Wie preiswert ist die Komplementärmedizin?

Zusammenfassung
Niederländische Forscher haben retrospektiv die Daten von über 150.000 Patienten eines niederländischen Versicherungsunternehmens analysiert. Diese wurden in vier Gruppen eingeteilt, je nachdem, ob diese sich primär in die Behandlung eines konventionellen, homöopathischen, anthroposophischen oder Akupunktur-Arztes begeben hatten.
Die komplementärmedizinischen Patienten waren im Vergleich zu den konventionellen Patienten etwas häufiger weiblich und kamen deutlich seltener aus „sozial benachteiligten“ Wohngegenden. Die Mortalitätsrate innerhalb des Beobachtungszeitraums von 4 Jahren war unter den homöopathischen Patienten mit 3,8% deutlich höher als unter den konventionellen (2,6%), anthroposophischen (2,1%) oder Akupunkturpatienten (2,5%). 

Pro Quartal fielen bei den konventionellen Patienten 515 € Kosten für die Gesundheitsversorgung an, bei den komplementärmedizinischen Patienten waren es mit 479 € bis 485 € deutlich weniger. Nach Adjustierung der Ergebnisse im Hinblick auf die unterschiedlichen Patientenklientele zeigte sich, dass die homöopathischen Patienten tatsächlich in fast allen Altersgruppen statistisch signifikant weniger Kosten verursachten als konventionelle. Bei den anthroposophischen und Akupunktur-Patienten war das Bild eher uneinheitlich. 

Gleichzeitig nivellierte sich in diesen adjustierten Analysen auch die Unterschiede in der Mortalität. Fasste man alle drei komplementärmedizinischen Gruppen zusammen, so ergab sich sogar eine leicht verringerte Mortalität im Vergleich zu den konventionell behandelten Patienten.

Allgemeine Einschätzung
Daten von Versicherern eignen sich generell gut dazu, Behandlungskosten zu analysieren und Unterschiede zwischen verschiedenen Behandlungsstrategien aufzudecken. Der große Vorteil sind die hohen Fallzahlen, die es ermöglichen, auch relativ kleine Unterschiede zu entdecken – in dieser Studie sprechen wir ja „nur“ von einer Kostenersparnis von etwa 7% und von Veränderungen in der Mortalitätsrate im Promillebereich. 

Um eine zuverlässige Aussage treffen zu können, sind aber mindestens zwei Bedingungen zu erfüllen. Erstens sollten in den Daten alle kostenrelevanten Faktoren berücksichtigt sein. Und zweitens sollte die Erfassung der Kosten vollständig sein. Leider hat die Studie in beiden Bedingungen Defizite. 

Die – im Internet kursierende – Behauptung, eine komplementärmedizinische Behandlung sei kostengünstiger und zudem noch wirksamer als eine konventionelle Therapie, wird daher durch die vorgelegten Daten nicht wirklich überzeugend belegt. 

Zudem sollte man gerade bei Kostenbetrachtungen vorsichtig sein. Selbst wenn eine Therapie in den Niederlanden günstiger ist als eine andere, muss das für Deutschland – mit anderen Arznei-, Personal- und Krankenhauskosten – nicht notwendigerweise auch gelten. 

Weiterführender Kommentar
Dass die Aussagen der Studie als nicht besonders belastbar eingeschätzt werden müssen, liegt an mehreren Faktoren.
Zum einen sind nicht alle Kosten verursachenden Parameter erfasst. Völlig unklar ist nämlich, ob die Patienten in dieser Studie hinsichtlich ihrer Grunderkrankung und ihrer medizinischen Vorgeschichte miteinander vergleichbar sind. Aus anderen Untersuchungen wissen wir, dass Patienten bei komplementärmedizinischen Ärzten häufiger an chronischen Erkrankungen leiden, die zudem oft schon häufig erfolglos konventionell vorbehandelt wurden. Was generell vermutlich eher zu einer Kostensteigerung beitragen würde. Auf der anderen Seite finden sich dort seltener Patienten mit akut lebensbedrohenden Krankheiten – was eher für geringere Kosten sprechen würde. 

Zudem ist es unbefriedigend, dass alle Ärzte mit einer entsprechenden Grundausbildung als komplementärmedizinisch klassifiziert wurden, da völlig unklar ist, ob und in welchem Ausmaß diese ihre Patienten auch tatsächlich nach homöopathischen, anthroposophischen oder traditionell chinesischen Prinzipien behandelt haben. Unklare Zuordnungen zu Therapiestrategien dürften allerdings zu einer Nivellierung der Effekte geführt haben, so dass aus dieser Sicht die gefundenen Kostenunterschiede eher unterschätzt wären. 

Schließlich ist auch zu bedenken, dass es sich bei den behaupteten Ersparnissen möglichweise nicht um Kostensenkungen, sondern nur um Kostenverlagerungen gehandelt hat: von der Versicherung zu einem erhöhten Eigenanteil der Patienten, die z.B. bestimmte Medikamente oder Verfahren jetzt aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. 

Nicht zuletzt zeigen die Analysen der niederländischen Forscher selbst, dass die Ergebnisse nicht wirklich stabil sind – und damit auch nicht wirklich zuverlässig. Ob eine Kosten- und Mortalitätssenkung beobachtet wurde, hing maßgeblich davon ab, welches statistische Verfahren verwendet und welche Altersgruppe betrachtet wurde. 

Die Meinung anderer:
Thomas Reinhold vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité-Universitätsmedizin Berlin bemerkt in einem Interview mit dem Onlineportal pressetext:
"Die Querschnittstudie kann trotz sozioökonomischer Kontrolle nicht ausschließen, dass Patienten selektiert wurden. Zudem wird nicht gezeigt, welche Kosten die Komplementärmedizin für die gesamte Gesellschaft verursacht - da die privat bezahlten Leistungen und Medikamente nicht aufscheinen." Literatur 1.Kooreman P, Baars EW. Patients whose GP knows complementary medicine tend to have lower costs and live longer. Eur J Health Econ. 2011; doi: 10.1007/s10198-011-0330-2. > Abstract

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