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Psychosomatische Grundkenntnisse fördern die Kommunikative Kompetenz und die Zufriedenheit von Ärzten

Balintgruppenarbeit dient nicht nur der ärztlichen Qualitätssicherung durch Selbstevaluation, sondern eignet sich in besonderem Maße für die Professionsentwicklung, indem die Selbst- und Fremdbeobachtung zur Beziehungsdiagnostik herangezogen werden kann. Damit wird die „sprechende Medizin“ in erster Linie zur „zuhörenden Medizin“, die es dem Arzt ermöglicht, hinter der Präsentation des Symptoms seines Patienten ein Beziehungsangebot zu erkennen und mit ihm nicht nur die somatische, sondern auch die damit verbundenen affektiven und lebensgeschichtlichen Dimensionen zu explorieren.

Die kommunikative Kompetenz ist in der Regel nicht Teil der medizinischen Ausbildung und wird in vielen medizinischen Weiterbildungsangeboten kaum berücksichtigt. Wenn Ärzte, die keine psychosomatische oder psychotherapeutische Spezialisierung aufweisen, sich für eine ganzheitliche Herangehensweise interessieren, erfahren sie, wie eine gute ärztliche Behandlung immer eine gute ärztliche Kommunikation voraussetzt. Daraus ergibt sich für Ärzte mehr Zufriedenheit mit dem Arztberuf. Die Psychosomatische Grundversorgung ist ein solcher Ansatz, der es Haus- und Fachärzten ermöglicht, kompetenter mit Patienten zu sprechen. Die Balintgruppenarbeit ist als Bestandteil für die Psychosomatische Grundversorgung nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, Psychosomatische Grundversorgung ist letztendlich selbst Balintgruppenarbeit im weitesten Sinne.

Die „sprechende Medizin“ wird als jener Teil der Medizin bezeichnet, der sich dem Heilen durch die Worte, wie es Sokrates verstand, widmet, jener Medizin, die das Ärztliche Gespräch in Diagnostik und Therapie in den Mittelpunkt stellt. Die westliche Medizin wird seit den Darstellungen des Hippokrates durchgehend als somatisch, biologisch und reduktionistisch angesehen, meint Wirsching, auch wenn sich eine mehr holistische, die Psyche berücksichtigende Sichtweise bis heute erhalten habe. „Die großen Erfolge in den Naturwissenschaften und auch in der Medizin haben dazu geführt, dass man diese kommunikativen Aspekte eher vernachlässigt hat. Das kann man unter anderem auch am Abrechnungssystem sehen, dort werden technische Maßnahmen durchweg besser honoriert als das Gespräch,“ stellt Urban Wiesing, Direktor des Tübinger Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in einer Sendung des SWR2 fest und sein Kollege, der Ärztliche Direktor der Psychosomatik am Uniklinikum Tübingen, Stephan Zipfel, sekundiert in der gleichen Sendung: „An vielen Stellen ist mein Eindruck, dass die Kommunikation mit den Patienten leidet, dass dafür nicht genug Zeit ist, und dass auf der anderen Seite wir sehr schnell dabei sind, einen Patienten in die nächste diagnostische Schleife zu schicken“.

Als „Sprechende Medizin“ werden heute jene medizinischen bzw. psychotherapeutischen Verfahren bezeichnet, die das Psychische nicht vom Somatischen trennen. Dass Sprechende Medizin wirkt, ist Neurowissenschaftler schon länger bekannt. Ungünstige Stressoren wie Traumata, besonders in frühester Kindheit, sehen sie als Ursache für psychische und psychosomatische Erkrankungen, weil hierdurch neuronale Netzwerke verändert werden. Wiederum: „Psychotherapie (‚Sprechende Medizin‘) wirkt, indem sie ihrerseits das Gehirn verändert!“;

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Die psychisch bedingten Krankheitsfälle nahmen im Zeitraum von 2004 bis 2011 von 8,3 auf 14,1 Prozent aller Krankheitsfälle zu. Bei den Frühberentungen nehmen die psychischen Erkrankungen einen wachsenden Anteil an. Auch kam es zu einem deutlichen Anstieg der Fehltage. So blieben Arbeitnehmer 2011 durchschnittlich 39,5 Tage zu Hause wegen psychischer Erkrankungen gegenüber 21,9 Ausfalltagen, wenn die Diagnose Herz- und Kreislauferkrankung lautete. Ob es eine zunehmende Prävalenz psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung gibt, wird indes auch kritisch gesehen. So weist Jacobi daraufhin, dass sich in den wenigen Studien, in denen psychische Störungen über längere Zeiträume nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar erfasst wurden, keine dramatische Zunahme erkennen ließ. Diskutiert wird eine Verlagerung von somatischen Diagnosen, die auch Patienten mit psychisch bedingten Erkrankungen einschlossen, wie bspw. Muskelerkrankungen, hin zu mehr expliziten psychischen Erkrankungen. Dennoch räumt auch Jacobi ein, dass die Studienlage zeigt, dass psychische Erkrankungen von Hausärzten ungenügend als solche erkannt werden und auch dann eine adäquate Behandlung aus verschiedenen Gründen unterbleibt.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Sprechende Medizin im Sprechzimmer – Psychosomatische Grundkenntnisse fördern die Kommunikative Kompetenz und die Zufriedenheit von Ärzten

Aus der Zeitschrift Balint-Journal 3/2015

 

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