• Kniegelenk © Georg Thieme Verlagsgruppe

     

Die mediale Gonarthrose

Die Arthrose des Kniegelenks ist mit einer Lebenszeitprävalenz von 23 % bei den über 65-Jährigen eine häufige orthopädische Erkrankung. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist mit einer weiteren Zunahme der Anzahl betroffener Patienten zu rechnen. Das mediale Gelenkkompartiment ist dabei aufgrund der Biomechanik und Kinematik des Kniegelenks erheblich häufiger betroffen als das laterale.

Funktionelle Anatomie und Biomechanik des Kniegelenks

Die funktionelle Anatomie des Kniegelenks ist für das Verständnis von Genese, Diagnostik und Therapie der medialen Gonarthrose entscheidend. Das Kniegelenk besteht aus Femur, Tibia und Patella. Die Fibula ist zwar nicht gelenkbildend, nimmt aber durch den Ansatz des Seitenbands und des M. biceps femoris Einfluss auf die Funktion des Gelenks.

Das Kniegelenk führt stets eine kombinierte Bewegung aus Rollen, Drehen und Gleiten aus. Dies wird erst durch die Inkongruenz der Gelenkflächen von Femur und Tibia möglich.

  • Die Femurkondylen sind medial und lateral konvex und besitzen eine unterschiedliche Größe und Geometrie.
  • Das mediale Tibiaplateau ist konkav, das laterale konvex.

Die Menisci gleichen diese Inkongruenz der Gelenkpartner anteilig aus. Während der mediale Meniskus am Innenbandkomplex fixiert ist und daher eine geringe Mobilität aufweist, ist der Außenmeniskus beweglich und gleicht die lateral ausgeprägte bikonvexe Inkongruenz aus.

Die Bewegung des Kniegelenks ist eine Kombination aus Rollen, Drehen und Gleiten. Dies ist möglich durch die Inkongruenz der Gelenkflächen von Femur und Tibia.

Die Kinematik des Kniegelenks wird durch aktive und passive Stabilisatoren geführt (s. Übersicht).

ÜBERSICHT


Die Stabilisatoren des Kniegelenks

Passive Stabilisatoren:

  • Seitenbänder
  • Kreuzbänder
  • Tractus iliotibialis
  • posteriore Gelenkkapsel

Aktive Stabilisatoren:

  • M. quadriceps
  • M. biceps femoris
  • M. popliteus
  • Mm. gastrocnemii
  • M. semitendinosus
  • M. semimembranosus
  • M. gracilis


Die das Kniegelenk umspannende Muskulatur stabilisiert und führt aktiv die Kinematik (Mm. quadriceps, biceps femoris, popliteus, gastrocnemii, semitendinosus, semimembranosus, gracilis). In der Folge kommt es zu einer der Beweglichkeit der Menisci angepassten Kinematik mit medial geringerer Translation als lateral (sogenanntes mediales Pivotieren). Dies entspricht einer zunehmenden Innenrotation der Tibia bei Flexion des Kniegelenks.

Vice versa kommt es strecknah zu einer Außenrotation der Tibia gegenüber dem Femur (sogenannte Schlussrotation). Diese verriegelt das Kniegelenk und ermöglicht den kraftsparenden Stand.

Aktuelle Arbeiten zeigen, dass die beschriebene Kinematik einen Durchschnitt darstellt, es jedoch erhebliche interindividuelle Variabilität bis hin zur Umkehr mit lateralem Pivotieren gibt.

Es gibt in der Kinematik erhebliche interindividuelle Variabilität bis hin zur Umkehr mit lateralem Pivotieren.

PRINZIPIEN

Femorotibialer Anpressdruck

Während des normalen Ganges entspricht die femorotibiale Kontaktkraft dem 2- bis 3-fachen Körpergewicht. Der resultierende Anpressdruck verteilt sich dabei physiologischerweise asymmetrisch zwischen dem medialen und lateralen Gelenkkompartiment:

  • > 70 % medial,
  • < 30 % lateral.


Die Ursache liegt in einem Adduktionsmoment durch den wandernden, aber während des Gangzyklus stets medial der Tragachse (Miculizc-Linie) liegenden Körperschwerpunkt. Die Tatsache, dass das mediale Gelenkkompartiment bei gerader Beinachse stets mehr belastet wird als das laterale, wird als Ursache der medial wesentlich häufiger als lateral betonten Gonarthrose diskutiert.

Epidemiologie

Aufgrund einer Arthrose des Kniegelenks wurden 2011 nach der Krankheitsartenstatistik der gesetzlichen Krankenversicherung 115 000 Patienten krankgeschrieben. Dies entsprach knapp 5 Millionen Krankheitstagen.

Die Lebenszeitprävalenz der Gonarthrose beträgt bei über 55-jährigen Personen 18 % und bei über 65-jährigen 23 %. Hauptrisikofaktor der Gonarthrose ist dabei neben dem Alter die Adipositas. Eine varische Beinachse führt zu einer beschleunigten Progression einer bereits vorhandenen medialen Arthrose. Es ist jedoch fraglich, ob eine varische Beinachse zu einer Initiierung einer medialen Gonarthrose führt und damit eine Präarthrose darstellt. Dagegen sprechen Hinweise, dass es ein konstitutionelles Varus gibt, welches kein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung einer medialen Gonarthrose ist.

Hauptrisikofaktoren der Gonarthrose sind Alter und Adipositas.

In Deutschland ist die operative Therapie der Wahl laut einer Umfrage

  • in 81 % der Fälle eine Totalendoprothese,
  • in 12 % der Fälle eine Umstellungsosteotomie (HTO) und
  • in 7 % der Fälle ein unikondylärer Gelenkersatz.

Im Gegensatz dazu spielt in den USA die HTO mit einem Verhältnis von 1 : 17 verglichen mit dem unikondylären Ersatz eine untergeordnete Rolle.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Die mediale Gonarthrose

Aus der Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie 5/2015


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