•  

Belastung von Müttern sprachentwicklungsgestörter Kinder

Obwohl die meisten Kinder die Aufgabe der Sprachentwicklung ohne Probleme bewältigen, gehören Sprachentwicklungsstörungen mit einer Prävalenz von 7 % zu den Entwicklungsstörungen, die bis zum Schulalter am häufigsten auftreten. Die komorbiden Beeinträchtigungen einer Sprachentwicklungsstörung (SES) sind vielfältig. Jedes zweite, von SES betroffene Kind, fällt durch aggressives oder ängstliches Verhalten auf und wird als überempfindlich, sozial zurückgezogen und verunsichert erlebt. Auch führen die Misserfolge im Rahmen schulischer Lernprozesse zu einem verminderten Selbstvertrauen und die hohe Erwartungshaltung des sozialen Umfeldes kann zu starken psychischen Belastungen führen.

Mütter von Kindern mit (Sprach-) Entwicklungsstörungen haben in der Regel ein höheres Stressniveau als Mütter von unauffällig entwickelten Kindern. Ältere Studien belegen, dass Mütter von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen vermehrt depressives Verhalten und eine verminderte Lebensqualität aufweisen, auch wird über starke körperliche Beschwerden und ein erhöhtes Risiko für psychosomatische Erkrankungen berichtet. Das subjektive Belastungserleben wird durch verschiedene Aspekte beeinflusst. In der Studie von Hsiao zeigte sich, dass Eltern von Kindern mit Entwicklungsstörungen deutlich größeren Stress erleben als Eltern unauffällig entwickelter Kinder, welcher unter anderem vom Verhalten der Kinder beeinflusst wird. Aber auch der sozioökonomische Status der Familie, die hyperaktiven oder emotionalen Verhaltensauffälligkeiten der Kinder oder der mütterliche Erziehungsstatus können das Stresserleben erhöhen. Tomanik, Harris und Hawkins befragten 60 Mütter zu ihrer Belastung und fanden heraus, dass sich auch die eingeschränkten kommunikativen Fähigkeiten eines Kindes und die Defizite in der Interaktion mit anderen auf das Belastungserleben auswirken können. Die Ergebnisse von Smith, Oliver und Innocenti zeigen, dass sowohl das Familienleben als auch die Art und die Schwere der Behinderung des Kindes einen Einfluss auf die Belastungssituation der Eltern haben können. Die Untersuchungen von Schaunig zum Belastungserleben von 63 Müttern von Kindern mit SES zeigen signifikante Unterschiede zwischen der klinischen Gruppe und der Kontrollgruppe in den Bereichen Kompetenz und Depression. Die belasteten Eltern neigen zusätzlich zu Selbstzweifeln und Vorwürfen, was die Belastungssituation verstärkt. Auch der vermehrte Betreuungsaufwand und die stetige Sorge um die zukünftige Entwicklung des Kindes tragen zur wahrgenommenen Belastung bei. Zusätzlich kann sich die mangelnde Zeit, berufliche Ziele zu verfolgen, enorm auf das Selbstwertgefühl der Mütter auswirken und auch zu finanziellen Problemen führen, die intrafamiliäre Konflikte mit sich bringen können.#

Fragestellung

Die vorliegende Studie untersucht, inwieweit sich Mütter von Kindern mit und ohne SES hinsichtlich ihres subjektiven Belastungserlebens unterscheiden. Es wird analysiert, in welchem Bereich des Eltern-Belastungs-Inventars (EBI) die Belastungssymptome besonders stark ausgeprägt sind und welche möglichen Prädiktoren diesen Bereich beeinflussen.

Material und Methoden

Die Kinder der vorliegenden Studie wurden an Regelkindergärten, Kindertagesstätten und Grundschulen sowie verschiedenen Sprachheilkindergärten und Förderschulen mit dem Schwerpunkt Sprache in Bremen und Niedersachsen rekrutiert, die Teilnahmebereitschaft der Familien lag bei 15 – 75 %. Es wurden Kinder mit und ohne SES und ihre Mütter berücksichtigt; die SES-Diagnosen entsprechen den Kriterien der ICD-10. Die Diagnosen wurden von der jeweiligen Fachberatung im Landesärztlichen Dienst für Menschen mit Hör- und Sprachstörungen gestellt, die Eltern der Kinder erklärten sich mit der Weitergabe der Diagnosen einverstanden. Die teilnehmenden Kinder wurden zusätzlich mit dem Sprachstandserhebungstest für Kinder im Alter zwischen 3 und 5 Jahren (SET 3 – 5) bzw. 5 und 10 Jahren (SET 5 – 10) in ihren sprachlichen Fähigkeiten überprüft, um die vorliegenden Diagnosen zu überprüfen. Die allgemeinen Sprachtests SET 3 – 5 und SET 5 – 10 ermöglichen eine entwicklungsorientierte und differenzierte Beurteilung sprachlicher Fähigkeiten und zentraler Basiskompetenzen des Spracherwerbs. In verschiedenen Untertests werden die Bereiche Wortschatz, Semantische Relationen, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Sprachverständnis, Sprachproduktion, Grammatik/Morphologie und die auditive Merkfähigkeit überprüft. Die Kinder mit diagnostizierten SES zeigten in mindestens zwei der Untertests auffällige Ergebnisse (Prozentrang ≤ 25), die Diagnosen wurden somit bestätigt. Die Kinder ohne SES erzielten in allen Untertests unauffällige Ergebnisse. Zusätzlich wurde die Wechsler Nonverbal Scale of Ability (WNV) mit den Kindern durchgeführt, um die kognitiven Fähigkeiten zu erfassen. Die Reliabilität der WNV reicht, je nach Untertest, von r = 0,72 bis r= 0,90, für die aus 2 bzw. 4 Untertests zusammengesetzten Gesamtwerte beträgt die Reliabilität r = 0,90.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Wahrgenommene Belastung von Müttern sprachentwicklungsgestörter Kinder
aus der Zeitschrift Sprache • Stimme • Gehör 03/2020

Newsletter Logopädie

  • Jetzt zum Newsletter anmelden und Poster sichern!

    Jetzt kostenlos anmelden

    Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an und Sie erhalten als Dankeschön ein Poster zum Download.

Quelle

Sprache • Stimme • Gehör
Sprache • Stimme • Gehör

Zeitschrift für Kommunikationsstörungen

EUR [D] 70,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

Spezifische Sprachentwicklungsstörungen
Jürgen CholewaSpezifische Sprachentwicklungsstörungen

Psycholinguistische Grundlagen und Sprachdiagnostik

EUR [D] 49,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Neue Technologien in der Sprachtherapie
Kerstin Bilda, Juliane Mühlhaus, Ute RitterfeldNeue Technologien in der Sprachtherapie

EUR [D] 23,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Cookie-Einstellungen