• Parkinson

     

Beginnt der Parkinson im Magen?

Wird der Vagusnerv, der Gehirn und Bauchraum verbindet, durchtrennt, sinkt das Risiko, an Morbus Parkinson zu erkranken. Diese aktuellen Befunde stützen die These, dass die Parkinson-Krankheit im Magen entsteht und sich über die Nervenbahnen ins Gehirn ausbreitet.

„Die neuen Untersuchungsbefunde haben zwar keine unmittelbaren Konsequenzen für die Therapie, aber sie zeigen uns, dass wir bei der Erforschung neuer Behandlungsoptionen den richtigen Weg eingeschlagen haben“, kommentiert Professor Dr. Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, die aktuelle Studie aus Skandinavien. Der neurodegenerativen Erkrankung gehen meist bereits Jahre vor der Diagnosestellung unspezifische Symptome voraus. So leiden spätere Parkinson-Patienten etwa doppelt so häufig an Verstopfung und Schlafstörungen wie die Allgemeinbevölkerung.

Daher wird von Parkinson-Forschern bereits länger eine Verbindung zwischen Darm und Gehirn postuliert. Dieses Modell zum Krankheitsverlauf, die Aszensionshypothese, geht davon aus, dass Parkinson zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt. Die Hypothese wurde maßgeblich von dem Frankfurter Neuroanatomen Professor Heiko Braak entwickelt, der seit 2009 am Zentrum für Biomedizinische Forschung des Uni-Klinikums in Ulm arbeitet. Die Forschungsgruppe um den Direktor der Klinik für Neurologie an der TU Dresden, Professor Heinz Reichmann, konnte sie im Tiermodell bestätigen.


Eine Schlüsselrolle spielt dabei das fehlgefaltete Eiweißmolekül Alpha-Synuklein, das sich bei der Parkinson-Erkrankung typischerweise in den erkrankten Gehirnzellen ablagert. Ablagerungen von Alpha-Synuklein entstehen – möglicherweise durch den Einfluss von Umweltgiften – aber auch im Nervensystem des Magens und des Darms. Von dort aus, so die Hypothese, gelangen die Ablagerungen ins Gehirn. Dabei nutzen sie den Vagusnerv und seine Verästelungen wie eine Steigleiter. Frühere Untersuchungen an Mäusen haben bereits gezeigt: Kappt man diesen Nerv, wird der Krankheitsprozess zumindest verlangsamt.

Bei der aktuellen schwedischen Untersuchung nutzten die Wissenschaftler eine nationale Gesundheitsdatenbank, um alle Patienten zu finden, die sich einer Vagotomie unterzogen hatten. Sie verglichen dann die Häufigkeit von Parkinson-Erkrankungen unter Patienten, deren Vagusnerv ganz oder teilweise getrennt worden war mit einer Kontrollgruppe aus der Bevölkerung. Das Ergebnis: Von 9.430 Patienten, die eine Vagotomie hinter sich hatten, erkrankten 101 an Parkinson. Das entspricht 1,07 Prozent. In der Allgemeinbevölkerung lag die Rate bei 1,28 Prozent.
Noch deutlicher war der Trend bei Patienten, deren Vagusnerv vollständig durchtrennt worden war (im Gegensatz zur Abtrennung einzelner Äste). Gegenüber der Kontrollgruppe war das Risiko, an Parkinson zu erkranken, nach einer vollständigen Vagotomie um 22 Prozent geringer und wenn der Eingriff bereits mindestens fünf Jahre zurücklag, sogar um 41 Prozent. Ähnliche Ergebnisse hatte bereits zwei Jahre zuvor eine dänische Arbeitsgruppe nach der Auswertung von knapp 15.000 Vagotomien in den Jahren 1977 und 1995 veröffentlicht.

„Auch wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine neue Therapie anbieten können, wird ein besseres Verständnis des Verlaufs des Zelluntergangs langfristig den Patienten zugutekommen, weil wir den Morbus Parkinson früher behandeln können“, erklärt Professor Daniela Berg. Darüber hinaus werden neue Therapieansätze im Rahmen von Studien erprobt, die die Ausbreitung des fehlgefalteten Eiweißes verhindern sollen.

 


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. im Juni 2017

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