Notfallmedizinische Versorgung bei terroristischen Anschlägen
Die Ereignisse der Terroranschläge in Ansbach, Würzburg, München und Berlin haben sehr deutlich gezeigt, wie bedeutend die Auseinandersetzung mit der Thematik ist und wie dringend Konzepte für die Bewältigung solcher Lagen benötigt werden. Dieser Artikel beleuchtet die einsatztaktischen Aspekte eines konventionellen Anschlags und die rettungsdienstliche Versorgung in diesem Szenario.
Jährlich werden weltweit über 30 000 Menschen durch Terrorattacken getötet. Der geografische Schwerpunkt der Attacken liegt zwar eindeutig im Nahen Osten und Nordafrika, doch auch Europa rückt zunehmend in den Fokus von Terroristen. Entsprechend dem „Terrorism Index“, bei dem neben der Anzahl der Terroranschläge im jeweiligen Land die Anzahl der durch die Attacken verletzten und getöteten Personen sowie der durch die Anschläge verursachte Schaden berücksichtigt werden, nimmt Deutschland im weltweiten Ranking bereits Platz 41/163 ein und steht damit nach Frankreich (29/163) und Großbritannien (34/163) auf Platz 3 in Europa.
Terroristische Anschläge sind demnach in Deutschland Jahrzehnte nach der Bedrohung durch die Rote-Armee-Fraktion (RAF) wieder zur Realität geworden. Die aktuellen Ereignisse im Rahmen der Attacken in Ansbach, Würzburg, München und Berlin haben sehr deutlich gezeigt, wie bedeutend die Auseinandersetzung mit der Thematik „bedrohliche Einsätze im zivilen Rettungsdienst“ ist und wie dringend Konzepte für die Bewältigung solcher Lagen benötigt werden. Dabei sind sich die Experten nach den bisherigen Erfahrungen einig:
Die üblichen zivilmedizinischen Konzepte zur prähospitalen Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten (MANV) sind nicht geeignet, um einen Terroranschlag notfallmedizinisch adäquat zu beherrschen.
Ausschlaggebend dafür sind neben rein medizinischen vor allem einsatztaktische Gründe:
Medizinische Aspekte
Medizinisch ist bei einem (konventionellen) Anschlag mit einer hohen Anzahl schwer und lebensbedrohlich verletzter Patienten zu rechnen. Wird der Anschlag mit Schusswaffen oder Explosivstoffen geführt, steht die Gefahr des raschen Verblutungstodes im Vordergrund.
Das in der Notfallmedizin und insbesondere in der Traumaversorgung übliche prioritätenorientierte ABCDE-Schema wird um ein vorangestelltes <C> für die Suche nach und das zeitkritische Stoppen „kritischer Blutungen“ erweitert. Dieses Vorgehen nach <C>ABCDE hat auch Eingang in die S3-Leitlinie Polytrauma- und Schwerverletztenversorgung gefunden.
Sicherung und Wiederherstellen der Vitalfunktionen:
- <C> – Critical Bleeding
- A – Airway
- B – Breathing
- C – Circulation
- D – Disability
- E – Exposure/Environment
Einsatztaktische Aspekte
Einsatztaktisch hat für die Polizei die Kontrolle des oder der Täter bzw. der Bedrohung zunächst allerhöchste Priorität, um weitere Opfer zu verhindern. Patienten und Rettungskräfte sind der permanenten Gefahr eines oder mehrere Folgeanschläge ausgesetzt – dem sogenannten Second Hit.
Für Rettungskräfte ist es deshalb unbedingt erforderlich und sinnvoll, die Aufenthaltsdauer im Gefahrenbereich zu vermeiden oder möglichst zu minimieren. Wie die Erfahrungen aus vergangenen Anschlägen zeigen, können aber in der Einsatzsituation gefährliche und nicht gefährliche Bereiche mitunter nicht sicher voneinander abgegrenzt werden. Deshalb muss das notfallmedizinische Vorgehen grundsätzlich auf eine Minimierung der prähospitalen Versorgungsphase abgestimmt sein.
Hierbei wird das notfallmedizinische Handeln klar von den einsatztaktischen Zwängen bestimmt. Eine erste notfallmedizinische Diagnostik und Versorgung wird erst außerhalb des Gefahrenbereichs möglich werden. Tatsächliche Sicherheit kann unter Umständen erst fern von Anschlagsort oder sogar erst in der erstversorgenden Klinik erreicht werden. Die sonst übliche prähospitale Etablierung von stationären Versorgungsstrukturen (z. B. Aufbau eines Behandlungsplatzes) verbietet sich aus einsatztaktischen Überlegungen. Patienten und Rettungskräfte sind permanent der Gefahr eines Folgeanschlags (sogenannter Second Hit) ausgesetzt. Das notfallmedizinische Vorgehen muss deshalb auf eine Minimierung der prähospitalen Versorgungsphase abgestimmt sein.
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Aus der Zeitschrift Notfallmedizin up2date 04/2017
