• Skoliose

     

Die Skoliose im Wachstumsalter

Die Beschäftigung der Medizin mit Wirbelsäulenverkrümmungen reicht zurück bis in die Antike. Während in der Zeit vom 16. bis 20. Jahrhundert vor allem diverse Stütz- und Korrekturapparate entwickelt wurden, begann in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Ära der operativen Skoliosebehandlung. Die Integration des Wissens über bis heute verfeinerte konservative und operative Möglichkeiten erlaubt uns heute eine weitestgehende Kontrolle der Deformität. Angesichts des großen Armamentariums an therapeutischen Möglichkeiten ist es bemerkenswert, dass unser Verständnis der Pathogenese noch im Dunkeln liegt. Dieser Artikel beleuchtet die wesentlichen Bausteine von Diagnostik und Therapie, wirft aber auch Licht auf aktuelle Erkenntnisse zur Pathogenese.

Abkürzungen
AIS: Adoleszentenskoliose
CrCo: Chromhexacarbonyl
DMA: Duchenne-Muskelatrophie
GdB: Grad der Behinderung
ICP: infantile Zerebralparese
NSAID: Nonsteroidal anti-inflammatory Drug (nichtsteroidales Antiphlogistikum)
PCA: Patient controlled Analgesia (patientenkontrollierte Analgesie)
PDK: Periduralkatheter
RVAD: Rib vertebral Angle Difference
SMA: spinale Muskelatrophie
VDS: ventrale Derotationsspondylodese
VEPTR: Vertical expandable prosthetic Titanium Rib


Begriffsbestimmung

Wir unterscheiden Skoliosen bei Kindern und Jugendlichen von Skoliosen Erwachsener. Während der Ausprägungsgrad Ersterer vom Wachstum abhängt, entstehen Skoliosen bei Erwachsenen in der Regel aufgrund von Degenerationsprozessen. Dieser Beitrag fokussiert lediglich auf die Skoliosen bei Kindern und Jugendlichen.
Definition

Skoliose

Mit Skoliosen werden Erkrankungen beschrieben, die bei unterschiedlicher Genese zu einer strukturellen Deformität der Wirbelsäule mit inhärenter Neigung zur Dekompensation in sagittaler, koronarer und transversaler (Rotation) Richtung führen. Innerhalb der Wirbelsäulendeformität können nichtstrukturelle Skoliosen auftreten, die als biomechanische Reaktion auf die eigentliche Strukturerkrankung gelten müssen.

Für die Erfüllung der Definition wird eine Verkrümmung in der koronaren (a.–p.) Ebene von 10° nach Cobb gefordert.


Diagnostisches Vorgehen
Anamnese

Im Rahmen der Anamneseerhebung sollte bei neurologisch gesunden Kindern auf die Familienanamnese Wert gelegt werden (s. u. Hintergrundwissen „Genetik der idiopathischen Skoliosen“). Häufig gibt es in der nächsten Verwandtschaft Angehörige, die ebenfalls eine Skoliose hatten. In der Kindesanamnese sind etwaige Operationen (z. B. bei angeborenem Herzfehler), Bestrahlungen (z. B. nach Operation eines Wilms-Tumors) am Rumpf oder Unfälle (Z. n. Wirbelfraktur) zu erfragen.

Hat das Kind Schmerzen, wann treten diese auf? Die Skoliose per se ist eine schmerzlose Erkrankung. Wenn Schmerzen auftreten, insbesondere unabhängig von Belastung, muss zwingend eine weiterführende Abklärung mittels MRT zum Ausschluss einer sekundären Skoliose erfolgen.

Cave: Bei Auftreten von Schmerzen kann eine sekundäre Skoliose vorliegen.

Die Ermittlung des pubertären Reifegrades erfolgt sowohl anamnestisch (Eintritt der Menarche oder des Stimmbruchs) als auch im Verlauf klinisch (Brustwachstum, Verbreiterung des Beckens).


Klinik

Klinisch fällt die Skoliose bei der Betrachtung des entkleideten Rumpfes von hinten durch asymmetrische Taillendreiecke, Schulterasymmetrie und ggf. Lotüberhang auf. Die Rotationskomponente wird im Vorneigetest als Rippenbuckel und Lendenwulst sichtbar. Auf das Vorliegen einer Beinlängendifferenz ist zu achten.

Die Betrachtung des seitlichen Profils kann Hinweise auf begleitende Pathologien (Kyphoskoliosen, Spondylolisthesen) geben und ist für die Planung des therapeutischen Vorgehens (z. B. bei Flachrücken) wichtig.

Auf das Vorkommen von Café-au-Lait-Flecken sollte geachtet werden bzw. dies sollte hinterfragt werden, um Hinweise für das Vorliegen einer Neurofibromatose zu bekommen.

Bei neuromyopathisch kranken Kindern ist die Erfassung der funktionellen und vitalen Einschränkung durch die Grunderkrankung (z. B. reduzierte Vitalkapazität, Rollstuhl oder noch erhaltene Gehfähigkeit) und durch die Skoliose essenziell. Im Gegensatz zur idiopathischen Skoliose steht hier nicht die rotatorische Deformität, sondern die Dekompensation des Lots mit dem Herausfallen des Kindes aus dem Sitz und die Verkrümmung in der a.–p. und seitlichen Ebene im Vordergrund. Mitunter bestehen bereits sichtbare Einschränkungen in der Pflege.


Bildgebende Untersuchung

Die Basisdiagnostik wird komplettiert durch die Röntgen-Wirbelsäulenganzaufnahme in 2 Ebenen – idealerweise im Stehen. Für spezielle Fragestellungen in der Operationsplanung werden Bending-Aufnahmen benötigt, im Rahmen der Korsetttherapie werden Aufnahmen im Korsett angefertigt. Bei Hinweisen auf eine sekundäre Skoliose oder bei auffälligen neurologischen Befunden im Rahmen der klinischen Untersuchung ist die Durchführung einer MRT wichtig.
Übersicht

Lesen Sie den gesamten Beitrag: Die Skoliose im Wachstumsalter

Aus der Zeitschrift Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 4/15

 

Call to Action Icon
Orthopädie und Unfallchirurgie up2date Jetzt abonnieren!

Thieme Newsletter

Quelle

Orthopädie und Unfallchirurgie up2date
Orthopädie und Unfallchirurgie up2date

EUR [D] 173,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

MRT des Bewegungsapparats
Martin Vahlensieck, Maximilian ReiserMRT des Bewegungsapparats

EUR [D] 129,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Kinderorthopädie
Fritz Uwe Niethard, Claus Carstens, Leonhard Döderlein, Thomas PeschgensKinderorthopädie

EUR [D] 49,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.