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Das glymphatische System

Im Jahr 2013 entdeckten Wissenschaftler ein effektives Drainagesystem im Gehirn. Im gesamten Gehirn werden die Blutgefäße von feinen Kanälen begleitet. Dieses Kanalsystem transportiert die aus dem Interstitium filtrierten Abfallstoffe ab. Die Innenwände der Kanäle bestehen v. a. aus Endothelzellen und glatten Muskelzellen. Die Außenwände werden von den flächigen Ausstülpungen (Endfüßchen) der Astrozyten gebildet, die Wasserkanäle enthalten Aquaporin 4. Die Astrozyten machen die größte Gruppe der Gliazellen aus. Durch die Ähnlichkeit zum Lymphsystem des Körpers tauften die Forscher das neu entdeckte System „glymphatisches System“ – zusammengesetzt aus „Glia“ und „Lymphe“.

Das ZNS und die Lymphe

Bis vor relativ kurzer Zeit wurde davon ausgegangen, dass das ZNS kein eigenes Lymphsystem hat und das periphere Lymphsystem mit dem Waldeyer-Rachenring bzw. den Tonsillen, Polypen und Lymphknoten im zervikalen Bereich an der Schädelbasis endet. Ab der Dura mater gäbe es kein Lymphsystem. Die Blut-Hirn-Schranke und die Blut-Liquor-Schranke wurden unter physiologischen Bedingungen als unüberwindliche Grenze betrachtet, nur wenige Stoffe seien durchgängig. Die Hypothese war, dass die „Abfallbeseitigung“ auf individuellem Zellniveau stattfindet und der Liquor cerebrospinalis dem lymphatischen System entspricht. Es stellt sich die Frage, wie das metabol hochgradig aktive ZNS seine Abfall- und Giftstoffe entsorgt.

2013 entdeckte die Forschergruppe um Nedergaard einen physiologischen Mechanismus im Bereich der Gliazellen des ZNS, den sie in Anlehnung an das lymphatische System glymphatisches System tauften. Sie waren die Ersten, die diese funktionelle Einheit beschrieben. Ähnlich dem lymphatischen System wird das glymphatische System als fließendes Durchlaufsystem zum Abtransport von überflüssigem und schädlichem Material verstanden. Die Transportflüssigkeit wird in das lymphatische System abgegeben.

Louveau und Kipnis sowie Aspelund et al. entdeckten später auf der Suche nach Zugangswegen für T-Zellen die Arteriolen und Venolen begleitende Lymphgefäße. Sie fanden, dass die duralen Sinus und die Aa. meningeae mediae von konventionellen Lymphgefäßen begleitet werden, die eine Verbindung zum glymphatischen System herstellen. Sie verbinden das glymphatische System mit dem meningealen Gebiet und drainieren Immunzellen, kleinere Moleküle und überschüssige Fluida, weshalb sie auch eine Rolle bei neuroinflammatorischen bzw. neurodegenerativen (Autoimmun-) Erkrankungen spielen könnten. Ihre Entdeckung wird als fortlaufende Erweiterung des von Nedergaard gefundenen glymphatischen Systems angesehen.

Aspelund et al. beschrieben den Schlemm-Kanal, der bis dato als venöser Sinus angesehen wurde, als ein lymphähnliches Gefäß. Kipnis legt nahe, dass auch andere venöse Sinus eher lymphatischer Natur sein könnten. Dass man sie so lange nicht entdeckt habe, liege daran, dass sie sehr gut versteckt in den Meningen liegen. Das Kipnis-Labor hat ein Gefäßnetzwerk in der Dura entlang des Sinus sagittalis superior und Sinus transversalis mit direkter Verbindung zu den zervikalen Lymphgefäßen gefunden. Die Drainage erfolgt in den Kanälen entlang der venösen Sinus, Meningealarterien und Hirnnerven sowie der Lamina cribriformis und über eine Absorption des Liquors.

Die lange Zeit als gültig betrachtete Vorstellungsweise des Gehirns ohne Lymphsystem ist somit nicht mehr haltbar.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Das glymphatische System
aus der Zeitschrift DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 02/2020

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