Kanonisches Babbeln – Meilenstein der Sprachentwicklung?!

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Kann er das Köpfchen schon selber halten? Hat sie sich schon gedreht? Kann er schon krabbeln? So oder so ähnlich unterhalten sich die Erwachsenen, die einen Säugling betrachten. Bezogen auf die sprachliche Entwicklung scheint das kanonische Babbeln der erste Entwicklungsschritt zu sein, den ungeübte Hörer wahrnehmen. Viele Mütter sind sogar der Meinung das beim Öffnen und Schließen des Mundes entstehende /mamamam/ sei zielgerichtet und ihnen gewidmet.

Kanonisches Babbeln

Der Begriff kanonisches Babbeln oder auch kanonisches Lallen bezeichnet die Phase, in der Kinder beginnen, Konsonanten und Vokale zu Silben oder Silbenketten zusammenzuschließen. Während die ersten 6 Lebensmonate von Schreien, Gurren und ersten Produktionen konsonant- bzw. vokalartiger Äußerungen, auch schon in Kombinationen, geprägt sind, scheinen Kinder ab der Phase des kanonischen Babbelns plötzlich mühelos die Artikulation von Konsonanten und Vokalen sowie das Timing bei den Übergängen zwischen diesen zu beherrschen. Sie produzieren Einsilber (z.B. /ba/, /am/), Zweisilber (z.B. /ada/, /mamam/, /dədə/), Mehrsilber (z.B. /ədadadada/, /aidedibi/). In der deutschen Literatur wird meist von der „zweiten Lallperiode“ oder Lallphase gesprochen. Der Beginn dieser Phase wird dabei in der internationalen sowie deutschsprachigen Literatur mit einer Zeitspanne zwischen dem 6. und 10. Lebensmonat angegeben.
Merke: Kennzeichen für den Übergang zum kanonischen Babbeln ist das erwachsenensprachähnliche Timing zwischen den Konsonanten und Vokalen.

Prognostischer Nutzen

Von besonderem Interesse ist das kanonische Babbeln, weil dieser Phase in den letzten Jahren zunehmend Bedeutung im Bezug auf den Übergang zum bedeutungsvollen Sprechen zugeordnet wird. So wird beschrieben, dass das Auftreten des kanonischen Babbelns bzw. die Häufigkeit und Variabilität kanonischer Äußerungen mit dem Auftreten erster Wörter bzw. der Wortschatzgröße zu späteren Zeitpunkten in der Entwicklung verknüpft sei. Zudem wurde gezeigt, dass die phonologischen Strukturen der Äußerungen des kanonischen Babbelns sich sowohl bezogen auf die Artikulations-Orte und Artikulations-Arten der produzierten Konsonanten, als auch bezogen auf die bevorzugten Silbenstrukturen auf die Produktion der ersten Wörter zu übertragen scheinen.
Ein verspätetes Auftreten des kanonischen Babbelns ist als Prädiktor für angeborene Hörstörungen bekannt und weist ebenso wie eine geringe Variabilität im Babbeln auf das Risiko einer späteren Late-Talker-Entwicklung hin.
Merke: Zeitpunkt beim Beginn und Variabilität der kanonischen Äußerungen sind Prädiktoren für den Beginn des Auftretens erster Wörter und möglicherweise Hinweise auf spätere Sprachentwicklungsstörungen.

Diagnostik

Zur Erfassung, ob ein Kind bereits in der kanonischen Phase ist, können die Beobachtungen der Eltern in Kombination mit eigenen Einschätzungen herangezogen werden. Beschreiben die Eltern, ihr Kind habe bereits begonnen, sprachähnliche Silben zu produzieren und können Beispiele der kindlichen Äußerungen imitieren, ist dies ein gutes Zeichen. In der eigenen Einschätzung sollte das Augenmerk auf der Beobachtung der Transitionszeiten zwischen den Konsonanten und Vokalen der geäußerten Silben bzw. Silbenketten liegen. Diese müssen dem Timing der Erwachsenensprache (Angabe in der Literatur: < 120 ms) entsprechen. Schwierigkeit bei der Diagnostik im klinisch-therapeutischen Setting ist, dass dieses nur eine Momentaufnahme darstellt. Kanonisches Babbeln zeigt sich zu Beginn jedoch selten in Interaktionssituationen sondern eher im Monologisieren (z.B. nach dem Aufwachen oder im Auto). Hilfreich sind daher Audio- oder Videoaufnahmen vom kindlichen Babbeln im häuslichen Kontext, um einen repräsentativen Eindruck der kindlichen Fähigkeiten zu erhalten.

Fazit

Wenn Sie im Rahmen von Frühdiagnostik/Frühintervention gefragt sind, die sprachliche Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern zu beurteilen, beobachten Sie vor allem die Transitionszeiten und die phonologische Variabilität der kindlichen Äußerungen. Audio-/Videoaufnahmen erhöhen die Repräsentativität der einzuschätzenden sprachlichen Fähigkeiten.

Sigrun Lang, Aachen in Ausgabe 3/2014 der Zeitschrift Sprache Stimme Gehör

Im Hörbeispiel finden sich die verschiedenen Varianten kanonischer Äußerungen: einsilbige, zweisilbige kanonische Äußerungen, redupliziertes Babbeln und variiertes Babbeln.


Zum kompletten Beitrag mit Hörbeispiel

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