Fall des Monats

  •  

Der vergessene Kirschner-Draht

Zustand nach Versorgung einer AC-Gelenkverletzung mit ungewöhnlicher Fixierung.
Bruchstück eines Kirschner-Drahtes in Projektion über dem mittleren Drittel der Klavikula. Der 37-jährige Patient stürzte bei einer Mastreparatur aus 3 Meter Höhe auf das Deck eines Segelbootes. Dabei zog er sich eine Verletzung des rechten Akromioklavikulargelenks des Schweregrads Rockwood III zu. Nach 3-wöchiger Ruhigstellung im Gilchrist-Verband bat der Patient um eine operative Behandlung wegen der ihn sehr störenden Fehlstellung der Klavikula. Es erfolgte die akromioklavikuläre Verschraubung mit Lochschrauben und Verdrahtung sowie die Rekonstruktion der rupturierten Haltebänder des Gelenks. Die postoperativ gefertigte Röntgenaufnahme zeigte ein verbliebendes, ca. 7 cm langes Bruchstück eines temporär gebohrten Kirschner-Drahtes. Eine Reoperation war damit dringend indiziert – es drohte die Gefahr einer Pleuraverletzung.

Kommentar: Das Risiko ist bekannt, seine Verwirklichung ist typisch: nacheinander 3 Personen, der Operateur, der Assistenzarzt und der instrumentierende Mitarbeiter des Pflegedienstes bemerken nicht, dass beim Entfernen des Drahtes dieser verkürzt ist und die angeschliffene Spitze fehlt. Zivilrechtlich ist die Zuweisung der Haftpflicht dann einfach, wenn ein einzelner Behandlungsvertrag zwischen einem Krankenhausträger und dem Patienten besteht. Schwierig wird es sein, die Verursachungsquote festzustellen, wenn verschiedene Verträge (Arzt-Patient, Krankenhaus-Patient) geschlossen wurden.

Hans Püschmann, Gutachtenstelle im Diakoniekrankenhaus Annastift gGmbH, Hannover