• Dr. Udo Schiller

     

Impulse setzen

Udo Schiller ist Generalist. Er hat Medizin und Informatik studiert und Erfahrungen im Labor, in der Klinik und in der Praxis gesammelt. Auch mit Hard- und Softwareentwicklung kennt er sich aus. Als approbierter Arzt ist er Mitglied zahlreicher medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaften und pflegt in besonderem Maße den interdisziplinären, fachgebietsübergreifenden Austausch. Seit über 20 Jahren steht er bei Thieme für seriöse Inhalte und wirkt an der Entwicklung passgenauer Informations- und Prozesslösungen für Ärzte und andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen mit. Wir haben Herrn Dr. Schiller gefragt, warum er als Arzt bei Thieme arbeitet.

Herr Dr. Schiller, Sie haben Medizin studiert. Was war Ihre Motivation?

Dr. Udo Schiller: Der konkrete Wunsch, Arzt zu werden und in die Patientenversorgung zu gehen, kam bei mir während meines Zivildienstes auf. Im Rettungsdienst habe ich nach der Ausbildung beim Deutschen Roten Kreuz in Ludwigsburg bei zahllosen Einsätzen ganz unmittelbar Kontakt zu Menschen gehabt, die dringend medizinische Hilfe brauchen. Das Spektrum war so spannend, die eigenen Möglichkeiten waren so vielfältig und die Ergebnisse so erfüllend. Da gab es für mich nur noch ein Studium: das der Humanmedizin.

Haben Sie bereits während des Studiums über berufliche Alternativen nachgedacht?

Schiller: Ja, durchaus. Das hatte jedoch weniger mit dem Studium selbst oder meinem Wunsch, in die Patientenversorgung zu gehen, zu tun, als mit der damaligen Situation für Medizinstudierende und junge Mediziner. Anders als heute, gab es in den 1980er-Jahre sehr viele Ärzte – mehr als benötigt wurden. Das hatte natürlich Auswirkungen auf die Möglichkeiten und das Standing gerade der jungen Kollegen. Der Arzt-im-Praktikum wurde eingeführt und Jahre später mit dem aufkommenden Ärztemangel wieder abgeschafft. Niederlassungsbeschränkungen haben zugenommen. Eigenengagement, kritische Fragen oder abweichende Meinungen waren oft nicht erwünscht. Ich habe mich gefragt, wie ich meinen eigenen, persönlichen Anspruch an eine gute Patientenversorgung am besten umsetzen kann.

Viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen sind tatsächlich in die Klinik oder in die Niederlassung gegangen. Es war damals aber auch nicht ungewöhnlich für angehende Ärzte, nach alternativen Betätigungsfeldern zu suchen. Oder über eine besondere Spezialisierung oder Zusatzqualifikationen nachzudenken, um sich breiter aufzustellen.

Da auch die Informationstechnologie schon vor dem Zivildienst zu meinen Vorlieben gehört hat, habe ich nach dem Staatsexamen im Fernstudium Informatik studiert. Nebenbei habe ich erste Berufserfahrung als Assistent der Geschäftsleitung in einem kleinen Unternehmen gesammelt, das sich mit Hard- und Softwareentwicklung beschäftigt hat.

Wann haben Sie den Plan, in der Patientenversorgung zu arbeiten, aufgegeben?

Schiller: Erst Jahre nach dem Staatsexamen. Mein Wissen, meine Kenntnisse und Erfahrungen haben so gut ineinandergegriffen und mir Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet, dass ich eine Laufbahn in der Klinik nicht mehr angestrebt habe.

Mit den aufkommenden elektronischen Medien habe ich bei den medizinischen Fachverlagen ein vielversprechendes Betätigungsfeld vorgefunden. So bin ich schließlich in die Verlagsbrache gewechselt, weil mich Medizin und Information in besonderem Maße interessiert haben.

Wann sind Sie bei Thieme eingestiegen?

Schiller: Ich hatte schon ein paar Jahre Verlagserfahrung als ich dann 1997 zu Thieme gekommen bin. Mein Eindruck war, dass ich in diesem traditionsreichen Familienunternehmen mit meinen Fähigkeiten und Kenntnissen viel bewirken kann – und unser Verleger hat das wohl genauso gesehen.

Was war Ihr Aufgabengebiet?

Schiller: Zunächst habe ich als Verlagsleiter das Buchprogramm in den chirurgischen Fachgebieten verantwortet und mich zudem um die Integration weiterer Programme und Angebote gekümmert, die durch Zukäufe zu Thieme gekommen waren. Einige Jahre habe ich dann in einer Doppelspitze mit meinem Kollegen, Hartmut Fandrey, den Verlag Klinik und Praxis geführt. Seit 2016 bin ich nun als Mitglied der Thieme Geschäftsleitung für das Ressort Medizin und damit für die Weiterentwicklung der Angebote in unseren Kernmärkten verantwortlich.

Was macht Ihre berufliche Tätigkeit heute aus?

Schiller: Thieme hat mir einen Zugang zur Medizin und auch Gestaltungsräume eröffnet, die weit über das hinausreichen, was ich als spezialisierter Facharzt kennengelernt hätte. Ich habe heute einen breiten Überblick über sämtliche Fachgebiete und stehe in ständigem Dialog mit den Besten ihres Faches – mit unseren Autoren, Herausgebern und den Entscheidern in den verschiedenen Fachgesellschaften. Gleichzeitig bin ich mit ganz unterschiedlichen Akteuren im Gesundheitswesen vernetzt – mit Verantwortlichen im Klinikmanagement, Vertretern aus Politik, Interessenverbänden und Patientenorganisationen. Damit überblicke ich den Medizinbetrieb in seinen Strukturen und spezifischen Besonderheiten gut. Das versetzt mich in die Lage, fach- und sektorenübergreifende Impulse ins Gesundheitssystem zu geben und meine Vorstellung von guter Medizin aktiv mit einzubringen.

Gleichzeitig trage ich mit meinem Wissen als Arzt ganz unmittelbar dazu bei, Defizite in medizinischen Informationsprozessen zu erkennen und zu beheben. Gerade jetzt, in Zeiten des digitalen Umbruchs, gibt es so viele spannende Möglichkeiten. Thieme hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen, die in der Patientenversorgung tätig sind, die entscheidenden Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung zu stellen. Denn das ist unserer Überzeugung nach ein wichtiger Hebel, um eine gute Patientenversorgung bei knappen Ressourcen und gleichzeitig steigenden Ansprüchen auch künftig zu gewährleisten. Mit einem unvergleichlichen Pool an hochqualifizierten Fachinformationen, einem breiten Wissen über Strukturen, Prozesse und Herausforderungen im Gesundheitswesen kann Thieme langfristig und nachhaltig zu einer besseren Medizin und mehr Gesundheit im Leben beitragen. Dafür arbeiten bei Thieme Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen mit Leidenschaft und großem Know-how zusammen. Es begeistert mich jeden Tag, ein Teil davon zu sein!

Vermissen Sie die Patienten?

Schiller: Mit meinem Wunsch, Arzt zu werden, hatte ich das Wohl der Patienten im Blick. Das ist heute nicht anders. Gleichzeitig kümmere ich mich heute aber auch um die Kollegen in den Kliniken und Praxen, um die Ärzte, Pflegekräfte und anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen, indem ich dazu beitrage, dass sie bei der Patientenversorgung bestmöglich unterstützt werden.

Die Sehnsucht nach der unmittelbaren Arbeit mit den Menschen, die medizinische Hilfe benötigen, ist nie ganz verloren gegangen. Andererseits möchte ich die letzten 20 Jahre mit dem, was ich hier erleben, erfahren und gestalten durfte, auf keinen Fall missen.

 

Das Interview führte Carola Schindler