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Was tun Stimmtherapeuten wirklich?

Wohl jeder weiß, dass in der Stimmtherapie sowohl "direkt" als auch "indirekt" gearbeitet wird. Direkte Übungen sind Atem- und Stimmübungen, indirekte Maßnahmen sind z.B. stimmhygienische Hinweise. Eine amerikanische Forschergruppe ging der Frage nach, ob und wie sich die Behandlung verschiedener stimmlicher Erkrankungen unterscheidet.

Dass Stimmtherapie eine effektive Behandlungsmaßahme ist, gilt durch viele Studien belegt, speziell die Wirksamkeit definierter Konzepte. In der täglichen Praxis muss man aber oft vom strengen Vorgehen einer Studie abweichen. Wer würde bestreiten, dass man ein erprobtes Stimmtherapiekonzept individuell auf den Patienten abstimmen sollte? In der Praxis weicht man also von in Studien erarbeiteten Vorschriften ab, was Gartner-Schmidt et al. überprüfen wollten. Dabei war der Messparameter die Zeit innerhalb einer Therapieeinheit, die für die direkte Arbeit an der Stimme im Vergleich zur Zeit für die indirekte Arbeit verwendet wurde.

 

Einheitliche Definition der Stimmtherapie
Die 6 teilnehmenden Logopäden einigten sich vor Studienbeginn auf einheitliche Definitionen direkter und indirekter Stimmtherapie. So standen u. a. Resonanzübungen oder Glissandoübungen als direkte Verfahren den Gesprächen zu psychosozialen Problemen oder der Flüssigkeitszufuhr gegenüber. Die Logopäden hatten zwischen einem und dreißig Jahren Erfahrung in der Stimmtherapie, wobei die "Berufsanfänger" unter ihnen zuvor bereits als Gesangspädagogen gearbeitet hatten.
Insgesamt wurden mehr als 1400 Therapien analysiert. Die teilnehmenden Patienten hatten eine der folgenden Erkrankungen: Phonationsverdickungen, funktionelle Dysphonie, Stimmlippenatrophie, einseitige Stimmlippenlähmung oder persistierende Dysphonie nach Phonochirurgie. Die jeweils erste Therapieeinheit mit einem Patienten wurde dabei außer Acht gelassen, da Anamnese und organisatorische Absprachen weder zu direkter noch zu indirekter Therapie gezählt werden konnten. Die Behandlungen wurden von den Logopäden nach klinischen Kriterien zur Verbesserung der Stimmfunktion durchgeführt und der Zeitaufwand für jeden Therapiebereich schematisch dokumentiert.

 

Krankheitsspezifische Therapiebildung
Die Ergebnisse entsprachen den Erwartungen. Logopäden behandeln Patienten mit Stimmstörungen vorwiegend direkt (knapp 80 % der Zeit), ganz unabhängig von der Grunderkrankung. Doch dann analysierten die Forscher die spezifischen Elemente der direkten und indirekten Therapie genauer. So benötigten Patienten mit funktioneller Dysphonie, Phonationsverdickungen oder einer Dysphonie nach Phonochirurgie mehr Zeit für Beratungen zur Anpassungen der akustischen Umgebung, wie Verstärkertechnik oder Raumakustik. Patienten mit funktionellen Dysphonien hatten einen erhöhten Beratungsbedarf zu Themen der psychosozialen Belastungen. Patienten mit Phonationsverdickungen wiederum benötigten signifikant weniger Zeit für diese Thematik. Ebenso unterschied sich die Absprache von Hausaufgaben: Patienten mit Stimmlippenatrophie benötigten mehr Zeit, Patienten nach Phonochirurgie deutlich weniger. Im Bereich der direkten Therapie ergab eine vergleichbare Komponentenanalyse, dass der Transfer bei Patienten mit Phonationsverdickungen oder funktioneller Dysphonie mehr Zeit erfordert als bei Patienten mit Atrophie oder einer Stimmlippenlähmung.

 

Fazit
Die direkte Arbeit in der Stimmtherapie ist über alle Grunderkrankungen hinweg sehr ähnlich und nimmt den Großteil der Therapiezeit ein. Der Zeitaufwand für den Transfer der Stimmverbesserung variiert jedoch stärker. Die indirekte Arbeit an der Stimme ist meist individuell auf die Grunderkrankung ausgerichtet. Viele unkundige "Möchtegernexperten" und Kostenträger werfen Logopäden sowie Phoniatern bei der Stimmtherapie "Konzeptlosigkeit" vor. Diese Studie bringt Licht ins Dunkel und weist den Weg für weitere Studien, die nicht nur spezifische Therapiemethoden, sondern auch den Versorgungsalltag evaluieren. Mehr davon!

Conrad Seidel, Lübeck in Sprache Stimme Gehör 3/2013

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