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Epilepsie: Scheinbar gesundes Gewebe ist beteiligt

Rund ein Drittel der Epilepsien sind kaum behandelbar, weil mehrere Anfallsherde auf komplexe Weise zusammenspielen. Erstmals ist es nun Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Bonn bei Patienten mit solchen Epilepsieformen gelungen, Vorboten von Anfällen bereits Stunden im Voraus nachzuweisen.

Bei etwa einem Drittel der Epilepsiepatienten lassen sich die „Gewitterstürme im Gehirn“ nicht klar lokalisieren. Häufig ist ein komplexes System aus mehreren Anfallsherden beteiligt, wodurch die Betroffenen kaum effektiv operativ oder medikamentös zu behandeln sind. Da das Zusammenspiel der übererregten Nervenzellen zu komplex erschien, wurden die Patienten außerdem bislang nicht bei Untersuchungen zur Anfallsvorhersage miteinbezogen.

Ein Wissenschaftlerteam um Professor Dr. Klaus Lehnertz von der Klinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn hat diesen Versuch nun gewagt und verblüffende Erkenntnisse gewonnen. Mit Hilfe der Elektroenzephalografie (EEG) erfassten die Forscher die Potentialschwankungen und damit die Aktivitäten von unterschiedlichen, miteinander wechselwirkenden Arealen in den Gehirnen von Epilepsiepatienten. Mit dieser Methode verglichen sie 16 Patienten, die unter einer therapieresistenten Epilepsie mit vielen voneinander unabhängigen Anfallsherden litten, mit insgesamt 20 Erkrankten, bei denen sich die Anfallsherde relativ gut eingrenzen und behandeln ließen.

„Es zeigte sich, dass sich epileptische Anfälle auch bei den therapieresistenten Patienten mit mehreren Anfallsherden bis zu vier Stunden im Voraus relativ gut vorhersagen ließen“, so Lehnertz. Überraschender noch war der Befund, dass die Veränderungen der Wechselwirkungsmuster nicht in den Gehirnregionen gemessen wurden, in denen sich später die epileptischen Anfälle ereigneten, sondern im scheinbar gesunden Nervenzellgewebe. Bei den therapierbaren Erkrankten fanden die Arrhythmien der Nervenzellen hingegen in den bereits vorher identifizierten Anfallsherden statt.

Dass gesundes Gehirngewebe im Vorfeld von epileptischen Anfällen bei therapieresistenten Patienten eine Rolle spielt, war nicht erwartet worden, wie Professor Dr. Christoph Helmstaedter darlegte. „Es gibt jedoch schon länger Hinweise darauf, dass sich Anfälle auch durch mentale Aktivitäten auslösen sowie unterdrücken lassen“, erklärt der Mediziner.

Die neuen Erkenntnisse bieten Ansatzpunkte für neue Therapieformen. Denkbar wäre zum Beispiel, die Nervenzellen außerhalb der bekannten Anfallsherde so zu beeinflussen, dass keine Gehirnregion mehr aus dem Takt gerät und damit Anfälle bereits im Vorfeld verhindert werden.

Allerdings ist die präzise Anfallsvorhersage nach wie vor eine Herausforderung. „Die Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte in der Prognose von epileptischen Anfällen gemacht“, berichtet Lehnertz. Doch es ist schwer, jeden Anfall Stunden im Voraus zu erkennen und Fehlalarme zu vermeiden. Auch sind die Unterschiede zwischen den Patienten zum Teil erheblich. „Nur bei etwa zwei Drittel der Patienten gelingt es, epileptische Anfälle zu prognostizieren“, sagt der Physiker. Es besteht somit weiterer Forschungsbedarf für noch genauere Verfahren.

Denn bei den nicht therapierbaren Patienten sind die Anfallsvorhersagen meist der einzige Ansatzpunkt, durch neue Verfahren die nicht zu durchschauende Arrhythmie der Gehirnregionen abzuwenden. „Nach unseren Resultaten liegt der Schlüssel dafür in Gehirnregionen, die bislang noch nicht mit epileptischen Anfällen in Zusammenhang gebracht wurden“, sagt Lehnertz. Dies sei ein wichtiger erster Ausgangspunkt für weitere Schritte zu einem besseren Verständnis der Prozesse im komplexen epileptischen Gehirn und damit möglicherweise auch zur Entwicklung neuer Behandlungsstrategien.

 

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