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Migräne und Reizdarmsyndrom

Migräne und Reizdarmsyndrom haben zahlreiche Ähnlichkeiten, die ihre Epidemiologie, die Periodizität der Schmerzen, das Fehlen definierbarer organischer Ursachen, Triggerfaktoren, Komorbiditäten und ihre vermutete Pathophysiologie betreffen. Gibt es statistisch begründete Zusammenhänge der beiden Erkrankungen?

Nach Bereinigung um alle Kovarianten war die Inzidenz eines Reizdarmsyndroms in einer Kohorte von 14 117 Migränepatienten um das 1,95-Fache erhöht gegenüber einer Vergleichsgruppe von 56 468 migränefreien Probanden. In der Altersgruppe der unter 30-Jährigen war das entsprechende Risiko sogar um das 3,36-Fache erhöht. Daneben stieg dieses Risiko auch im Verhältnis dazu, wie häufig ein Patient medizinische Hilfe einholte, also entsprechend der Höhe des Leidendrucks durch Migräneanfälle. Zu diesen Aussagen gelangte die Forschergruppe um C.-I. Lau aus Taiwan durch eine Analyse entsprechender Daten der taiwanesischen Nationalen Krankenversicherungs-Datenbasis (NHIRD).

Die NHIRD existiert seit 1995 und sammelt die Daten von etwa 99 % der taiwanesischen Bevölkerung (von 23 Mio. Menschen), zu der taiwanesische Forscher Zugang erhalten. Das institutionelle Review Board der Medizinischen Universität garantierte den Schutz der Privatsphäre der Patienten. Die Daten der in den Jahren 2001–2009 neu diagnostizierten Fälle von Migräne nach ICD-9-CM (clinical modification) wurden bis Ende 2010 auf das Auftreten eines Reizdarmsyndroms hin retrospektiv durchsucht. Patienten, die schon vor ihrer ersten Migränediagnose an einem Reizdarmsyndrom litten, wurden dabei ausgeschlossen.

Die Kontrollkohorte bestand aus zufällig ausgewählten Personen ähnlicher Alters- (im Mittel 42 Jahre) und Geschlechtsstruktur (72,6 % Frauen) aus demselben Zeitraum ohne Migränediagnose. Die Follow-up-Zeit betrug in beiden Gruppen im Mittel 5,6 Jahre. Ebenfalls berücksichtigt wurden die Inzidenzen von Bluthochdruck, Diabetes, Hyperlipidämie, Fibromyalgie, Depression, Angststörungen, Kiefergelenkproblemen und Dysmenorrhö als Kovarianten. Die Risiken, unabhängig oder abhängig von diesen Kovarianten ein Reizdarmsyndrom zu entwickeln, analysierten die Forscher mit dem Cox-Proportion-Hazard-Regressionsmodell.

Die Analysen ergaben keinen bedeutsamen Einfluss der aufgeführten Komorbiditäten. Lediglich für das Lebensalter und den Leidensdruck unter Migräne ergab sich ein deutlicher Einfluss einer bestehenden Migräne auf ein dazukommendes Reizdarmsyndrom.
Die Analysierten wurden in 4 Altersgruppen (< 30, 30–39, 40–49, > 49 Jahre) und die Arztbesuche wegen Migräne in 3 Gruppen nach Häufigkeit (selten, oft und sehr oft) unterteilt, zwischen denen sich das Risiko für ein Reizdarmsyndrom jeweils linear entwickelte.

In ihrer Diskussion verweisen die Autoren auf die steigende Evidenz in der Literatur für eine zentrale und viszerale Hypersensitivität als eine Ursache für das Reizdarmsyndrom, die entweder genetisch prädisponiert oder /und durch Migräneattacken weiter stimuliert wird.

 

Fazit

Die Studie liefert aufgrund des großen Datenvolumens einen eindrucksvollen statistischen Beleg für den Zusammenhang der Inzidenz von Migräne und Reizdarmsyndrom. Leider erlauben die analysierten Daten keine Aussagen über die Lebensgewohnheiten der Patienten. Weiterhin wäre es interessant zu wissen, wie viele der Untersuchten der Altersgruppe < 20 angehörten. Vielleicht hätte sich daraus noch eine weitere wesentliche Aussage ergeben.

Aus der Zeitschrift Journal Club Schmerzmedizin 4/2014; Migränepatienten entwickeln häufiger ein Reizdarmsyndrom; Dr. sc. hum. Katrin Wolf, Eitorf

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