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    Nahezu 11 % der Diabetiker entwickeln schmerzhafte Nervenschäden durch die Blutzuckereinstellung.

     

Polyneuropathie durch zu rasche Blutzuckersenkung

Das Risiko für Polyneuropathien durch eine Blutzuckersenkung ist offenbar höher als bislang angenommen: Nahezu elf Prozent der Diabetiker entwickeln einer aktuellen Studie zufolge schmerzhafte Nervenschäden durch die Blutzuckereinstellung. Je rascher die Stoffwechselkontrolle erfolgt, umso höher scheint das Neuropathierisiko zu sein.

Bestätigen sich diese ersten Befunde, so müsste die Konsequenz darin bestehen, den Stoffwechsel bei Patienten mit Diabetes künftig deutlich langsamer zu normalisieren, kommentierte Professor Dr. Claudia Sommer von der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg das Studienresultat.

Epidemiologische Schätzungen besagen nach Angaben der Neurologin, dass rund 30 Prozent der stationären Patienten mit Diabetes sowie 20 Prozent der Diabetespatienten in der Gesamtbevölkerung an einer diabetischen Polyneuropathie (PNP) leiden. 13 bis 26 Prozent der Diabetiker klagen über chronische Schmerzen aufgrund einer PNP.

Dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit der Blutzuckersenkung und dem Auftreten der Neuropathie gibt, belegt eine Studie amerikanischer Neurologen bei 910 Diabetikern. Bei 168 von ihnen wurde innerhalb von drei Monaten eine Senkung des HbA1c-Wertes um zwei Prozentpunkte erwirkt, während sich die Blutzuckerkontrolle bei den übrigen Patienten deutlich langsamer vollzog. Auffällig war, dass 62 Prozent der Patienten mit rascher Blutzuckersenkung eine akut einsetzende Neuropathie entwickelten gegenüber nur 4,3 Prozent der übrigen Patienten.

„Die hohe Inzidenz der behandlungsinduzierten Neuropathie – bezogen auf die Gesamtpopulation waren es 10,9 Prozent – hat die Autoren offenbar selbst erstaunt“, erklärt Professor Sommer. „Wir Neurologen sehen solche Fälle extrem selten, was aber auch daran liegen kann, dass diese Patienten primär bei Diabetologen behandelt werden.“ Möglich ist aus Sicht der Neurologin ferner, dass die Häufigkeit der Störung in der Studie überschätzt wurde, weil die US-Forscher von allen Diabetikern in der Fachklinik nur jene in die Studie eingeschlossen hatten, die auf eine Neuropathie hin untersucht worden waren.

Dennoch scheint das Ergebnis relevant zu sein: Denn der entscheidende Risikofaktor für die Entwicklung einer behandlungsinduzierten Neuropathie war in der Studie das Ausmaß der Veränderung des HbA1c-Wertes. Je größer und je schneller die Reduktion erfolgte, umso höher war nicht nur das Risiko für eine Neuropathie, sondern auch für eine Retinopathie und für eine Mikroalbuminurie als Hinweis auf die Entwicklung einer Nephropathie.

Ob die HbA1c-Senkung durch Insulin oder durch andere Medikamente erwirkt wurde, spielte dagegen keine Rolle. Daher sollte, so Sommer, das HbA1c bei Diabetikern mit Bedacht gesenkt werden und zwar am besten wohl um weniger als zwei Prozent im Verlauf von drei Monaten. Unklar ist bislang, welcher Mechanismus dem Zusammenhang zwischen Blutzuckersenkung und Auftreten einer Neuropathie zugrunde liegt.

Quellen:

Gibbons, C H et al., Brain 2015; 138 (1): 43–52
Low, P A et al., Brain 2015; 138 (1): 2–3

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