• Die Mikrobiota und ihr Einfluss auf das Immunsystem rücken immer mehr in den therapeutischen Fokus, v. a. bei Beschwerden des Verdauungstrakts, aber auch bei rezidivierenden Infekten.

     

Fallberichte: Mikrobiologische Therapie

Die Mikrobiota und ihr Einfluss auf das Immunsystem rücken immer mehr in den therapeutischen Fokus, v. a. bei Beschwerden des Verdauungstrakts, aber auch bei rezidivierenden Infekten — Mit der Mikrobiologischen Therapie als empirisch belegtem Verfahren können gute Therapieerfolge resultieren

Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, auf wie vielfältige Weise die Mikrobiota im Darm das Immunsystem beeinflussen kann. Bei aus dem Gleichgewicht geratener –Mikroflora können verschiedenste Beschwerden resultieren, z. B. des Verdauungstrakts, aber auch rezidivierende Infekte. Die Kasuistiken erfahrener Ärzte zeigen die Möglichkeiten und Erfolgsaussichten einer Mikrobiologischen Therapie bei Beschwerden wie rezidivierende Harnwegsinfekte, MRSA, Kopfschmerz und Migräne auf.

Mikrobiologische Therapie comme il faut mit unerwartetem Ausgang

Anamnese: Die 62-jährige Grundschullehrerin stellt sich vor mit Druck am Steißbein, der Bauch brenne, wässriger Stuhl bis zu10-m pro Tag, oft nur Schleim und Luft, dadurch auch Kreislaufbeschwerden.

Diagnostik: Stuhluntersuchungen erklären ihre Symptome durch Nachweis einer schweren Dysbiose mit Mangel an Schutzkeimen – Bifidobakterien im Dickdarm und Laktobazillen im Dünndarm – und Überwucherung durch Gasbildner wie Clostridien sowie Candida-Hefepilze, woraus dann ein Leaky gut resultierte mit Nachweis von Alpha-1-Antitrypsin, und starker Erhöhung von Histamin im Stuhl.

Therapie und Verlauf: Eine 2-jährige Therapie mit Ersatz der fehlenden Schutzkeime Laktobazillen und Bifidobakterien, dadurch auch Verdrängen der Fäulnisflora und Hefepilze sowie mit Reduktion von tierischen Eiweiß – Futter für proteolytische Keime – und Zucker – Futter für Candida albicans – konnte schon nach etlichen Wochen eine Besserung der Symptome erreicht werden, aber erst nach zusätzlichem Weglassen von Histamin-Liberatoren unter Weiterführung der Mikrobiologischen Therapie brachte im 2. Jahr der Therapie den Durchbruch. Kürzlich stellte sich die Patientin wieder vor, jetzt 2 Jahre nach Beginn der Therapie, zuletzt mit nur geringen Mengen an Laktobazillen, Bifidobakterien sowie Kost mit begrenztem tierischen Eiweiß sowie Zucker und Histamin. Sie berichtet über völlige Beschwerdefreiheit, solange sie keine histaminbildenden Nahrungsmittel zu sich nehme.
Unerwartet für die Patientin war die Beobachtung, dass ihre beiden verhärteten und häufig schmerzenden Unterbauchnarben nach Appendektomie – im 25. Lebensjahr – und Hysterektomie – im 52. Lebensjahr – erst anfingen zu jucken, dann weicher und schließlich komplett schmerzfrei wurden, auch bei Wetterwechsel.

Diskussion: Wie kann man sich das erklären aus dem Verständnis der Naturheilverfahren? Möglicherweise führt die Normalisierung des Mucosa-Immun-Systems durch die Mikrobiologische Therapie und Kostumstellung zu einer Beruhigung der afferenten Fasern des Ganglion coeliacum, was wiederum zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte im Einflussgebiet geführt hat. Der Mensch ist faszinierend.

Rezidivierende Harnwegsinfekte bei 28-jähriger Patientin

Anamnese: Eine 28-jährige Patientin stellt sich aufgrund chronisch rezidivierender Harnwegsinfekte vor. Die Problematik hatte bereits im Teenageralter mit ca. 16 Jahren begonnen. Die Infekte träten bis 5- bis 6-mal pro Jahr auf, stets sei eine antibiotische Behandlung notwendig gewesen.
Urologisch seien anatomische Ursachen ausgeschlossen worden, erstmals habe sie mit 19 Jahren durch eine Behandlung mit Urovaxom, einem nicht-infektiösem Antigengemisch aus häufigen Erregern von Harnwegsinfekten, eine Besserung erfahren. Leider blieb sie nicht stabil, sodass 5 Jahre später eine weitere Behandlung stattfand, leider diesmal mit weniger Erfolg. In typischer Art träten stets nach dem Geschlechtsverkehr Infekte auf, jedoch auch durch vermehrten Stress oder Kälte. Entsprechende Vermeidungstaktiken werden bestätigt, sie erfährt in ihrer Partnerschaft aber großes Verständnis.
Neben der geschilderten Problematik hätten sich vor 4 Jahren zunehmende abdominelle Beschwerden eingestellt, in deren Rahmen sie zwischen 2011 und 2014 wegen starker Bauchschmerzen insgesamt 4-mal im Krankenhaus war, eine Appendektomie sowie 2 Koloskopien und ÖGD erfahren musste. Auch wurden mehrfach erhöhte Leberwerte ungeklärter Ursache festgestellt. Sämtliche Maßnahmen hätten nichts gebracht, die plötzlich einfach so auftretenden Schmerzen persistierten, eine Ursache sei nicht herausgefunden worden.
Sie studiere BWL, ihr Leben sei „schnell und stressig“, sie übernehme sich manchmal und habe schon immer mit dem Bauch empfindlich auf Druck und Stress reagiert. Momentan habe sie keinen Harnwegsinfekt, der Stuhlgang sei nicht gut, immer 2- bis 3-mal pro Tag, er sei „fluffig“, klebe an der Schüssel und stinke sehr.

Diagnostik: In der mikroökologischen Diagnostik wurde mit erheblich verminderten Lacto- und Bifidobakterien sowie vermindertem Nachweis von Ackermannsia muciniphila und Faecalibakterium prausnitzii eine stark reduzierte Protectiv-(Schutz-)flora und mucoprotective (schleimbildende) Flora festgestellt. Ein vermehrtes Candidawachstum zeigte sich dabei aber noch nicht. Es lag eine erhebliche Dysbiose mit führendem Nachweis von stark erhöhten Clostridien-Spezies sowie Citrobacter vor. Die Immunflora, repräsentiert durch E. Coli und Enterokokken, erwies sich dabei unauffällig. Das Milieu erwies sich mit erhöhtem pH-Wert sowie dem Nachweis von endotoxintragenden Proteolyten und erhöhten toxischen Stoffwechselprodukten aus der bakteriellen Proteolyse deutlich gestört.
Der hier zusätzlich veranlasste Vaginalstatus zeigte sich absolut unauffällig.

Therapie und Verlauf: Es wurde sofort eine Coli-Autvaccine in Auftrag gegeben. Beginn der Mikrobiologischen Therapie mit Symbiolact comp 2 × 1 Beutel/Tag sowie Symbioflor 1 3 × 20 Tropfen. Zur Milieuverbesserung und Leberentlastung Toxaprevent 1 × 1 Stix/Tag für einen Zeitraum von 2-mal 4 Wochen sowie Ozovit über 2 Wochen. Ein erheblicher Vita-min-D-Mangel wurde ausgeglichen. Orthomolekular erfolgte für4 Wochen die Supplementierung von Zink (z. B. Unizink 50 1 × 1 Tag), und Selen (z. B. Uniselen 200 μg/Tag). Der Patientin wurde empfohlen, 2 × täglich aufsteigende Fußbäder mit Sternanis und Zimt durchzuführen. Die Trinkmenge sollte auf 3 Liter gesteigert werden. Dabei sollte, nicht nur aufgrund der abdominellen Beschwerden, auf Kuhmilch und Milchprodukte verzichtet sowie glutenhaltige Getreideprodukte nur gelegentlich gegessen werden. Bei vorliegendem Yin-Mangelzustand sollte sie nur warm essen, am besten lang gekochte Wurzelgemüse- und Hühnersuppen. Jegliche Kälte müsse unbedingt gemieden werden.
Nach insgesamt 4 Wochen paralleler Einnahme von Symbiolact comp und Symbioflor 1 wurde zusätzlich Symbioflor 2 verordnet. Die Autovaccine-Therapie konnte nach 5 Wochen begonnen werden. In diesem Fall wurde die Therapie auf 6 Monate ausgelegt, mit mindestens 2 Zyklen Coli-Autovaccine.
Unter den genannten Maßnahmen besserten sich die abdominellen Beschwerden der Patientin bereits innerhalb weniger Tage. Die Coli-Autovaccine-Therapie konnte bei deutlich spürbaren Reaktionen (grippiges Gefühl, subfebrile Temperaturen, auch Ziehen in Harnröhre und Blase sowie Blähungen und Durchfall) nur sehr vorsichtig und umsichtig durchgeführt werden, bis sich die Situation schließlich stabilisierte. Es traten bisher (Therapiezeit nun ca. 0,5 Jahre) keine Harnwegsinfekte mehr auf, auch nicht nach sexueller Aktivität. Von abdomineller Seite besteht völlige Beschwerdefreiheit bei einmal täglich Stuhlgang mit normaler Konsistenz.

Diskussion: Bei Harnwegsinfekten ist der Einsatz von Coli-Autovaccinen eine sehr vielversprechende Therapieoption, auch wenn sich ein direkter Zusammenhang mit dem allgemein erwarteten Effekt – nämlich mit der verbesserten spezifischen Abwehr des infektverursachenden Keims – hier nicht ohne Weiteres erkennen lässt. Legt man die neuen Forschungsergebnisse zur Genese von Zystitiden und Harnwegsinfekten jedoch den Therapieerfolgen mit Coli-Autovaccinen zugrunde, wird sehr schnell klar, dass die allgemeine, immunmodulierende Wirkung der Coli-Vaccine tatsächlich die eigentliche Ursache der immunologischen Eskalation der Harnwegsinfekte beeinflusst:
Bisher wurde die Annahme vertreten, dass die entzündliche immunologische Schleimhautreaktion der ableitenden Harnwege von der Virulenz der Keime verursacht wird. Aktuelle Forschungsergebnisse sprechen jedoch dafür, dass diese Immunreaktion auf bakterielle Antigene von der Funktionslage des Toll-Like-Rezeptor 4 (TLR-4) abhängt. Der TLR-4 scheint bei den Patienten die Form und Schwere der Immunantwort zu bestimmen und wird im Extremfall auch für rezidivierende Infekte bzw. Chronifizierung in Form interstitieller Zystitiden verantwortlich gemacht. Hingegen hält ein anderer Mensch denselben Keim in Form einer asymptomatischen Bakteriurie in Schach, wird ihn schließlich wieder los und erkrankt daran nicht.
Die empirisch ermittelte Wirksamkeit der Coli-Autovaccine bei rezidivierenden HWI könnte von daher auf eine Immunmodulation zurückzuführen sein, die die Funktion des TLR-4 beeinflusst. Gerade in Anbetracht der weltweiten, dramatischen Resistenzentwicklungen sollte bei der Therapie von HWI eine Autovaccine-Therapie grundsätzlich immer in die therapeutischen Überlegungen mit einbezogen werden.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag mit mehr Fallbeispielen: Fallberichte: Mikrobiologische Therapie

Aus der Zeitschrift für Komplementärmedizin 04/2015

Hören Sie zu diesem Thema auch den Vortrag während der 51. Medizinischen Woche in Baden-Baden: "Stoffwechsel, Mikrobiota und Immunsystem - Praktische Beispiele für kausale Zusammenhänge mit dermatologischen Krankheiten" von Dr. med. Susanne Schnitzer am 31.10.2017 von 9.30 - 10:00 Uhr.

Mehr Informationen

Call to Action Icon
Zeitschrift für Komplementärmedizin Jetzt kostenlos probelesen!

Newsletter-Service

  • Newsletter Komplementärmedizin - Wissen das sich anpasst - Jetzt kostenlos registrieren

    Jetzt kostenlos anmelden

    Mit dem Newsletter für Komplementärmedizin sind Sie immer up to date und einen Schritt voraus.

Quelle

Buchtipps

Allergie und Mikrobiota
Rainer Schmidt, Susanne SchnitzerAllergie und Mikrobiota

Systemisches Krankheitsverständnis - Mikrobiologische Therapie

EUR [D] 59,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Ernährungsmedizin
Hans Konrad Biesalski, Matthias Pirlich, Stephan C. Bischoff, Arved WeimannErnährungsmedizin

Nach dem Curriculum Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer

EUR [D] 99,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Checkliste Komplementärmedizin
Roman Huber, Andreas MichalsenCheckliste Komplementärmedizin

EUR [D] 29,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.