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Kortikale Plastizität nach Hörverlust und Cochlea-Implantation

Das Gehirn bleibt über die gesamte Lebensspanne flexibel. Die Eigenschaft des Zentralnervensystems, sich an verändernde Anforderungen anzupassen, wird auch als neuronale Plastizität bezeichnet. Bei Personen mit einer hochgradigen oder an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit ist die neuronale Plastizität eine wesentliche Voraussetzung für die Hörrehabilitation mit einem Cochlea-Implantat (CI).

Nach der Implantation sind Adaptationsleistungen des Zentralnervensystems notwendig, um die neuen, elektrischen Signale eines CIs zu verstehen. Obwohl viele CI-Träger ein gutes Sprachverständnis entwickeln, zeigt sich eine große Variabilität im CI-Anpassungserfolg. Es gibt deutliche Hinweise, dass intermodale Plastizität, insbesondere die Hinzuziehung des auditorischen Kortex für die Verarbeitung von visuellen Informationen, wesentlich zu dieser Variabilität beiträgt. Dieser Artikel gibt einen aktuellen Überblick über die kortikalen Veränderungen bei CI-Patienten. Dabei werden erfahrungsbedingte neuronale Veränderungen vor der Implantation (sensorische Deprivation) und danach (elektrisches Hören mit CI) vorgestellt und anhand relevanter Studienergebnisse aufgezeigt, dass die Auswirkungen von Plastizität im Hinblick auf die Restitution der Hörfunktion nicht nur adaptiv, sondern auch maladaptiv sein können.

 

Cochlea-Implantation und kortikale Anpassung   

Schallempfindungsschwerhörigkeit entsteht durch Funktionsstörungen in Haarzellen bzw. durch das Fehlen dieser Zellen in der Hörschnecke. In seltenen Fällen tritt Schwerhörigkeit auch aufgrund eines fehlenden oder geschädigten Hörnervs bzw. einer Schädigung in weiter zentral gelegenen Strukturen auf. Sie kann entweder kongenital oder erworben sein. Hauptsymptome der Schallempfindungsschwerhörigkeit sind Schwierigkeiten in der akustischen Wahrnehmung, insbesondere Einschränkungen in der Sprachverständlichkeit und in der Musikwahrnehmung. Bei den meisten Personen mit gering- bis mittelgradigem Hörverlust kann ein Hörgerät hilfreich sein. Jedoch sind Hörgeräte bei Patienten mit einem schweren bis an Taubheit grenzenden Hörverlust keine wirksame Hilfe mehr. In diesem Fall – und vorausgesetzt, der Hörnerv ist noch intakt – kann ein Cochlea-Implantat (CI) die Hörfunktion zumindest teilweise (wieder-)herstellen.

Beim CI handelt es sich um ein elektronisches Gerät, das chirurgisch in die Hörschnecke eingesetzt wird. Die implantierten Elektroden stimulieren den Hörnerv direkt und ersetzen dadurch die fehlenden oder defizitären Haarzellen im Innenohr. CIs nehmen den Schall aus der Umgebung per Mikrofon auf und wandeln diesen mittels einer Sprachcodierungsstrategie in elektrische Impulse um. Mit diesen Impulsen werden die Fasern des Hörnervs in der Hörschnecke stimuliert. So können akustische Reize wie Sprache und Geräusche (wieder) wahrgenommen werden.

Ohne die plastische Kapazität des Gehirns wäre die Hörrehabilitation mit einem CI jedoch nicht möglich. Die elektrischen Signale des CIs übertragen – im Vergleich zu Signalen bei Normalhörenden – nur begrenzte zeitliche und spektrale Informationen. Daher sind nach der Implantation wesentliche Adaptationsleistungen des Zentralnervensystems notwendig, um die elektrischen Signale eines CIs zu verstehen. Gleichwohl lernen viele CI-Träger innerhalb von wenigen Monaten Sprache zu verstehen. Neben dieser Verbesserung der Hörleistung zeigen CI-Träger in den ersten Monaten nach der Implantation auch Veränderungen im auditorischen Kortex.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Kortikale Plastizität nach Hörverlust und Cochlea-Implantation

Aus der Zeitschrift Klinische Neurophysiologie 01/2017

 

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