• Dr. Bettina Hansen

     

„Das Patientenwohl steht im Mittelpunkt!“

Der Job im Verlag war am Anfang eher Zufall. Heute bezeichnet Dr. Bettina Hansen ihn als das perfekte Match, denn er vereint viele ihrer Interessen und Vorlieben: Medizin, Psychologie, Sprache und Kreativität. Nach ein paar Semestern der Geisteswissenschaften und einem Medizinstudium sowie einer Tätigkeit als Ärztin, kam sie 1994 als Redakteurin zu Thieme. Seitdem hat sie als Programmplanerin, Programmleiterin, Verlagsbereichsleiterin und heute Verlagsleiterin zahlreiche Produkte und Lösungen für unterschiedliche Nutzergruppen entwickelt. Dabei hat sie immer ein Ziel im Blick: Das Wohl des Patienten. Wir haben Frau Dr. Hansen gefragt, warum sie als Ärztin bei Thieme arbeitet.

Frau Dr. Hansen, welche medizinische Ausbildung haben Sie absolviert?

Dr. Bettina Hansen: Direkt nach dem Abitur habe ich eine Pflegehilfeausbildung gemacht und anschließend als Pflegeassistentin gearbeitet. Als ich dann mein Studium aufgenommen habe, habe ich weiterhin in der Pflege gearbeitet. Nach der Approbation und dem dritten Staatsexamen war ich als Ärztin im Praktikum in der Inneren und dann noch ein Dreivierteljahr als Assistenzärztin in der Kardiologie tätig, bevor ich 1994 zu Thieme gewechselt bin. Die Zeit in der Pflege rechne ich persönlich zu meiner medizinischen Ausbildung dazu. Dort habe ich mindestens ebenso viel gelernt wie im Medizinstudium – ganz andere Sachen, aber nicht minder wichtige.

Was war ihr Berufsziel damals? War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie Ärztin werden wollen?

Hansen: Ja, das war mir sehr schnell klar. Es gab zwei Gründe dafür, warum ich das Studium begonnen habe: Einerseits ein unglaubliches Interesse daran, wie Menschen funktionieren, und zwar sowohl körperlich als auch psychisch. Andererseits war da der Wunsch, dieses Wissen zu nutzen, in die Tat umzusetzen und eben Ärztin zu sein.

Und dieser Wunsch hat sich irgendwann verändert? Was hat Sie dazu bewogen, die Klinik zu verlassen und in einen Verlag zu wechseln?

Hansen: Ich sehe meinen Wechsel in den Verlag nicht als Wandel meines Berufsziels. Geändert hat sich, dass ich nicht mehr kurativ tätig bin, aber ich empfinde mich nach wie vor als Ärztin und nun eben zusätzlich auch als Verlagsmanagerin.

Dass ich zu Thieme gekommen bin, war eher zufällig. Ich war damals in der Inneren und mein Chef war für mich sehr problematisch – es war also klar, dass ich wechsele. Dazu kam, dass ich die Arbeit im Krankenhaus zwar in der Zusammenarbeit mit den Patienten als sehr belohnend empfand, aber die doch ausgeprägt hierarchischen Strukturen, die ich in den meisten der Krankenhäuser, in denen ich tätig war, erlebt habe, haben mich gestört. Außerdem kommt für mich persönlich der kreative Anteil bei der Tätigkeit als Ärztin eher zu kurz: Je nach Tätigkeitsbereich gibt es meiner Erfahrung nach bis zu 90 Prozent standardisierte Vorgehensweisen. Auch Zeit ist in Krankenhäusern oft ein knappes Gut. Oft hatte ich deshalb das Gefühl, den Patienten mit ihren Eigenheiten, Sorgen und Nöten nicht gerecht zu werden. Das hat manchmal ein unbefriedigendes Gefühl in mir erzeugt.

Eine Freundin von mir arbeitete damals bei Thieme. Sie war sehr angetan vom Unternehmen und meinte, dass ich gut hierher passen würde, denn ich hatte vor meinem Medizinstudium einige Semester Germanistik, Psychologie und Kommunikationswissenschaft studiert. Beworben habe ich mich dann sowohl auf Stellen im Krankenhaus als auch bei Thieme. Als ich die Stelle dann bekam, dachte ich: „Thieme gibt es nur einmal. Du kannst das ja einfach mal ausprobieren. Das scheint doch eine gute Mischung zu sein.“

Wie haben Sie den Einstieg bei Thieme erlebt?

Hansen: Im ersten halben Jahr dachte ich fast jeden Tag, dass ich zurückgehe. Dieses unmittelbar Belohnende und Sinnstiftende – „Hach, Frau Doktor, wenn ich Sie nicht hätte“ –, das man im Krankenhaus von den Patienten bekommt, hat man im Verlagsgeschäft natürlich nicht. Der Erfolg der Arbeit stellt sich später ein, weil es einfach seine Zeit dauert bis die Produkte, die man entwickelt, das Licht der Welt erblicken.

Aber ich habe bald gemerkt, dass sich die Geduld lohnt, da ich hier selbst gestalten kann, was ich mache, und sehr kreativ sein kann. Auch der Hebel in die Medizin hinein ist meiner Meinung nach eher größer, als wenn man eines der „Rädchen“ im Krankenhaus ist. Ich habe hier bei Thieme von Anfang an Lehrbücher für Medizinstudierende betreut. Wir haben zum Beispiel damals die Reihe „Checklisten“ überarbeitet. Dort stand früher lapidar „Antibiose verabreichen“. Wir haben aufgrund unserer eigenen Erfahrung und als Ergebnis von Kundenbefragungen erkannt, dass es helfen würde, deutlich genauer zu benennen, was man als Arzt tun soll, also zum Beispiel: „Bei einem Patienten mit den und den Rahmenbedingungen starten Sie die Behandlung nach unserer Erfahrung am besten mit dreimal 500 Tetracyclin“.

Oder ein anderes Beispiel: Früher waren fast alle Lehrbücher nach Krankheitsbildern aufgebaut. Die Patienten kommen aber nicht mit Diagnosen, sondern mit Leitsymptomen in die Ambulanz. Das hatte ich damals ja gerade zweieinhalb Jahre lang erlebt. Also haben wir in viele Bücher einen Teil integriert, der Differentialdiagnose und diagnostisches Vorgehen von den Leitsymptomen her beschreibt.

Welche beruflichen Stationen haben Sie bei Thieme durchlaufen?

Hansen: Als ich vor über 20 Jahren zu Thieme kam, war ich zunächst Redakteurin für die Buchreihe „Checklisten“. Seither habe ich eine wunderbare Karriere im Verlag durchlaufen: Ich wurde Programmplanerin, Programmleiterin, danach Leiterin für den Programmbereich Medizinstudierende und anschließend Verlagsbereichsleiterin für Medizinstudierende und die Pflegeausbildung. Vor zwei Jahren wurde ich stellvertretende Verlagsleiterin und ab Oktober 2018 werde ich dann als Verlagsleiterin bei Thieme verantwortlich für das Programm sein, das sich an alle Auszubildenden im Gesundheitswesen, an Pflegekräfte, Physio- und Ergotherapeuten, Hebammen, Heilpraktiker, Tiermediziner und Ärzte für Komplementärmedizin richtet.

Womit beschäftigen Sie sich heute bei Thieme? Was sind Ihre Aufgaben?

Hansen: Früher als Programmplanerin war meine Aufgabe vor allem, dafür zu sorgen, das medizinische Fachwissen so zu konkretisieren und aufzubereiten, dass diejenigen, die praktisch arbeiten, bestmöglich unterstützt werden. Inzwischen hat sich meine Aufgabe etwas geändert und auch mein persönliches Leitmotto: Mir ist es wichtig, dabei zu helfen, dass der Patient (wieder) mehr in den Mittelpunkt aller Bemühungen des Gesundheitswesens rückt. Ich möchte mit meinem Team dazu beitragen, dass sich die Akteure innerhalb dieses Systems auf Augenhöhe begegnen – und zwar mit dem Ziel, die Patienten bestmöglich zu versorgen.

Unter anderem aus diesem Verständnis heraus ist beispielsweise auch das dreibändige Lehrwerk „I care“ entstanden: Die Pflegenden haben sich früher aufgrund des Hierarchiegefälles oft noch gegen die Ärzte positioniert und sich (zurecht) gegen eine Rolle als „Helfer(in) des Arztes“ gewehrt. Wir wollen dazu beitragen, dass sie ihren wertvollen Beitrag im Gesundheitssystem mit dem der Verantwortung angemessenen Selbstbewusstsein leisten – als professionelle Projektmanagerin eines Patienten im Krankenhaus, als Beraterin, als Psychologin, als Angehörigenmanagerin und so weiter. Pflegende tragen maßgeblich zur Zufriedenheit und zur Genesung der Patienten bei. Sie haben also allen Grund, sich als Profis wahrzunehmen, und zwar auf Augenhöhe mit allen anderen Akteuren im Gesundheitswesen.

Was waren Ihre bisherigen persönlichen Highlights?

Hansen: Dass wir mit unseren Angeboten Medizinstudierenden heute konkretere, besser „verdauliche“ und multimediale Informationen zur Verfügung stellen, begeistert mich.
Und ich finde es schön, dass ich mithelfen konnte, Pflegende darin zu bestärken, aus der Ausbildung mit dem Bewusstsein herauszugehen: Ich bin Profi.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit bei Thieme besonders?

Hansen: Hört sich abstrakt an, ist aber tatsächlich so: Ich finde es großartig, dass ich dazu beitragen kann, dass sich das Gesundheitswesen in eine Richtung entwickelt, die ich persönlich für wichtig halte; nämlich weg vom „Fabrikdenken“ hin zu „Es geht hier um den Patienten“.

Auf persönlicher Ebene würde ich sagen: In diesen Job kann ich all meine Talente einbringen. Medizinisches und psychologisches Wissen, strategisches Denken und sprachliches Geschick sind hier gleichermaßen gefragt. Für mich das perfekte Match. Das weiß ich zu schätzen!

Vermissen Sie die Klinik oder die Patienten?

Hansen: Sagen wir mal so: Ich würde nicht sagen, dass ich nie wieder zurück in die kurative Medizin gehe. Aber ich würde heute die Rahmenbedingungen dort infrage stellen. Das habe ich mit Ende 20 nicht getan. Heute würde ich sagen, dass ich dort sicher auch etwas gestalten könnte, was Sinn macht und zu mir passt. Ich würde übrigens auch jederzeit wieder Medizin studieren!

Das Interview führte Bettina Ziegler