• Kopfschmerzen

    Bei Multipler Sklerose (MS) treten neben muskuloskeletalen Schmerzen häufig neuropathische Schmerzen und Kopfschmerz auf.

     

Migräne und neuropathischer Schmerz bei MS-Patienten

Bei Multipler Sklerose (MS) treten neben muskuloskeletalen Schmerzen häufig neuropathische Schmerzen und Kopfschmerz auf. Französische Autoren konzentrierten sich in einer Befragungsstudie auf die Häufigkeit von neuropathischen Schmerzen und Migräne. Sie prüften zudem, wie ausgeprägt die Schmerzintensität und die Einschränkung für die Patienten waren.

Neuropathische Schmerzen und Migräne sind mit 51 bzw. 46 % auffällig häufige Komorbiditäten bei Patienten mit MS. Diese Ergebnisse präsentierte die Forschergruppe um Xavier Moisset von der Universität in Clermont-Ferrand, Frankreich.

Die Autoren ließen im Jahr 2011 Fragebögen per Post an 1300 Mitglieder eines MS-Patienten-Netzwerks in der Auvergne verschicken. Die Teilnehmer beantworteten Fragen zum Vorliegen einer chronischen Migräne. Gleichzeitig nahmen sie zu Fragen aus dem „Douleur Neuropathique en 4 Questions“ (DN4) Stellung, mit dem neuropathische Schmerzen erfasst wurden.

Insgesamt konnten die Autoren 673 der 681 zurückgeschickten Fragebögen auswerten. 79,5 % der Studienteilnehmer waren weiblich, das Durchschnittsalter lag bei 49,5 Jahren.

  • 529 MS-Patienten (79 %) gaben Schmerzen im letzten Monat an.
  • 51 % litten an neuropathischen Schmerzen und
  • 46 % an eindeutiger oder vermuteter Migräne.
  • Sämtliche Kriterien der International Headache Society erfüllten 27 %.
  • Gleichzeitig von neuropathischen Schmerzen und Migräne betroffen waren 32 % der Studienteilnehmer.
  • Muskuloskeletale Schmerzen ohne Kopfschmerzen oder neuropathische Schmerzen gaben nur 10 % an.

Die Stärke ihrer neuropathischen Schmerzen stuften die Patienten auf einer visuellen Analogskala von 1–10 mit 4,9 Punkten ein. In der Regel beschrieben sie die Qualität der Beschwerden als „Nadelstiche“ oder „Kribbeln“. In 58 % der Fälle lagen neuropathische Schmerzen an mind. 3 Körperregionen vor, meist waren Extremitäten, Rücken und Kopf betroffen. Nur 23 % der Patienten erhielten eine spezielle antineuropathische Medikation.

Patienten mit Migräne beurteilten ihre Kopfschmerzen mit 6 Punkten auf der visuellen Analogskala. 15 % der Studienteilnehmer mit eindeutiger Migräne wiesen Kopfschmerzen an mind. 15 Tagen im Monat auf, meist lag jedoch ein episodischer Verlauf der Erkrankung vor. 7,8 % nahmen Medikamente zur Migräne-Prophylaxe ein.

Lagen gleichzeitig Migräne und neuropathische Schmerzen vor, gaben die Patienten ihren Kopfschmerz mit 6,2 Punkten an, Studienteilnehmer mit ausschließlicher Migräne stuften die Kopfschmerzen mit 5,3 Punkten ein.

Die Beeinträchtigung durch die Erkrankung in der Expanded Disability Status Scale (EDSS) lag bei den MS-Patienten mit neuropathischen Schmerzen allein mit 4,1 Punkten am höchsten, gefolgt von neuropathischen Schmerzen und Migräne (3,5). Für Teilnehmer mit Migräne betrug der Wert 2,9 Punkte.

Das Migränerisiko sank mit zunehmendem Alter oder Krankheitsdauer und war bei krankheitsmodifizierenden Therapien (z. B. Interferone, Glatirameracetat) erhöht. Diese Einflussfaktoren waren für neuropathische Schmerzen nicht nachweisbar.

Fazit

In ihrer Publikation konnten die Autoren zeigen, dass Migräne und neuropathische Schmerzen etwa bei der Hälfte der MS-Patienten auftreten. Neuropathische Schmerzen beeinträchtigen die Patienten deutlich mehr als Migräne. Nachdem Migräne, aber nicht der neuropathische Schmerz von Krankheitsdauer und Therapie der MS abhängig zu sein scheint, gehen die Autoren von unterschiedlichen Pathomechanismen für diese Komorbiditäten aus.

Dr. med. Andreas Fischer, München

 

Kommentar

Prof. Dr. Dr. Stefan Evers

Neurologische Klinik, Krankenhaus Lindenbrunn
Schmerzen bei Patienten mit MS sind in den letzten Jahren zunehmend von Interesse. Viele Studien sind hierzu erschienen, wobei sich alle, auch die hier vorgelegte, auf einen epidemiologischen Ansatz beschränken. Die Prävalenz und Inzidenz von Schmerzsyndromen bei MS kann als gut erforscht gelten, dennoch ergibt sich kein einheitliches Bild. Auch pathophysiologische Rückschlüsse lassen diese Studien bis heute nicht zu.
Es ist sicherlich wichtig zu wissen, wie häufig verschiedene Schmerzsyndrome bei der MS sind und dass die MS auf den Verlauf dieser Schmerzsyndrome Einfluss nehmen kann. Allerdings ergeben sich bislang aus diesen Erkenntnissen keine Konsequenzen für die Therapie. Diese erfolgt weiterhin nach den allgemeinen Prinzipien der Schmerztherapie.

Zwei Aspekte sollten jedoch noch beachtet werden. Es gibt natürlich neuropathische Schmerzen bei MS. Wenn diese aber in einem pathophysiologischen Zusammenhang mit der MS stehen sollen, handelt es sich um zentralen Deafferenzierungsschmerz und nicht um periphere neuropathische Schmerzen. Hier ist die Arbeit etwas ungenau. Weiterhin ist bemerkenswert, dass auch diese Studie das Phänomen findet, dass Migräne im Verlauf dieser Autoimmunerkrankung zurückgeht. Dieses interessante und untersuchenswerte Phänomen ist auch für andere immunologische Erkrankungen beschrieben.

Aus der Zeitschrift JC Schmerzmedizin 2013; 2(4): 192