Wenn Schwangere trinken, trägt das Kind die Folgen – lebenslang.

fzm - Eine Mutter, die während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert, bürdet ihrem Kind damit eine schwere Last auf, die unter Umständen sein ganzes späteres Leben zerstört. „Die langfristigen Folgen für das Kind selbst und seine Umgebung kann man sich nicht drastisch genug vor Augen führen“, sagt Dr. Heike Hoff-Emden, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Denn die betroffenen Kinder sind nicht nur kleiner und haben bestimmte Gesichtsauffälligkeiten, sie sind vor allem in ihrer Lernfähigkeit und in ihrer emotionalen Balance stark beeinträchtigt. Welche Defizite Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom aufweisen und wie man sie beim Erwachsenwerden unterstützen kann, schildert die Expertin in der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012).

Für die Diagnostik des Fetalen Alkoholsyndroms stehen mittlerweile differenzierte Hilfsmittel zur Verfügung. In Kürze wird in Deutschland eine diagnostische Leitlinie veröffentlicht werden, an deren Ausarbeitung Heike Hoff-Emden beteiligt war. „Neben körperlichen Merkmalen wie einer Wachstumsminderung, verkürzten Lidspalten und einer dünneren Oberlippe spielen bei der Diagnostik auch Beeinträchtigungen der Intelligenz, des Gedächtnisses, der Motorik, der Sprache und der Aufmerksamkeit eine Rolle“, fasst Hoff-Emden einige Aspekte der Leitlinie zusammen.

Wie schwer den betroffenen Kindern das Erwachsenwerden fällt, macht Hoff-Emden, die als Chefärztin im Neurologischen Rehabilitationszentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Sülzhayn arbeitet, am Beispiel des 17-jährigen Milo deutlich. Bereits als Kind fiel Milo in der Kita durch große Ängstlichkeit einerseits und Aggressivität andererseits auf. Mit zehn Jahren kam er wegen Vernachlässigung und vermutlich auch Misshandlung ins Heim. Zwischen dem zehnten und dem vierzehnten Lebensjahr brachte er 13 Aufenthalte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter sich, meist wegen Störungen des Sozialverhaltens, zuletzt jedoch auch wegen Alkoholintoxikation. Mit 16 wechselte er wegen aggressiven Verhaltens in eine Jugendhilfeeinrichtung.

Nachdem er zwar seinen Hauptschulabschluss nachgeholt hat, zeigt er aktuell keinerlei Motivation und verweigert alle Therapie- und Betreuungsangebote. Milo wechselt zwischen depressivem Rückzug und Aggression, konsumiert Alkohol und Cannabis und sieht für sich selbst keine Zukunftsperspektive. Was so dramatisch klingt, ist für das Fetale Alkoholsyndrom leider typisch: Laut einer Berliner Studie aus dem Jahr 1993 unterbrechen rund 60 Prozent der Betroffenen ihre Schullaufbahn, nur zwölf Prozent bestreiten ihren Lebensunterhalt eigenständig.

Eine spezifische Therapie für das Fetale Alkoholsyndrom gibt es nicht. „Die wichtigsten Schutzfaktoren für Jugendliche mit Fetalem Alkoholsyndrom sind ein stabiles Umfeld und eine frühe Diagnose“, sagt Heike Hoff-Emden. Darüber hinaus benötigen sie meist eine intensive therapeutische Begleitung. Bei der Berufsfindung kann die Ergotherapie eine wichtige Hilfestellung bieten. Dort können die Betroffenen etwa Alltagsroutinen einüben, ihre Feinmotorik schulen, Handlungs- und Planungsstrukturen erarbeiten oder Zeitmanagement erlernen.

Um ein Scheitern im Erwachsenenalter zu verhindern, ist ein dichtes psychosozial-medizinisches Netzwerk notwendig, das den Betroffenen zum Beispiel bei der Berufsfindung unterstützt, eine Wohnform mit hochfrequenter Betreuung ermöglicht oder auch dabei hilft, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen.

Es gebe keine Grenzwerte für Alkohol in der Schwangerschaft, betont Hoff-Emden. „Null Promille sind die einzige und hundertprozentige Prävention – denn schon geringe Mengen Alkohol können sich auf das Kind nachhaltig und fatal auswirken.“

H. Hoff-Emden:
Vor der Geburt fürs Leben gezeichnet
ergopraxis 2012; 5 (9): S. 22-23

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