• Der Nutzen von körperlicher Aktivität bzw. einer Reduktion von vermeidbarer Sitzzeit ist im Kindes- und Jugendalter unbestritten. So kommt Bewegung für die körperliche, geistige, emotionale und psychosoziale Entwicklung eine zentrale Bedeutung zu.

     

Empfehlungen für körperliche Aktivität und Inaktivität von Kindern

Methodisches Vorgehen, Datenbasis und Begründung - Der Nutzen von körperlicher Aktivität bzw. einer Reduktion von vermeidbarer Sitzzeit ist im Kindes- und Jugendalter unbestritten. So kommt Bewegung für die körperliche, geistige, emotionale und psychosoziale Entwicklung – vor allem für jüngere Kinder – eine zentrale Bedeutung zu. Wie groß allerdings Umfänge, Dauer, Intensität und Art sein müssen und welche möglichen Unterschiede sich für die diversen Altersstufen ergeben, kann bislang noch nicht endgültig beantwortet werden.

In einem Expertenkonsens im Jahr 2012 wurden für die gesamte Periode des Kindes- und Jugendalter Empfehlungen bzgl. Aktivität und Inaktivität zusammengestellt. Diese wurden nun auf Basis einer systematischen Literaturrecherche der internationalen Empfehlungen bzw. systematischen Reviews seit 2010 unter Berücksichtigung der Phasen: Säuglinge (bis Ende des ersten Lebensjahres) und Kleinkinder (1–3 Jahre), Kindergartenkinder (4–6 Jahre), Grundschulkinder (6–11 Jahre) und Jugendliche (12–18 Jahre) aktualisiert.

Die Suche ergab zunächst 58 Treffer. Aus diesen wurden Empfehlungen aus dem Kontext spezifischer Erkrankungen, wie Asthma, Zerebralparese, Diabetes, Vitien usw., sowie Sport/Bewegung in ausgewiesenen Präventions-/Therapieprogrammen (meist Adipositas) und Hinweise zu Bewegungsempfehlungen in Settings wie Schule oder Kindergärten ausgeschlossen. Damit reduzierten sich die Treffer der letzten 5 Jahre auf 4 relevante Publikationen; eine fünfte war eine nochmalige Zusammenfassung der kanadischen Empfehlungen. 3 zusätzliche Reviews wurden ergänzt und dem gleichen oben beschriebenen Beurteilungsverfahren unterzogen. Es handelte sich dabei um relevante weitere Inhalte wie Alltagsaktivitäten im Kindes- und Jugendalter (Schritte/Tag), den bislang vorliegende Expertenkonsens aus Deutschland sowie ein systematisches Review über alle europäischen Empfehlungen bis Sommer 2012.

Entwicklung

Ende der 90er Jahre wurde die empfohlene Bewegungszeit von 20 bis 30 min/Tag in den 80er Jahren auf zunächst 30 min/Tag festgelegt, dann auf der Basis von Expertenempfehlungen auf 60 min/Tag verdoppelt; eine entsprechende Anpassung der WHO-Empfehlungen erfolgte im Jahr 2002. In den aktuell zusammengefassten Empfehlungen werden überwiegend in Anlehnung an die WHO 60 min körperliche Aktivität pro Tag meist moderater bis höherer Intensität empfohlen. Damit wird größtenteils der Hinweis verbunden, dass es sich um ein Minimum handelt und ein „mehr“ an Bewegung auch zu einem höheren gesundheitlichen Nutzen führt. Die wirkliche Studienlage jedoch, auf der die meisten Empfehlungen basieren, ist je nach Altersgruppe inkonsistent. Im folgenden werden die relevanten Ergebnisse bzgl. Gesundheit für die Perioden Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter bzw. Grundschul- und Jugendalter gemeinsam dargestellt. Anschließend werden ausgewählte Aspekte wie Bewegungsformen in Alltag und Freizeit, mögliche Risiken sowie bezogen auf sitzende Tätigkeiten zusammengefasst.

Säuglings- und Kleinkindalter bzw. Vorschulalter

Bislang gibt es nur wenige Daten über mögliche Zusammenhänge zwischen Bewegung und Gesundheit in dieser Altersgruppe. Hier legen im Wesentlichen die angloamerikanischen Arbeitsgruppen konkrete Bewegungszeiten vor. So soll im Säuglingsalter die Bewegungszeit so wenig wie möglich eingeschränkt werden, im Kleinkind bzw. Kindergartenalter werden 180 min Bewegungszeit pro Tag - angeleitet und nicht angeleitet – empfohlen. Grundlage für diese Empfehlungen stellte ein systematischer Review von Timmons et al. zum Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Gesundheit bei 0- bis 4-jährigen Kindern dar. Folgende Indikatoren wurden darin untersucht: Auftreten von Übergewicht und Adipositas bzw. der Körperkomposition, kardiovaskuläre Faktoren (u. a. Blutdruck, Lipide, Glukose und Insulin sowie Entzündungsparameter), Bewegungsapparat, motorische Entwicklung, psychosoziale Gesundheit (Selbstkonzept, Selbstbewusstsein, Aggressivität, Verhalten usw.) und kognitive Entwicklung (u. a. Sprachentwicklung). Die Evidenzlage bewegte sich zwischen niedrig bis hoch, zeigte aber, dass eine Steigerung bzw. ein höheres Ausmaß an Bewegungszeit mit einer geringeren Adipositasprävalenz, weniger kardiometabolischen Risikofaktoren, höherer motorischer Leistungsfähigkeit, besserer Knochengesundheit, günstigeren psychosozialen Aspekten und höherer kognitiver Entwicklung verbunden ist. Über das genaue Ausmaß, die Intensität, Häufigkeit und/oder Bewegungsform/Sportart lassen sich allerdings (noch) keine eindeutig begründeten Aussagen treffen. Konsens besteht aber in allen bisher für diese Altersgruppe vorliegenden Empfehlungen, so viel Bewegung wie möglich anzubieten bzw. den natürlichen Bewegungsdrang nicht einzuschränken und die Eltern bzw. Betreuungspersonen für die Bedeutung von Bewegung zu sensibilisieren. So gibt es Hinweise, dass das Ausmaß an körperlicher Aktivität im Vorschulalter die Bewegungszeit im Erwachsenenalter positiv beeinflusst. Gefährdungen durch eine vermehrte Bewegung wurden nicht beschrieben, die Umgebungsbedingungen sollten entsprechend kindgerecht sicher sein. Zusätzlich wird auf angeleitete und nicht angeleitete Aktivität in der Altersgruppe bis unter 5 Jahre verwiesen.


Grundschul- und Jugendalter

Für die weiteren Altersgruppen, insbesondere ab dem Grundschulalter ist die Datenlage deutlich besser. Als Grundlage für die kanadischen Empfehlungen untersuchten Janssen u. LeBlanc den Benefit von körperlicher Aktivität für Schulkinder und fassten folgende Auswirkungen zusammen: Mit dem Einfluss auf Cholesterin und die Blutlipide beschäftigten sich 9 Studien. In einer Beobachtungsstudie zeigte sich, dass körperlich weniger leistungsfähige 12- bis 19-jährige Mädchen ein etwa 1,9-fach höheres Risiko einer Hypercholesterinämie aufwiesen, Jungen ein etwa 3,7-fach höheres. Die übrigen experimentellen Studien beschäftigten sich mit erhöhten Blutfettwerten und/oder Adipositas. Die Ergebnisse waren inkonsistent. Aerobe Belastungen führten zu einer Verbesserung v. a. der Triglyzeridspiegel. Die Effekte von Krafttraining auf die Lipidspiegel waren minimal. Mit arterieller Hypertonie befassten sich 11 Studien. Die Effektstärken waren aber für das Ausdauertraining gering (−1,39 mmHg bezüglich des systolischen, −0,39 mmHg bezüglich des diastolischen Blutdrucks) und für das Krafttraining nicht wirklich beurteilbar. Die Zusammenhänge mit Übergewicht und Adipositas wurden deutlich häufiger untersucht. In 31 Studien, die integriert wurden, lag die Effektstärke für Ausdauertraining bei −0,40 für den prozentualen Körperfettanteil und −0,07 für den BMI, für Krafttraining lag die Effektstärke bei −0,19 für den prozentualen Körperfettanteil. In Untersuchungen über Zusammenhänge mit dem metabolischen Syndrom bzw. dem Nüchterninsulinspiegel zeigen sich Effektstärken für das Ausdauertraining in der Höhe von −0,60 bzw. für das Krafttraining von −0,31. Positive Ergebnisse wurden auch für die Knochendichte, das Auftreten von Verletzungen bzw. Depressionen und entsprechenden Symptomen berichtet.
Wegweisende Differenzierungen nach weiteren Einflussgrößen wie z. B. Bewegungsformen/Sportarten, Intensität, soziale und kulturelle Voraussetzungen, Alter und Geschlecht fehlen nach wie vor. In einem aktuelleren Review wurde der Zusammenhang zwischen der muskulären Fitness als „Outcome“ der körperlichen Aktivität und der Reduktion von (zentraler) Adipositas, kardio-metabolischen Risikofaktoren wie z. B. Insulinresistenz, Blutdruck, Knochengesundheit sowie Selbstwertgefühl untersucht; je höher die Umfänge von körperlicher Aktivität sind, desto höher wird auch der gesundheitliche Nutzen angenommen. Für Deutschland zeigt sich anhand des MoMo-Kollektivs (MoMo: Motorik Modul als Subgruppe der repräsentativen KiGGS-Studie), dass unter Berücksichtigung der Aktivität in der Freizeit, wie auch in Institutionen (Verein, Schule/Kindergarten usw.) eine wöchentliche Bewegungszeit der Jungen von durchschnittlich etwa 480 min und bei Mädchen von etwa 400 min (n=4 401, [18]). Auch wenn es sich bei dieser Betrachtung lediglich um die Summation der angegebenen Mittelwerte handelt, und dies nicht die Realität ausgewählter Subgruppen wiederspiegelt, kann vorsichtig abgeleitet werden, dass durchschnittlich auf einen Tag bezogen voraussichtlich mehr als 60 min an täglicher Bewegungszeit erreicht werden. Diese aktuell meist als Minimum geltenden 60 min basieren auf Expertenkonsens bzw. epidemiologischen Daten, wie viel bzw. wenig Bewegung absolviert wird, und weniger auf einem daraus ableitbarem gesundheitlichen Nutzen. Daher werden inzwischen teils höhere Bewegungszeiten, z. B. Finnland, oder zumindest für ausgewählte Altersgruppen, z. B. England, USA, empfohlen, weil damit ausdrücklich ein größerer gesundheitlicher Benefit verbunden wird. Entsprechend wurde bereits 2012 im Expertenkonsens in Deutschland für die Altersgruppe ab dem Grundschulalter eine tägliche Bewegungszeit von 90 min für Deutschland empfohlen.

Zusammenfassung

Zusammengefasst liegen nun erstmals dezidierte Empfehlungen bzgl. körperlicher Aktivität und Inaktivität für verschiedene Altersabschnitte im Kindes- und Jugendalter vor. Sicherlich ist der gesundheitliche Nutzen, v. a. für jüngere Kinder, im Wesentlichen auf Analogieschlüsse zurückzuführen, denn die Datenlage ist teilweise sehr spärlich. Außerdem wurden viele Empfehlungen auf Basis von Expertenmeinungen erstellt, nur selten wurden methodisch feststehende Leitlinienverfahren genutzt. Ein weiteres Problem ist die Orientierung an der Epidemiologie und nicht an dem tatsächlichen Bedarf bzw. der Dosis an Bewegungszeit. Das bedeutet, dass die Frage, wie umfangreich und intensiv müssen Aktivitäten für welcher Altersstufe, ggf. unterschieden nach Geschlecht, ausgestaltet sein, um tatsächlich eine gesunde Entwicklung zu garantieren bzw. diese zu fördern, aktuell nicht beantwortet werden kann. Generell sind aber Aussagen über die Evidenz und Empfehlungen im Gesundheitswesen bzw. Bewegungsbereich komplex; so ist es – auch unter Berücksichtigung der jungen Altersstufen – fraglich, welche Endpunkte adäquat und relevant sind, welche Evidenz für jeden dieser Endpunkte betrachtet bzw. wie die Qualität bewertet werden soll. Die bisherige Datenlage und mögliche, gut begründete Analogieschlüsse unterstreichen jedoch die generelle Bedeutung von (möglichst viel von) körperlicher Bewegung bzw. der Begrenzung vermeidbarer Inaktivitäten. Inwiefern sich diese Empfehlungen in der Realität in verschiedenen Settings und diversen Zielgruppen umsetzen, bleibt wiederum eine weitere Herausforderung.

 

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Empfehlungen für körperliche Aktivität und Inaktivität von Kindern und Jugendlichen – Methodisches Vorgehen, Datenbasis und Begründung

Aus der Zeitschrift Gesundheitswesen 01/2017

 

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Quelle

Das Gesundheitswesen
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