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    Jeder 2.–3. Migränepatient hat im Rahmen mindestens einer seiner Migräneattacken bereits Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen erlebt.

     

Vestibuläre Migräne

Zusammenfassung

Die Symptomkombination Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Migräne gerät immer mehr in den Fokus des klinischen und wissenschaftlichen Interesses. Jeder 2.–3. Migränepatient hat im Rahmen mindestens einer seiner Migräneattacken bereits Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen erlebt. Für einige der betroffenen Patienten steht der Schwindel sogar im Vordergrund der Beschwerden und weniger der Migränekopfschmerz. Die vestibuläre Migräne hat viele unterschiedliche Facetten und kann deshalb in der Diagnosestellung besonders schwierig sein. 2 große Fachgesellschaften haben in diesem Jahr gemeinsam, neue und über die Fachgrenzen hinaus anerkannte Diagnosekriterien veröffentlicht, die der klinischen Einordnung und wissenschaftlichen Erforschung der vestibulären Migräne einen ernormen Schub bereiten könnten. Diese Arbeit gibt eine Übersicht über das aktuelle Wissen über die vestibuläre Migräne und versucht die klinische Relevanz hervorzuheben.

 

Einleitung

Schwindel und Kopfschmerz sind die am häufigsten beklagten Symptome in der Neurologie. Zwischen 30% und 50% aller Migräne-Patienten beschreiben Schwindel in Zusammenhang mit ihren Migräneattacken. Schon in der Antike wurde die Verbindung von Migräne und Schwindel von Aretaeus von Cappadocia 131 v.Chr. beschrieben, aber erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde begonnen, diese Assoziation von Kopfschmerzen und Schwindel systematisch zu untersuchen. Edward Liveing, ein viktorianischer Arzt, beschrieb 1873 die Verbindung von Migräne und Schwindel bei einigen seiner Patienten. Seitdem taucht dieses Phänomen in unterschiedlicher Terminologie und Gewichtung immer wieder in der Fachliteratur auf und rückt aber erst in den letzten beiden Jahrzehnten mehr und mehr in den Fokus des klinischen und wissenschaftlichen Interesses. Seit 1990 haben sich die in Pubmed dazu veröffentlichten Beiträge etwa alle 5 Jahre verdoppelt. Die am häufigsten gebrauchten Bezeichnungen für den Zusammenhang zwischen vestibulären Symptomen und Migräne beim Erwachsenen, waren und sind: vestibuläre Migräne, migränöser Schwindel, migräne-assoziierter Schwindel, vertiginöse Migräne, migräne-assoziierte Gleichgewichtsstörung und bei Kindern benigner rezidivierender Schwindel des Kindesalters. Schwindel als Migräneäquivalent ist bei Kindern gut bekannt und auch in die Internationale Klassifikation ­der Kopfschmerzerkrankungen eingegangen. International anerkannte Diagnosekriterien für Erwachsene fehlten bis vor kurzem und wurden durch die Vielschichtigkeit und Fülle der assoziierten Symptome erschwert. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society, eine internationale Gesellschaft für die Erforschung vestibulärer Erkrankungen, haben ein Konsensusdokument mit einheitlichen Diagnosekriterien für die vestibuläre Migräne erarbeitet und 2012/2013 veröffentlicht. Die wahrscheinliche vestibuläre Migräne wurde in das Konsensusdokument mit aufgenommen, wurde aber in der ICHD-3 beta nicht mit berücksichtigt. Diese international anerkannten Diagnosekriterien sind in erster Linie für den wissenschaftlichen und nicht klinischen Gebrauch ausgelegt. Es ist aber zu erwarten, dass sie auch im klinischen Alltag zu einer verbesserten diagnostischen Sicherheit führen werden ([Tab. 1]).

 

Lesen Sie hier den ausführlichen Artikel

Aus der Zeitschrift Aktuelle Neurologie 2013; 40(09): 494-500