• Aphasie

     

Therapie bei Aphasien: Ansätze zur Mitbehandlung kognitiver Begleitstörungen

Aktuell existiert kein Standard zur Mitbehandlung kognitiver Begleitstörungen bei Personen mit einer Aphasie, wenngleich diese die Sprachprozessleistungen der Betroffenen beeinflussen. Die vorliegende systematische Literaturrecherche ermittelt effektive Ansätze zur Mitbehandlung kognitiver Beeinträchtigungen während der Aphasietherapie für eine erfolgreiche logopädische Intervention.

Hintergrund
Im aktuellen Ansatz der „Neural Multifunctionality“ wird deutlich, dass kognitive und sprachliche Prozesse eng miteinander kooperieren. Bei vielen Menschen mit Aphasien treten in diesem Sinne neben den sprachlichen Beeinträchtigungen auch kognitive Begleitstörungen auf. Die häufigsten begleitenden Beeinträchtigungen liegen in den Bereichen Aufmerksamkeit, Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis sowie den Exekutivfunktionen.

Zielsetzung
Ziel dieser Arbeit ist es, bereits existierende Ansätze und Interventionsmethoden zur Mitbehandlung von Aufmerksamkeitsstörungen, Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnisstörungen und Beeinträchtigungen der Exekutivfunktionen in der Aphasietherapie zu identifizieren, die positive Effekte auf die sprachlichen Leistungen der Patienten und Patientinnen vorweisen können.

Methodik
Die systematische Literaturrecherche wurde in den Datenbanken Medline (PubMed), Embase, Web of Science, PsycINFO, PubPsych, Psyndex und Cochrane Library durchgeführt. Die Suche basierte auf drei Suchkonzepten (Aphasie, Kognition und Therapie), die mit „AND“ verknüpft wurden. Die Titel- und Abstractsuche sowie Textword-Suche wurde mit der Schlagwortsuche kombiniert. Eingeschlossen wurden deutsch- und englischsprachige Studien der letzten 15 Jahre. Die Stichproben der eingeschlossenen Studien mussten Probanden oder Probandinnen mit Aphasien beinhalten und im Ziel oder der Methode kognitive und sprachliche Anforderungen im Zusammenhang betrachten. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien wurde mit Hilfe der Single-Case Experimental Design (SCED) Skala bewertet.

Ergebnisse
Von anfänglich 723 Studien wurden 24 Studien (22 Fallstudien und 2 kontrollierte Interventionsstudien) anhand der Ein- und Ausschlusskriterien in das systematische Review aufgenommen. Bei den eingeschlossenen Studien handelt es sich um 9 Studien zu Aufmerksamkeitsinterventionen, 12 Studien zu Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnisinterventionen und 3 Studien zu Ansätzen und Methoden bei beeinträchtigten Exekutivfunktionen. Die Studien erreichten bei der Bewertung der methodischen Qualität einen SCED-Punktwert zwischen 6 und 10. Es konnten in allen 3 Bereichen eine Anzahl an Ansätzen identifiziert werden, bei denen die Behandlung der kognitiven Beeinträchtigung mit Verbesserungen der sprachlichen Leistung der Probanden einherging.

Aufmerksamkeitsinterventionen
Eingeschlossene Studien, die methodisch ein unspezifisches Aufmerksamkeitstraining, die Aufmerksamkeitsmanipulation oder das Language Specific Attention Treatment (L-SAT) einsetzten, konnten Verbesserungen bei der Benennleistung und für das Sprachverständnis nachweisen.

Gedächtnisinterventionen
Gedächtnisinterventionen zeigten sehr heterogene Effekte auf die sprachlichen Leistungen der Personen mit Aphasien. Studien, die mit der Wortwiederholung arbeiteten sowie spezifisch-modellorientierte Gedächtnisinterventionen einsetzten, konnten (signifikante) Generalisierungen auf das Wort- Satz- oder Sprachverständnis verzeichnen. Die Methodik der Satzwiederholung ging mit Verbesserungen in der Sprachproduktion der Probanden einher.

Interventionen zu Exekutivfunktionen
Im quantitativ unterrepräsentierten Bereich der Exekutivfunktionen konnte Munoz (2011) eine verbesserte Hemmung von Perseverationen bei gleichzeitig gesteigertem verbalem Output durch die Manipulation des Zeitintervalls zwischen den Stimuli belegen. Vielversprechende Ergebnisse zeigte außerdem das kompensatorische Strategietraining mit dem Brain Budget Protokoll. Der Proband zeigte Verbesserungen des lauten Lesens bei gleichzeitig verbesserter Selbstkorrektur im Trainingssetting. Eine gelungene Übertragung der kompensatorischen Strategien in den Alltag zeigte sich durch die gesteigerte Länge seiner Antwortphrasen in komplexen Gesprächssituationen.

Fazit
Es bestehen erste kognitive und kognitiv-sprachliche Interventionsansätze, die einen positiven Effekt auf die sprachlichen Leistungen von Patienten mit Aphasien und kognitiven Begleitstörungen haben. Es fehlen jedoch detaillierte Wirksamkeitsnachweise. Außerdem sollten neue Ansätze entwickelt werden, bei denen auf effektive, bestehende Verfahren für neurologische Patienten ohne Aphasien zurückgegriffen werden kann. Zudem sollten Therapieprinzipien für eine erfolgreiche Mitbehandlung kognitiver Begleitstörungen in der Aphasietherapie entstehen, bzw. bereits bestehende evaluiert werden. Weiterer Forschungsbedarf ist daher gegeben, um eine erfolgreiche logopädische Intervention bei Patienten mit Aphasien und begleitenden kognitiven Störungen zu gewährleisten.

Kommentar: Die Bachelorarbeit analysiert den Stand der Forschung, um evidenzbasierte Ansätze zur integrierten Behandlung von sprachlichen Beeinträchtigungen und kognitiven Begleitstörungen für die Aphasietherapie zu identifizieren. Das hoch versorgungsrelevante Thema ist in der Literatur stark unterrepräsentiert. Zudem wurden in den wenigen verfügbaren Arbeiten von angemessenem Evidenzniveau sprachliche und kognitive Funktionen nur selten gezielt gemeinsam behandelt. Dennoch gelingt es durch eine fundierte Analyse, unter Berücksichtigung u. a. von Evidenzstufen, Journal Impact-Faktoren und einer Differenzierung nach kognitiven Domänen, erste tragfähige Empfehlungen zu formulieren. Exemplarisch sei für den Fall von Aufmerksamkeitsbeeinträchtigungen bei lexikalischen Störungen das „Language Specific Attention Treatment“ genannt. Peach et al. (2017) demonstrieren, dass Aufmerksamkeitsinterventionen mit gleichzeitig zu bewältigenden sprachlichen Aufgaben auch zu Verbesserungen sprachlicher Leistungen führen können. Durch die evidenzbasierte Identifikation solcher Verfahrensweisen leistet der Review einen wesentlichen Beitrag zur transdisziplinären Weiterentwicklung der sprachtherapeutischen Forschung und Versorgungspraxis.

Prof. Dr. Sascha Sommer, Hochschule für Gesundheit (hsg), Bochum

Aus der Zeitschrift: Sprache Stimme Gehör 02/2019

Call to Action Icon
Sprache ● Stimme ● Gehör Jetzt kostenlos testen

Newsletter Logopädie

Quelle

Sprache • Stimme • Gehör
Sprache • Stimme • Gehör

Zeitschrift für Kommunikationsstörungen

EUR [D] 37,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

Lexikalische und semantische Störungen bei Aphasie
Nicole Stadie, Sandra Hanne, Antje LorenzLexikalische und semantische Störungen bei Aphasie

EUR [D] 49,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Sprache und Ernährung bei Demenz
Christina KnelsSprache und Ernährung bei Demenz

Klinik, Diagnostik und Therapie

EUR [D] 49,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Logopädie in der Geriatrie
Sabine Corsten, Tanja GreweLogopädie in der Geriatrie

EUR [D] 49,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.