• Neurologische Erkrankungen und Schwangerschaft

     

Neurologische Erkrankungen und Schwangerschaft

Neurologische Erkrankungen können bereits vor einer Schwangerschaft bestehen oder sich erstmals während einer Schwangerschaft oder im Wochenbett manifestieren. In beiden Fällen ist eine sachkundige interdisziplinäre Beratung und Betreuung der betroffenen Frauen durch Gynäkologen und Neurologen notwendig. Dieser klinisch wichtigen Thematik widmet sich diese Übersichtsarbeit.

Zu den Erkrankungen, die durch eine Schwangerschaft ausgelöst werden können, zählen neben Präeklampsie, Eklampsie und HELLP-Syndrom das posteriore reversible Enzephalopathie-Syndrom (PRES), das Fruchtwasser-Embolie-Syndrom, das Sheehan-Syndrom und die Post-partum-Angiopathie – das reversible zerebrale Vasokonstriktionssyndrom (RCVS).

Andere Erkrankungen treten während einer Schwangerschaft mit erhöhter Häufigkeit auf. Dazu zählen Schlaganfälle, die Sinusvenenthrombose im Wochenbett, das Restless-Legs-Syndrom oder Nervenkompressionssyndrome.

Chronische neurologische Erkrankungen, die bereits vor der Schwangerschaft bestanden haben oder sich erstmals während einer Schwangerschaft manifestieren (wie Migräne, Multiple Sklerose, Myasthenia gravis oder Epilepsie), bedürfen der besonders intensiven interdisziplinären Abklärung, Überwachung und Betreuung.

Schwangerschaftserkrankungen mit neurologischen Symptomen – Präeklampsie, Eklampsie und HELLP-Syndrom

Von einer Präeklampsie wird gesprochen, wenn es im 2. oder 3. Trimenon der Schwangerschaft zu einer dauerhaften Blutdruckerhöhung (> 140/90 mmHg) und Proteinurie kommt. Auch wenn Ödeme bei Patientinnen mit Präeklampsie häufig auftreten, zählen sie nicht zu den erforderlichen diagnostischen Kriterien für diese Diagnose. Wenn es im Rahmen einer Präeklampsie zu anhaltenden Kopfschmerzen, psychischen Auffälligkeiten und Sehstörungen kommt, wird von einer schweren Präeklampsie gesprochen. Sobald epileptische Anfälle auftreten, liegt eine Eklampsie vor. Für die Entwicklung einer Präeklampsie ist die Placenta Voraussetzung. Wenn es dort zu einer Minderperfusion kommt, resultiert eine systemische endotheliale Dysfunktion aufgrund humoraler angiogener und antiangiogener Faktoren. In der Regel ist die Entbindung kurativ; jedoch kann eine Post-partum-Eklampsie bis zu 6 Wochen nach der Geburt auftreten, ggf. in Assoziation mit einer Post-partum-Angiopathie als Ausdruck eines reversiblen zerebralen Vasokonstriktionssyndroms (RCVS, siehe unten).

Merke
Eine Präeklampsie liegt bei dauerhafter Blutdruckerhöhung (> 140/90 mmHg) und Proteinurie im 2. oder 3. Trimenon der Schwangerschaft, eine Eklampsie bei zusätzlichen epileptischen Anfällen vor.

Sehstörungen bei einer Eklampsie können so ausgeprägt sein, dass es zur kortikalen Blindheit kommt. In der Regel sind aber auch massive Gesichtsfeldausfälle reversibel im Sinne eines posterioren reversiblen Enzephalopathiesyndroms (PRES), entscheidend ist die zügige Kontrolle von Hypertonie und einer etwaigen Nephropathie. Das PRES stellt das pathophysiologische Korrelat der Eklampsie dar mit initialem vasogenem Ödem ohne Diffusionsstörung. Die im Verlauf in der Magnetresonanztomografie (MRT) nachweisbaren okzipitalen Veränderungen mit Diffusionsstörung und Kontrastmittelaufnahme sind dabei grundsätzlich reversibel.

Das HELLP-Syndrom ist eine besonders schwere Form der Präeklampsie mit hoher mütterlicher Morbidität. Leitsymptome sind die Hämolyse, die erhöhten Leberenzyme und die niedrigen Thrombozytenzahlen (low platelets). Beim HELLP-Syndrom treten Kopfschmerzen in bis zu 60 % der Fälle auf, Sehstörungen bei jeder 5. Patientin. Es kann zum Auftreten eines PRES, von Schlaganfällen sowie zur Manifestation einer Eklampsie mit epileptischen Anfällen kommen.

Merke
Leitsymptome des HELLP-Syndroms sind Hämolyse, erhöhte Leberenzyme und niedrige Thrombozytenzahlen.

Die Therapie der Anfälle bei Eklampsie erfolgt nicht mit Antikonvulsiva, sondern mit Magnesiumsulfat. Nur bei Versagen werden Benzodiazepine hinzugegeben. Eine antikonvulsive Dauertherapie ist nicht erforderlich.

Bei Vorliegen einer Eklampsie wird Magnesiumsulfat zur Prävention epileptischer Anfälle in der 24. bis 32. Schwangerschaftswoche empfohlen. Bis zur Entbindung muss eine konsequente antihypertensive Behandlung durchgeführt werden.

Entscheidende Maßnahme beim HELLP-Syndrom ist die zügige Entbindung, die ab der 34. Schwangerschaftswoche generell empfohlen wird. Falls eine Entbindung zu einem früheren Zeitraum erforderlich ist, sollten vor der Sectio Kortikosteroide gegeben werden, um die fetale pulmonale Entwicklung zu fördern.

Da Präeklampsie und HELLP-Syndrom nicht vor der 20. Schwangerschaftswoche auftreten, muss bei früherer Manifestation einer Thrombozytopenie mit Thromboseneigung und Schlaganfällen an die thrombotische thrombozytopenische Purpura (TTP) gedacht werden. Die TTP tritt zu 12 % im ersten Trimenon und zu 56 % im zweiten Trimenon der Schwangerschaft auf; im Unterschied zum HELLP-Syndrom sind die Leberwerte nicht verändert bei Vorliegen von Thrombozytopenie, schwerer Anämie und erhöhten LDH-Werten. Bei der TTP kann es auch zu febrilen Temperaturen kommen. Laborchemisch sind vermehrt große Multimere und Fragmentozyten nachweisbar, typisch ist der Nachweis des Von-Willebrand-Faktors.

Merke
Eine Thrombozytopenie mit Thromboseneigung und Schlaganfällen im 1. oder 2. Trimenon spricht für das Vorliegen einer thrombotischen thrombozytopenischen Purpura.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Neurologische Erkrankungen und Schwangerschaft – eine Übersicht

Aus der Zeitschrift Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 2/2016


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