit beeinträchtigt ist, dass sie die primäre Ursache für die Regulationsstörung darstellt. Es ist auch vorstellbar, dass die dysfunktionale Interaktion von Anfang an das Hauptproblem darstellte.Laut der oben erwähnten Leitlinie unterscheiden sich Typ A und Typ B zudem darin, dass sich bei Typ A die betroffenen Regulationsbereiche innerhalb weniger Wochen ändern können. Bei einem Kind, das anfangs gut getrunken hat, zeigen sich nach einigen Wochen beispielsweise Schwierigkeiten beim Stillen. Das Kind trinkt unruhig, ist schnell ablenkbar und überstreckt sich häufig. Dann wird das Stillen wieder entspannter, dafür wird plötzlich das Einschlafen deutlich aufwendiger und die Schlafphasen werden kürzer. Anders bei Typ B: Aufgrund einer zugrundeliegenden Verarbeitungsstörung, die in der Regel nicht von selbst verschwindet, bleibt das Trinken schwierig.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Sensorische Verarbeitungsstörung bei Säuglingen – wie Hebammen unterstützend begleiten können
aus der Zeitschrift Die Hebamme 04/2020

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