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Kopfschmerzen - Update 2018

Die Kopfschmerzforschung macht Fortschritte. Dies zeigt sich an der großen Zahl von Publikationen zur Epidemiologie, Pathophysiologie, Akuttherapie und Prophylaxe von Kopfschmerzen. Die vorliegende Übersicht referiert die wichtigsten Studien zu Kopfschmerzen aus dem Zeitraum 2017 bis Juni 2018. Die Auswahl der referierten Studien ist subjektiv und erfolgte nach der Einschätzung der Autoren.

Migräne

Epidemiologie

Zur Rolle von Migränetriggern gibt es Analysen an größeren Patientenkollektiven. Einen innovativen Ansatz im Sinne einer sogenannten n = 1-Analyse präsentieren Weber et al.. Methodisch wurde auf papiergebundene Fragebögen aus der PAMINA-Studie von 326 Patienten mit Migräne zurückgegriffen, die zu 87% von Frauen stammten, bei durchschnittlich 2,9 Migräneattacken pro Monat. Für jeden Patienten wurden univariate Assoziationen dieser Faktoren untereinander individuell mittels eines Proportional Hazards Model ausgewertet und sekundär nach Überlappungen zwischen den einzelnen individuellen Triggerprofilen gesucht. Bei 285 Patienten konnte mindestens ein signifikanter Triggerfaktor nachgewiesen werden. Es zeigte sich zudem bei der Auswertung von insgesamt 28 311 Patiententagen, dass diese Profile hochgradig individualisiert sind und somit eine relevante Heterogenität zwischen den einzelnen Patienten aufweisen.

Pro Patient fanden sich durchschnittlich 4 Triggerfaktoren. Während 73,9% der Patienten ein individuelles Profil aufwiesen, hatten nur 13,5% deckungsgleiche Triggerprofile. Eine Auswertung über alle Patienten ergab, dass folgende potenzielle Triggerfaktoren auf der Populationsebene gefunden wurden:

  • Menstruation,
  • Nackenschmerz,
  • Müdigkeit,
  • helles Licht,
  • Lärm,
  • exzessiver und ruheloser Schlaf,
  • Gerüche.

Dies zeigt, wie wertvoll alternative statistische Ansätze in der Kopfschmerzforschung sein können, und unterstreicht die Bedeutung von individuellen Faktoren in der Migränepathophysiologie, ohne dass der „Rückfall“ in kasuistisches Denken droht. Wie die Autoren kritisch anmerken, erlaubt die Analyse das Identifizieren von Assoziationen, nicht jedoch von unbedingt kausalen Zusammenhängen.

Um eine Abgrenzung von Prodromalsymptomen bzw. initialen Symptomen der Attacke zu erlauben, wurde eine zusätzliche Auswertung mit Ausschluss von Faktoren, die am Tag der Attacke auftraten, eingefügt. Grundsätzlich bleibt dies aber schwierig. Hier sei auch auf eine retrospektive Studie der Arbeitsgruppe um Arne May aus Hamburg verwiesen, die eine hohe Überlappung von Photo-, Phono- und Osmophobie als Triggerfaktoren und Prodromalsymptome zeigen konnte.

Die Arbeitsgruppe von Tobias Kurth aus Berlin hat darüber hinaus gezeigt, dass Frauen, die eine Migräne mit Aura haben, auch ein etwas erhöhtes Risiko für andere vaskuläre Erkrankungen haben. Eine nationale populationsbezogene Kohortenstudie aus Dänemark hat den möglichen Zusammenhang zwischen Migräne und vaskulären Krankheiten nochmals analysiert. Zeitgleich wurde in BMJ Open eine Metaanalyse aus 16 Kohorten mit 1 152 407 Personen zu dieser Thematik publiziert.

Merke: Es gibt in der Zwischenzeit eine Vielzahl von Studien, die nahelegen, dass Patienten/innen mit Migräne und insbesondere mit einer Migräne mit Aura ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle haben.

In Dänemark besteht ein nationales Gesundheitsregister, in dem alle Menschen, die in Dänemark geboren sind, erfasst werden. In diesem Register werden Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte, Entlassdiagnosen, Diagnosen von Ärzten, die in der Praxis tätig sind, und verschriebene Medikamente erfasst. Für die hier vorliegende Analyse wurden 151 032 Patienten mit Migräne verglichen mit 510 320 Menschen ohne Migräne, die bezüglich Alter, Geschlecht und Kalenderjahr vergleichbar waren. Für die einzelnen vaskulären Erkrankungen wurden adjustierte Hazard Ratios basierend auf einer Cox-Regressionsanalyse berechnet. Von den Patienten mit Migräne hatten 16 993 eine Migräne ohne Aura und 13 076 eine Migräne mit Aura. Bei den übrigen Patienten war der Migränestatus nicht bekannt. Insgesamt 70% der erfassten Patienten waren Frauen.

Für die folgenden Erkrankungen ergab sich ein signifikant erhöhtes Risiko für Menschen, die eine Migräne hatten:

  • Myokardinfarkt Hazard Ratio (HR 1,5, 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,4 – 1,6)
  • ischämischer Schlaganfall (HR 2,3, 95%-KI 2,1 – 2,4)
  • zerebrale Blutung (HR 1,9, 95%-KI 1,7 – 2,2)
  • venöse Thromboembolien (HR 1,6, 95%-KI 1,5 – 1,7)
  • Vorhofflimmern oder Vorhofflattern (HR 1,3, 95%-KI 1,2 – 1,4)

Kein Zusammenhang bestand mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit oder einer Herzinsuffizienz.

Für die Krankheiten, bei denen ein Zusammenhang zwischen Migräne und der vaskulären Erkrankung bestand, waren die adjustierten Hazard Ratios für eine Migräne mit Aura höher als für eine Migräne ohne Aura. Der Zusammenhang war auch statistisch gesehen ausgeprägter für Frauen als für Männer. Auch wenn für andere Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht korrigiert wurde, blieb der Zusammenhang zwischen Migräne und vaskulären Erkrankungen bestehen.

Eine Autorengruppe aus den USA führte eine Metaanalyse von 16 Kohortenstudien durch, welche kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit Migräne und gesunde Kontrollen verglichen [5]. Auf diese Weise wurden die Daten von 349 942 Patienten mit Migräne und 757 465 Kontrollen erhoben.

Migräne war mit einem erhöhten Risiko für den kombinierten Endpunkt kardio- und zerebrovaskulärer Endpunkte assoziiert (HR 1,42, 95%-KI 1,26 – 1,60). Für die einzelnen Endpunkte betrugen die Hazard Ratios (HR) für Schlaganfall 1,41 (95%-KI 1,25 – 1,61) und Myokardinfarkt 1,23 (95%-KI 1,03 – 1,43). Die Gesamtsterblichkeit unterschied sich nicht zwischen den beiden Gruppen (HR 0,93, 95%-KI 0,78 – 1,10). Patienten, die unter einer Migräne mit Aura litten, hatten ein höheres Schlaganfallrisiko als Personen, die eine Migräne ohne Aura hatten.

Zusammenfassung: Das Risiko für vaskuläre Erkrankungen ist besonders ausgeprägt für Frauen, die an einer Migräne mit Aura leiden. Neu ist die Beobachtung, dass auch das Risiko venöser Thromboembolien und von Vorhofflimmern oder Vorhofflattern bei Migräne erhöht ist. Das vaskuläre Risiko ist bei Frauen, die eine Migräne mit Aura haben und zudem rauchen oder übergewichtig sind, noch weiter erhöht.

Die Tatsache, dass das erhöhte vaskuläre Risiko auch weiterhin besteht, wenn bestimmte Risikofaktoren korrigiert werden, würde sehr dafür sprechen, dass es sich bei Patienten mit Migräne um eine generelle Störung der Endothelfunktion handeln könnte.

Für den klinischen Alltag ist relevant, dass die absolute Risikoerhöhung für vaskuläre Krankheiten bei Menschen mit Migräne sehr gering ist. Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen sollte allerdings nach einer Migräne gefragt werden, und bestehende vaskuläre Risikofaktoren sollten identifiziert und behandelt werden.

 Lesen Sie den vollständigen Beitrag hier Kopfschmerzen - Update 2018

Aus der Zeitschrift Neurologie up2date 01/2018

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