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Risiko Impfen?

Grundsätzlich sind die Erfolge von Impfungen und Impfprogrammen für die Prävention von Infektionskrankheiten und deren Komplikationen weltweit anerkannt. Dennoch fällt aktuell gerade in industrialisierten Staaten ein Vertrauensschwund auf: Impfungen und öffentlich empfohlene Impfprogramme werden immer weniger wahrgenommen. Stichwort „Impfskepsis“. Die WHO sieht darin mittlerweile ein komplexes globales Problem. Doch wie ist es lösbar?

Für die steigende Impfskepsis lässt sich eine Vielzahl von Gründen anführen, die im Folgenden diskutiert werden. Dabei steht immer auch die Sicherheit neuer Impfstoffe im Fokus. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen, die sich mit der Impfstoffsicherheit befassen, illustriert dies eindrucksvoll. Gab es 1998 gerade einmal 200 Publikationen pro Jahr, sind es heute durchschnittlich ungefähr 6-mal so viele.

Hintergrund

Skepsis gegenüber Impfstoffen ist kein neues Phänomen: Seit dem 18. Jahrhundert wachsen bei jeder Einführung eines neuen Impfstoffs Angst und Misstrauen in der Bevölkerung. Selbst zu Zeiten der oft tödlich verlaufenden Pockenepidemien gab es einen öffentlichen Widerstand gegen den neuen Pockenimpfstoff. Großbritannien führte daraufhin Pflichtimpfungen ein. In den USA musste 1905 die Pflichtimpfung gegen Pocken sogar vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt werden („Jacobson gegen Massachusetts“). In letzter Instanz bestätigte das Gericht damals das Recht einzelner Bundesstaaten, diese Pflichtimpfungen durchzusetzen.

Die erfolgreiche Prävention schwerer, früher oft tödlich verlaufender Infektionen durch Impfungen hat tatsächlich die Bedrohung durch Erkrankungen und damit verbundene Risiken aus der Wahrnehmung der Menschen verschwinden lassen. Wenn aber die Bedrohung nicht mehr präsent ist, rückt der Fokus des öffentlichen Interesses auf das vermeintliche Impfrisiko. Vermutete Impfnebenwirkungen werden als größere Gefahr wahrgenommen, selbst wenn sie 1000-fach seltener auftreten als die Komplikationen von Infektionskrankheiten.

Mit der Entwicklung zunehmend komplexer, teilweise gentechnologisch hergestellter Impfstoffe ist die Sachlage für medizinische Laien und auch Mediziner noch unübersichtlicher geworden. Bei immer schwieriger vermittelbarem Wissen über moderne Impfstoffe sind vermutete impfstoffassoziierte Risiken für Laien und Fachleute häufig nicht mehr rational einschätzbar. Wie also kann man das Ziel erreichen, auch zukünftig die optimale Nutzung von Impfstoffen in der Bevölkerung sicherzustellen? Dazu muss man in einem ersten Schritt die öffentliche Wahrnehmung von Impfungen und die damit verbundenen Mechanismen individueller Entscheidungsprozesse verstehen. Der zweite Schritt wäre dann, wirksame Kommunikationskonzepte zu entwickeln. Beide Schritte beleuchtet dieser Beitrag.

Öffentliche Wahrnehmung

VCP-Bericht 2015

Seit 2010 untersucht das Vaccine Confidence Project (VCP) in London die öffentliche Wahrnehmung von Impfungen. Um die Fragestellung wissenschaftlich strukturiert zu bearbeiten, wurde der Vaccine Confidence Index (VCI, Vertrauensindex in Impfungen) entwickelt. Er umfasst einen Fragenkatalog, anhand dessen vergleichbare Daten zum Wissen um und zum Vertrauen in Impfungen erhoben werden können. Das Modell wurde 2014 erstmals in Nigeria, Pakistan, Indien, Georgien und Großbritannien eingesetzt, die Ergebnisse wurden im VCP-Bericht 2015 publiziert. Die Befragung von mehr als 20 000 Personen ergab u. a., dass in Großbritannien Eltern von Kindern unter 5 Jahren am stärksten zögern, ihre Kinder zeit- und empfehlungsgerecht impfen zu lassen. Vermuteter Grund: In Großbritannien scheint das Vertrauen in Impfprogramme grundsätzlich eng mit dem Vertrauen in das staatliche Gesundheitswesen zu korrelieren. In Nigeria, Pakistan und Indien hingegen vertrauen Menschen öffentlichen Impfprogrammen stärker als den jeweiligen landestypischen Gesundheitssystemen.

VCP-Bericht 2016

Der VCP-Bericht aus dem Jahr 2016 präsentiert Umfrage-Daten aus insgesamt 68 Ländern, darunter auch Deutschland [5]. Zwischen September und Dezember 2015 wurde weltweit 65 819 Personen (pro Land jeweils etwa 500 Frauen und 500 Männern) in persönlichen Interviews, Telefonsurveys oder per Online-Erhebungen der Fragenkatalog des VCI vorgelegt. Die Erhebung zeigt zunächst: Impfungen werden von der Weltbevölkerung überwiegend als wichtig wahrgenommen. Regional ergeben sich jedoch deutliche Unterschiede. So sind in Europa Impfentscheidungen eher von Skepsis und eingeschränktem Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen geprägt, während in den Ländern des Westpazifiks und in Südostasien eher religiöse Kriterien relevant sind.

Vertrauen

In der WHO-Region Europa finden sich 7 der 10 Länder mit dem geringsten Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen. Ein Maß für das Vertrauen in Impfungen ist die Haltung zur Aussage: „Insgesamt glaube ich, dass Impfungen sicher sind“ (“overall I think vaccines are safe”). Mit „eher nicht“ oder sogar „keinesfalls“ urteilten

  • in Frankreich 41 % der Befragten,
  • in Bosnien-Herzegowina 36 %,
  • in Russland 28 %,
  • in der Mongolei 27 % und
  • in Griechenland, der Ukraine und Japan jeweils 25 %.

Im weltweiten Durchschnitt waren dagegen nur 12 % der Befragten skeptisch gegenüber Impfstoffen eingestellt.

 

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Aus der Zeitschrift: DMW 04/2019

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