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Patienten mit Tic-Störungen: weit bekannt, doch unterversorgt

Das Bewusstsein der Öffentlichkeit für Tic-Störungen und insbesondere für das Tourette-Syndrom ist durch zahlreiche Medienbeiträge in den letzten Jahren gestiegen. Immer wieder wird in TV- oder Printmedien jedoch lediglich von schweren Fällen des Tourette-Syndroms berichtet, die nicht dem durchschnittlichen Krankheitsverlauf entsprechen. Eine umfangreiche Aufklärung über Symptome, Verlauf, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten ist daher wünschenswert.

Tic-Störungen treten weltweit in gleicher Häufigkeit und gleicher Symptomatik auf. Das Tourette-Syndrom hat eine Prävalenzrate von 0,85-1 %. Andere chronische und vorübergehende Tic-Störungen sowie einzelne Tics treten deutlich häufiger auf. So haben 10-15 % aller Grundschüler zu irgendeinem Zeitpunkt Tics. Jungen und Männer sind mit einem Verhältnis von 2:1 bis 4:1 deutlich häufiger betroffen als Mädchen und Frauen.

Die Ursache von Tic-Störungen konnte bislang nicht vollständig aufgeklärt werden. Die meisten Untersuchungen gelangen jedoch immer wieder zu einer grundlegenden Hypothese: einer Störung der kortiko-striato-pallido-thalamo-kortikalen Regelkreise. Einfacher ausgedrückt bedeutet dies, dass die zentrale Steuerung von Bewegungsabläufen in Mitleidenschaft gezogen ist. Die Veränderungen in den kortiko-striato-pallido-thalamo-kortikalen Regelkreisen konnten zum einen durch nuklearmedizinische Methoden und zum anderen durch strukturelle und funktionelle MRT belegt werden.

So weisen z. B. PET-Untersuchungen auf Veränderungen in der Dichte an kortikalen und striatalen Dopaminrezeptoren sowie einer erhöhten Anzahl von Dopamintransportern hin. Daneben zeigen insbesondere Antipsychotika [„Dopamin-Antagonisten“] eine positive therapeutische Wirkung auf Tics. Beides begründet die derzeit vorherrschende „Dopamin-Hypothese“ von Tic-Störungen. Auch einige andere Neurotransmittersysteme (v. a. Glutamat, GABA, Serotonin, Endocannabinoide, Acetylcholin) weisen Veränderungen auf, die jedoch bislang weniger stark beforscht wurden.

Strukturelle und funktionelle MRT-Untersuchungen zeigten eine Zunahme der Konnektivität z. B. des Putamen mit kortikalen und thalamischen Arealen sowie dem Globus pallidus. Ebenso weisen mehrere kortikale Regionen erhöhte Verbindungen mit dem Striatum und dem Thalamus auf. Eine erhöhte strukturelle Konnektivität motorischer Areale mit dem supplementärmotorischen Kortex korreliert zudem mit der Tic-Schwere – unabhängig von einer Medikamenteneinnahme, dem Alter oder Geschlecht Daneben zeigen sich die axonalen Faserverbindungen der weißen Substanz (z. B. Corpus callosum oder vordere Kapsel) verändert.

Zusammengefasst könnten diese Veränderungen Ausdruck einer Hirnentwicklungsstörung als mögliche Ursache des Tourette-Syndroms sein.Verstärkte Aufmerksamkeit erhalten in den letzten Jahren die neuroanatomischen Korrelate der sogenannten Vorgefühle, die Tics häufig vorangehen. Die Entstehung dieser Vorgefühle wird auf eine Veränderung des Zusammenspiels sensorischer Kortexabschnitte mit der Inselregion und supplementär motorischen Kortexabschnitten zurückgeführt. Die Erforschung der Entstehung der Vorgefühle ist von herausragender Bedeutung: Tics können als entlastende Reaktion auf diese unangenehmen Vorgefühle aufgefasst werden. Somit wären die Vorgefühle die eigentliche Ursache und die Tics bereits ein erlerntes Verhalten, damit umzugehen. Diese Zusammenhänge macht man sich bei einigen Psychotherapieansätzen (wie dem Habit Reversal Training (HRT) oder dem Exposure and Response Prevention Training (ERP)) von Tics zunutze. Große Unklarheit besteht noch darüber, was zu den gestörten Regelkreisabläufen führt. Im Wesentlichen werden genetische als auch Umwelteinflüsse diskutiert.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Patienten mit Tic-Störungen: weit bekannt, doch unterversorgt

Aus der Zeitschrift: Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 10/2019

 

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