• S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen

    Essstörungen gehen mit Veränderungen in der Hirnstruktur einher.

     

Essstörungen – Veränderungen der Hirnstruktur als Biomarker?

Strukturelle Veränderungen in unterschiedlichen Hirnregionen könnten wichtige Biomarker für Anorexia und Bulimia nervosa sein. G. K. Frank et al. haben in einer Studie unter anderem die Unterschiede in der Hirnstruktur zwischen Gesunden und an Anorexia nervosa Erkrankten untersucht.

Am J Psychiatry 2013; 170:1152–1160

 

Ihre Untersuchung umfasste in stationärer Behandlung befindliche Patientinnen mit Anorexia nervosa vom restriktiven Typus (n = 19) oder mit Bulimia nervosa (n = 20), Frauen, die von einer Anorexie genesen waren (n = 24), sowie gesunde Kontrollen (n = 24). Alle Studienteilnehmer hatten sich einer strukturellen Magnetresonanztomografie (MRT) zur Ermittlung der Volumina der grauen und weißen Hirnsubstanz sowie verschiedenen Tests unterzogen, wie dem Eating Disorder Inventory-3, dem Temperament and Character Inventory, dem dem Beck-Depressions-Inventar, dem Spielberger-State-Trait-Angstinventar und dem revidierten Sensitivity-to-Reward-and-PunishmentFragebogen. Außerdem mussten sie vor dem MRT einen Test zum Geschmackserleben absolvieren, bei dem sie Süße und angenehme Empfindung beim Trinken einer 1 % igen Saccharose-Lösung auf einer 9-stufigen Likert-Skala bewerteten.

 

Erhöhtes Volumen der grauen Substanz

Bei allen Studienteilnehmerinnen mit vorhandener oder früherer Essstörung zeigte sich gleichermaßen ein gegenüber den gesunden Kontrollen erhöhtes Volumen der grauen Substanz im Bereich des medialen orbitofrontalen Kortex (Gyrus rectus). Die manuelle Auswertung bestätigte den Befund der automatisierten Analyse. Dabei war das Volumen des Gyrus rectus in allen Studiengruppen prädiktiv für das Ausmaß der angenehmen Geschmacksempfindung. Anorexie und Bulimie unterschieden sich aber in anderen Hirnregionen: Während bei Anorexie und früherer Anorexie das Volumen der grauen Substanz der antero-ventralen Insula rechts gegenüber den Kontrollen erhöht war, war dies bei Bulimie-Patientinnen linksseitig der Fall. Nur bei den ehemaligen Anorektikerinnen und den Bulimikerinnen zeigte sich ein gegenüber den Kontrollen verringertes Volumen des dorsalen Striatums. Über alle Gruppen mit aktueller oder früherer Essstörung hinweg war wiederum das dorsale Striatumvolumen prädiktiv für die Sensitivität für Belohnung. Außerdem wiesen diese 3 Gruppen im Vergleich zu den gesunden Kontrollprobandinnen ein reduziertes Volumen der weißen Substanz in der rechten Temporal- und Parietalregion auf. Die Befunde blieben alle auch dann noch bestehen, wenn für eine Reihe von Covariablen wie Alter, komorbide Depression, Angst oder Medikation kontrolliert wurde. Das Muster der in einzelnen Regionen gegenüber den Kontrollen erhöhten und Essenreduzierten Hirnsubstanz kann erklären, warum insgesamt nicht nur in dieser, sondern auch in anderen Studien keine Veränderung des Hirnvolumens im Zusammenhang mit Essstörungen belegt ist.

 

Fazit

Bei Patientinnen mit Essstörungen zeigen sich typische Veränderungen der Hirnstruktur im medialen orbitofrontalen Kortex, der Insula und im Striatum. Diese deuten auf Veränderungen der neuronalen Verschaltungen hin, die phänotypisch mit Geschmacksbewertung und Bedeutung von Belohnung assoziiert sind, so die Autoren.

 

Aus der Zeitschrift Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 2014; 82(03): 123

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