• Hirntumor

     

Verbesserte Diagnostik von Hirntumoren

Molekulare Untersuchungsverfahren erweitern die Diagnostik von Hirntumoren. Sie sind nun erstmals in der WHO-Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems festgeschrieben worden.

In Deutschland erkranken pro Jahr rund 8.000 Menschen neu an einem Hirntumor. Mit rund sechs Krankheitsfällen pro 100.000 Einwohner sind vor allem die von den Stützzellen des Gehirns ausgehenden Gliome häufig. Bei jedem zweiten Betroffenen liegt ein Glioblastom vor. „Bösartige Gliome wie das Glioblastom haben die Eigenschaft, diffus in das angrenzende Gehirngewebe einzuwachsen. Dadurch ist eine vollständige chirurgische Entfernung sämtlicher Tumorzellen meist nicht möglich“, erklärt Professor Dr. med. Guido Reifenberger vom Institut für Neuropathologie der Universität Düsseldorf die Schwierigkeiten bei der Diagnostik und Therapie des Tumors. „Im Anschluss an die Operation ist daher eine Strahlen- und Chemotherapie notwendig, um die verbliebenen Tumorzellen zu bekämpfen. Allerdings können auch dadurch meist nicht alle Tumorzellen abgetötet werden und der Tumor entwickelt sich erneut, es kommt zu einem Tumorrezidiv“, so Reifenberger.

Fortschritte zeichnen sich durch den Einsatz neuer molekularpathologischer Verfahren ab, mit deren Hilfe Hirntumore genauer diagnostiziert werden können. Damit ist auch die Erarbeitung individualisierter zielgerichteter Therapieansätze möglich. Die Entwicklungen basieren dabei auf neuen Erkenntnissen zu den molekularen Veränderungen, die für die Entstehung und das Wachstum verschiedener Hirntumore verantwortlich sind. Denn die Tumore zeigen unterschiedliche Modifikationen, die durch neuartige molekularpathologische Methoden direkt im Tumorgewebe bestimmt werden können und damit als Biomarker die Diagnostik erweitern. Außerdem können sie Hinweise geben auf das Ansprechen des Tumors auf bestimmte therapeutische Wirkstoffe. Sie können somit auch zur gezielteren Behandlung der Patienten genutzt werden.

„Die molekulare Diagnostik hat inzwischen einen hohen Stellenwert bei der Klassifikation von Hirntumoren erlangt“, betont der Düsseldorfer Mediziner. So kommt es bei Hirntumoren zu verschiedensten Veränderungen in den Zellprozessen, die das Zellwachstum fördern oder die gegen den Tumor gerichtete Immunabwehr hemmen können. Die molekulare Diagnostik liefert dabei ein Spektrum an Informationen, mit deren Hilfe zwischen den Tumorarten zu differenzieren ist. Je nach Mutation können laut Reifenberger dann gegebenenfalls gezielt Medikamente eingesetzt und Vorhersagen zur Tumorentwicklung gemacht werden.

Denn die molekularen Verfahren erlauben auch Aussagen darüber, wie einzelne Tumore auf eine Strahlen- und/oder Chemotherapie ansprechen. In der Regel erhalten Patienten mit einem Glioblastom eine Kombination beider Therapieformen. Insbesondere bei älteren Patienten ist diese Kombination aber manchmal zu belastend. Dann lässt sich anhand eines bestimmten Biomarkers, dem sogenannten MGMT-Test, vorhersagen, ob bei dem Patienten eher eine Strahlentherapie oder eine Chemotherapie wirksam ist.

Eine weitere vielversprechende Entwicklung ist nach Reifenberger die Hochdurchsatz-Sequenzierung. Bei diesem Verfahren werden nicht nur einzelne Gene auf charakteristische Merkmale getestet. Vielmehr kann eine Vielzahl von Genen mittels einer Untersuchung gleichzeitig unter die „Lupe“ genommen werden. „Mit der Hochdurchsatz-Sequenzierung, englisch "Next Generation Sequencing", lassen sich heutzutage in kurzer Zeit alle relevanten Mutationen in einem Tumor nachweisen. Das Muster an Veränderungen erlaubt dann eine umfassendere molekulare Klassifikation sowie eine Vorhersage darüber, ob der Tumor für eine bestimmte, molekular zielgerichtete Therapie geeignet ist“, so Reifenberger.

Das hat bereits Niederschlag in den offiziellen Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie gefunden. So wurde in der im vergangenen Jahr aktualisierten WHO-Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems für die Diagnostik von Hirntumoren erstmals auch der Nachweis verschiedener Biomarker verpflichtend festgeschrieben. Vorher erfolgte die Befundung ausschließlich auf der Basis von histologischen Diagnosen, also durch die Beurteilung von Schnittpräparaten des Tumorgewebes unter dem Mikroskop.

„Wir profitieren nunmehr davon, dass gemäß der neuen WHO-Klassifikation bei der Diagnose eines Hirntumors Erkenntnisse aus drei Bereichen zusammenfließen“, so die Einschätzung des Düsseldorfer Neuropathologen. „Wir haben erstens die Ergebnisse der klassischen histologischen Untersuchung, zweitens die Parameter zur Beurteilung des Tumors gemäß der WHO-Klassifikation und drittens die Ergebnisse der molekularen Tests. Daraus ergibt sich dann eine ‚integrierte Diagnose‘, die in der Praxis zu einer wesentlich präziseren Diagnosestellung führt und damit die beste Behandlung für den einzelnen Patienten sicherstellen kann.“

 

Quelle: idw-Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie e.V., April 2017

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