• Mit Wechselstrom gegen das Glioblastom

     

Mit Wechselstrom gegen das Glioblastom?

Ein neuartiges Therapiekonzept des Glioblastoms, bei dem der Tumor über eine spezielle Haube mit Wechselstromfeldern, sogenannten Tumortherapiefeldern, behandelt wird, ist kürzlich in den USA zugelassen worden und darf gemäß EU‐Bestimmungen auch in Deutschland zum Einsatz kommen.

Einer ersten positiven Studie zufolge kann durch das Verfahren das Überleben von Patienten verbessert werden. „Von einem Durchbruch zu sprechen wäre allerdings übertrieben“, urteilt Professor Dr. Wolfgang Wick von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Die bislang vorliegenden Daten sind seinen Angaben zufolge zwar prinzipiell erfreulich, müssen aber in weiteren Studien bestätigt werden. „Es gibt noch viele offene Fragen“, erklärt der Ärztliche Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg in einer Pressemitteilung der Fachgesellschaft.

Das Behandlungssystem der Firma Novocure wird auch in Deutschland vermarktet. Das tragbare Gerät erzeugt elektrische Wechselfelder, die sogenannten Tumortherapiefelder (TTfields, TTF), welche von einer speziellen Haube mit integrierten Keramik‐Gel‐Pads durch die Schädeldecke hindurch abgegeben werden, um die Teilung von Krebszellen zu bremsen oder zu stoppen.

Für Europa hat das Medizinprodukt das CE‐Zeichen zur Behandlung eines rezidivierenden Glioblastoms bei Erwachsenen erhalten. Das für den Heimgebrauch konzipierte Gerät darf also gemäß Richtlinie 93/42/EWG der EU auch hierzulande in Verkehr gebracht werden, wobei für die Einrichtung und Kontrolle spezialisierte und zertifizierte Ärzte aufgesucht werden müssen.

„Therapiestandard für Patienten mit einem neu diagnostizierten Glioblastom ist derzeit noch eine
Resektion des Tumors, gefolgt von einer Radio‐Chemotherapie mit Temozolomid“, erklärt Wick. Die Zwischenergebnisse der noch unveröffentlichten Phase III‐Studie EF‐14 haben allerdings einen statistisch signifikanten Effekt auf das progressionsfreie Überleben (PFS) zugunsten des Geräts
erbracht. Mit dem System betrug das PFS ab der Diagnose median 10,9 Monate, ohne System
dagegen nur 7,9 Monate. Das Gesamtüberleben ab dem Zeitpunkt der Diagnose war ebenfalls
verbessert, und zwar von median 19,6 Monaten auf 22,6 Monate. Außerdem war auch die 2‐Jahres-Überlebensrate bei Anwendern des Geräts mit 48 Prozent deutlich höher als in der Kontrollgruppe
mit 32 Prozent.

Die DGN kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die Studie EF‐14 nach einer Interimsanalyse vorzeitig abgebrochen wurde, nachdem der primäre Endpunkt erreicht worden war. Es gab keine Placebo‐Gruppe und nach dem Studienabbruch wurde auch Patienten aus der Kontrollgruppe das Cross‐over in den Behandlungsarm erlaubt. „Grund zur Skepsis gibt auch die Tatsache, dass das Gerät zwar bei der Primärtherapie offenbar einen klaren Vorteil gebracht hat, eine vorausgegangene Studie jedoch aufgrund fehlender Effektivität gescheitert ist“, so Wick. Auf jedem aktuellen Kongress, bei dem die Daten vorgestellt wurden, wurde zudem die Gesamtüberlebensrate etwas modifiziert angegeben. Konsistente Daten zur Wirksamkeit stehen somit noch aus.

Problematisch im Vergleich zu anderen Therapieformen könnte auch der Umgang mit dem Behandlungssystem sein: Für einen vergleichsweise langen Zeitraum müssen nämlich die
Elektroden für die Wechselstromapplikation auf der rasierten Kopfhaut verbleiben. Die Patienten
sind zwar mit einem kleinen Rucksack frei beweglich, tragen jedoch die ungewöhnliche, mit einem
Kabelstrang versorgte Haube auf dem Kopf. „Dies ist eine zusätzlich Belastung für Patienten, die die Therapie bisher noch als stigmatisierend erleben“, befürchtet Wick. Mit annähernd 20.000 Euro pro Monat seien schließlich auch die Kosten für das neue System sehr hoch.
Wick: „In der Gesamtbilanz stellen die neuen Ergebnisse daher sicher keinen Durchbruch dar. Der Schlüssel zum Fortschritt sind weitere wissenschaftliche Studien und eine genaue Überprüfung aller Daten zum Wohle unserer Patienten.“

 

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