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Vielleicht nicht retten, aber helfen!

Ein Verein von Heilpraktikern setzt sich für die kostenfreie naturheilkundliche Behandlung von Menschen in Armut und Not ein.

Heike Goebel und ihre Heilpraktiker-Kollegen von NATURHEILPRAXIS OHNE GRENZEN tun ihr Möglichstes, um von Obdachlosigkeit und Armut betroffene Menschen zu behandeln. 

ES RIECHT nach Frischgekochtem. Kein Geruch, den man gewöhnlich in einer Kirche erwarten würde. Hinter der verschlossenen Tür zu den Gemeinderäumen der St. Gertrud Kirche in Essen sind Stimmen zu hören, Schritte – etwas klappert. Eine Frau öffnet die Tür, sagt nichts und schaut so fragend, dass man gar nicht umher kann, als sich augenblicklich zu erklären: Dass man einen Termin mit Heike Goebel, der Gründerin von Naturheilpraxis ohne Grenzen, habe und die man heute bei ihrer Arbeit begleiten wolle. „Heike, für Dich!“, ruft sie und verschwindet hinter der nächsten Tür. Einen Schritt hinein ins Gemeindezentrum und man steht in einem schlauchartigen, L-förmigen Flur. Augenblicklich erscheint am anderen Ende des linken Ganges eine junge Frau und hält einen Kochtopf weit ausgestreckt von sich. Die Frau, klein und drahtig, rauscht vorbei und grüßt lächelnd: „Hallo, ich bin Heike! Ich stell‘ das ab und bin sofort zurück.“ Das also ist die Heilpraktikerin Heike Goebel. Sie geht durch eine Tür, es klappert ein letztes Mal, und dann ist Heike wieder zurück, der freundliche Blick genauso bestätigend wie ihr Händedruck. „Sorry“, sagt sie, „heute ist hier noch ein anderer Verein, die geben den Obdachlosen um 19 Uhr unten Essen aus. Denen habe ich kurz geholfen.“

Naturheilkunde für Menschen in Not

Heike ist Vorsitzende von Naturheilpraxis ohne Grenzen e.V., ein junger gemeinnütziger Verein, er existiert gerade mal seit September 2018. Sein Ziel ist es, Menschen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind, ehrenamtlich und kostenfrei naturheilkundliche Hilfe anzubieten. Heike ist hauptberuflich Ingenieurin. Sie wurde Heilpraktikerin, um obdachlosen Menschen helfen zu können.

Vor einigen Jahren nahm Heike an einem Führungskräfteseminar teil. Alle Teilnehmer mussten ein einwöchiges soziales Praktikum absolvieren. Heike machte ihres beim Arztmobil in Essen, das Obdachlose, Suchtkranke und Straßenkinder versorgt – und fühlte sich berufen. Sie wollte Menschen in Not weiter medizinische Hilfe anbieten. „Mach doch eine Heilpraktikerausbildung“, meinte einer der Ärzte, „das ist etwas Seriöses.“ Also paukte Heike fleißig neben dem Beruf an der Heilpraktikerschule und wurde Heilpraktikerin. Danach arbeitete sie vier Jahre lang beim Arztmobil in Wuppertal, erarbeitete sich die Zuneigung und Anerkennung der Patienten und der ärztlichen Kollegen. Es hätte eigentlich so weitergehen können, doch irgendwann war das für Heike nicht mehr genug. Auf einem Arztmobil steht die schulmedizinische Hilfe mit Medikamenten, Wundversorgung etc. notwendigerweise im Vordergrund. Was fehlt, ist die Zeit, Patienten ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln, zum Beispiel auch psychologisch zu beraten oder ihnen auch mal eine wohltuende Berührung zu spenden. Dinge, die Heikes Erfahrung nach sozial benachteiligten Menschen dringend fehlen, insbesondere wenn sie zudem ohne Obdach sind: „Da war meine Idee geboren: Ich wollte diesen Menschen ganzheitlich helfen.“

Was aber bedeutet ganzheitlich?

Ganzheitlichkeit ist ein hoher Anspruch, den Heike für die Belange des Vereins pragmatisch herunterzubrechen weiß. Bei einem Hilfsangebot, das sich an Menschen richtet, denen es am Notwendigsten fehlt, muss auch die Naturheilkunde zunächst das Notwendigste leisten. Da bleibt dem Verein zum Beispiel für komplexe irisdiagnostische Befunde oder langwierige Behandlungsprozesse mit Entgiftung, Ausleitung, Aufbau etc. – ganz abgesehen von den fehlenden Ressourcen – schlichtweg keine Zeit. Also hat Heike das Behandlungskonzept der Naturheilpraxis ohne Grenzen auf drei Säulen fokussiert: naturheilkundliche innere Medizin, manuelle Verfahren und psychologische Beratung. Hinzu kommt medizinische Fußpflege, die ist bei der körperlich meist vernachlässigten Klientel unerlässlich.

Aus Aufenthaltsraum wird Praxis

Alle Behandlungen sollen in einem 60 qm großen Gemeinderaum stattfinden. Mittendrin steht eine lange Buchenholz-Tischreihe, an der etwa 24 Personen bequem Platz haben müssten. Die Wände sind von einem gutgemeinten hellen Gelb, das ebenso in die Jahre gekommen ist wie der graumelierte Linoleumboden. Man kann sich gut vorstellen, wie hier soziale Familien-Mittagstische stattfinden oder Bastelnachmittage. Aber keine Ahnung, wie hier ein Behandlungsraum entstehen soll. „Es ist hier natürlich nicht so schön, aber es ist freundlich, und es kostet uns nichts“, kommentiert Heike. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sie ihre Praxis für drei Stunden in der Woche in der Kirche hat. Nach der Gründung des Vereins suchte Heike in Essen Räumlichkeiten, wo sie nahe bei den obdachlosen Menschen sein konnte. „Wenn man Menschen in Armut und Not helfen will, muss man zu ihnen rausgehen“, sagt sie und ihre Stimme wird noch eine Spur fester. „Denn sie werden nicht kommen, wenn man in seiner schicken Praxis auf sie wartet.“ Heike wusste, dass der andere Verein in der St. Gertrud Kirche dreimal die Woche Menschen mit Essen versorgt. Auch Menschen, die auf der Straße leben, halten sich hier regelmäßig auf, wissen, dass ihnen hier Gutes widerfährt. „Also habe ich die Pfarrei gefragt, ob sie für mich einen Raum hätten – kostenlos. Und die Antwort war: ‚Ja, haben wir‘.“ Daraufhin machte Heike Goebel ihren Verein auf Facebook bekannt. Seitdem rufen im Wochentakt Heilpraktiker bei ihr an und wollen mitmachen – wie Heike auch ehrenamtlich. Seitdem empfangen Heike und ihre Kollegen jeden Mittwoch von 18 bis 20 Uhr Patienten im Gemeinderaum.

Heike hat schon mit dem Aufbau der improvisierten Praxis begonnen, als ihre Kollegen kurz nacheinander eintrudeln und gleich mitanpacken. Innerhalb kürzester Zeit werden Plastikbehälter aus den Oberschränken gehievt, Tische auseinander und in anderer Formation wieder zusammengerückt, Stühle getragen, Behandlungsliegen und Paravents für den Sichtschutz aufgestellt. Es dauert keine Viertelstunde und der Gemeinderaum hat sich in eine zweckmäßige Großraumpraxis verwandelt: mit einer Station für die Anamnese und Diagnose, einem Bereich für die psychologische Beratung und zwei Behandlungsplätzen für die manuelle Therapie. Es gibt sogar einen Tisch mit Kaffee, Tee und Wasser für die Patienten. Der Wartebereich – aus fünf Stühlen und einem kleinen Tisch aufgebaut – befindet sich im Flur.

UPDATE: Was gibt es Neues vom Verein? Diese Reportage ist entstanden, als der Verein Naturheilpraxis ohne Grenzen e. V. sich noch in seinen Anfängen befand. Mittlerweile hat sich viel getan: Heike Goebel und ihre Kollegen haben mithilfe der Stadt Essen eigene Praxisräume bezogen sowie Praxen in Düsseldorf und Köln eröffnet.
Weitere Infos unter: www.naturheilpraxis-ohne-grenzen.de/

Lesen Sie den gesamten Artikel hier: Vielleicht nicht retten, aber helfen!

Aus der Zeitschrift: Deutsche Heilpraktiker Zeitschrift 06/2019

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