• Frau, Geschlecht, Anatomie, Gender, osteopathische Praxis, Patientin, Rolle, Osteopathie, Behandlung, Therapie

     

Frauen in der osteopathischen Praxis

Frau in der osteopathischen Praxis gerecht zu werden, ist ein komplexes Unterfangen. Dieser Beitrag will neue Forschungsergebnisse, biologische und soziale Komponenten sowie osteopathische Zugänge in Kontext zueinander stellen – und so ein spannendes, umfassendes Bild zeichnen, das einerseits zum Nach- und Weiterdenken anregen soll und andererseits auch zu einem osteopathisch vertieften Arbeiten führen darf.

Schau, eine Frau!

Stellen wir uns einmal diesen gar nicht außergewöhnlichen Fall vor: Eine Frau kommt zur Behandlung.

Bis jetzt wird in medizinischen wie osteopathischen Ausbildungen meist am Modell Mann gelehrt, diese „andere“ Anatomie, Physiologie der Frau wird nur in Bezug zu primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen vermittelt. Doch es ist wichtig, soziokulturelle Überlegungen und gendermedizinische Forschungsergebnisse in unsere osteopathischen Arbeitsweisen einzubeziehen. Vielleicht können wir so unseren Händen erklären, was diese schon lange spüren: Frau spürt sich anders an als Mann. Was ist also eine Frau? Und wie holen wir unsere Patientin am besten ab?

Wir müssen Frau in ihrem Frau-Sein begreifen – als einen Menschen mit biologischer Grundausstattung in einem sozialen Umfeld. Frau hat also ein Sex, ein biologisches Geschlecht (beruhend auf Genetik, Anatomie, Physiologie und allem Körperlichen) und Frau hat ein Gender, d. h. ein soziokulturelles Geschlecht (Einflüsse kultureller und sozialer gesellschaftlicher Gegebenheiten auf die Geschlechterrolle und die Positionierung in der Gesellschaft), das sich auch potenziell stets weiter verändert.

Biologisch werden gemeinhin 2 Geschlechter unterschieden: weiblich und männlich. Westliche Gesellschaften erkennen auch nur 2 soziale Rollen an, nämlich Mann und Frau. Lässt sich keine Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter vornehmen (als Kind), gibt es inzwischen in mehreren Ländern die Möglichkeit, ein unbestimmtes Geschlecht einzutragen (u. a. in Malta, Deutschland, Dänemark, Neuseeland, Indien, Australien, Argentinien). Manche Gesellschaften haben 3 Gender – Männer, Frauen und Berdachen (oder Hirjas oder Xanith) oder kennen den Gender-Status Frauen mit Männerherz, nämlich biologische Frauen, die als weibliche Männer leben, aber sich nicht so verhalten oder kleiden.

Frau hat ihr biologisches Geschlecht (kein Mann oder Hermaphrodit), ihre Sexualität (hetero-, homo-, bi- oder transsexuell) und ihr Gender (Mädchen, Frau, Männerrolle, Transvestit, Greisin). Im Alltag ist uns Gender so vertraut, dass die Erwartungen, wie Frauen und Männer sich verhalten sollen, gewöhnlich erst bewusst durchbrochen werden müssen, damit wir merken, wie sich Gender konstituiert. Beim Individuum beginnt die Gender-Konstruktion damit, dass es je nachdem, wie die Genitalien bei der Geburt aussehen, einer bestimmten Sex-Kategorie zugeordnet wird (und zweideutige Genitalien werden chirurgisch leider oftmals zu früh weiblich oder männlich vereindeutigt. Aus einer Sex-Kategorie wird durch Namen, Kleidung und andere Gender-Marker ein Gender-Status. Ist ein Gender einmal offensichtlich, sind auch die Umweltreaktionen (inner- und außerfamiliär) beim einen Gender anders als beim anderen, und auch das Kind reagiert auf die unterschiedliche Behandlung, indem es sich anders fühlt und ein anderes Verhalten zeigt. Alle Lebenserfahrungen prägen und erzeugen unterschiedliche Gefühle, unterschiedliches Bewusstsein, unterschiedliche Beziehungen, unterschiedliche Fähigkeiten – eben die Seinsweisen, die wir als weiblich oder männlich bezeichnen – und aus denen die soziale Konstruktion Gender besteht. Jede Frau hat ihr Sex und ihr Gender und kann ihre Biologie und ihr Rollenbild als kongruent erleben oder als widerstreitend. Wie Frau sich selbst in ihrer Geschlechtlichkeit erlebt, biologisch wie soziokulturell, ist entscheidend für ihr Sein, ihren individuellen Gesundheitsbegriff und ihren Lebensplan.

Nun können wir Frau dort, wo sie in diesem Moment ist und sich gesund fühlt, osteopathisch abholen – und nur so können wir uns von einem rein biologischen Zugang erfolgreich abwenden und Frau in ihrem Menschsein begreifen.

Aber natürlich ist und hat Frau, unsere Patientin, auch einen Körper. Die seit Jahrzehnten betriebene medizinisch-geschlechtsspezifische Forschung zeigt hier immer mehr Unterschiede auf, sie geht zum Teil weit über das tradierte Bild der Frau als eine zur Reproduktion fähige und deshalb auf diese Organe reduzierbare östrogenreiche Variante Mensch hinaus. Denn nur manche Frauen sind schwanger und auch dann nur eine gewisse Zeit, manche Frauen haben keine Gebärmutter oder keine Eierstöcke, bei manchen Frauen setzt die Menstruation zeitweise aus und andere sind in den Wechseljahren – und doch sind alle Frauen! Menstruation, Milchbildung und Schwangerschaft sind individuelle Erfahrungen des Frauseins, nicht aber Determinanten.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Frauen in der osteopathischen Praxis

Aus der Zeitschrift: DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 01/2018

Call to Action Icon
Hier kostenlos testen DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie

Newsletter-Service

Quelle

Buchtipps

Diaphragmen und die Zirkulation
Simone Huss, Bettina WentzelDiaphragmen und die Zirkulation

Fasziale Aspekte und Anwendung in Osteopathie und Yoga

EUR [D] 59,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

QuickStart Osteopathie
Arndt BültmannQuickStart Osteopathie

EUR [D] 29,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.