• Schreiendes Baby mit Mutter

     

Regulationsstörungen

Die Diagnostik von Regulationsstörungen findet auf mehreren Ebenen statt, denn sie sind in den allermeisten Fällen nicht Ausdruck eines Syndroms oder einer Störung allein beim Kind. So hängt die emotionale Entwicklung des Kindes sehr stark von der Eltern-Kind-Beziehung ab, und das emotionale Regulationssystem von den regulativen Kompetenzen der Eltern.

Daher geht es in erster Linie um die Diagnostik einer Beziehung. Sichtbar wird dies z. B. im Zusammenhang mit der unterschiedlichen Wahrnehmung ein und derselben Schreiintensität oder -dauer in verschiedenen Familien. Diese unterschiedliche Wahrnehmung führt zu Reaktionen, die von Familie zu Familie stark divergieren können. Daher muss u. a. auch der Leidensdruck der Eltern einbezogen werden.

Fallbeispiel
Primär exzessives Schreien

„Wir sind am Ende unserer Kräfte. Wenn das so weiter geht die nächsten Monate, haben wir auch schon darüber nachgedacht, unseren Sohn zur Adoption freizugeben.“ Kaum haben die Eltern des 6 Wochen alten Moritz (Name geändert) Platz genommen, bricht es aus der Kindsmutter heraus. Die Familie kommt zur Erstvorstellung in die Regulationssprechstunde des SPZ. Die Mutter berichtet weiter: „Ich selbst habe seit Wochen eigentlich nicht mehr richtig geschlafen. Moritz schreit vor allem abends ab 17:00 Uhr stundenlang, aber auch nachts erwacht er stündlich und verlangt nach der Brust. Der Kinderarzt sagt, Moritz sei gesund. Wir waren aber trotzdem schon zweimal beim Osteopathen. Nach den Behandlungen war das Schreien besser, aber immer nur für einen Tag.“

Papoušek fasst die wesentlichen Belastungsfaktoren, welche bei Regulationsstörungen eine Rolle spielen, in einer diagnostischen Trias zusammen:

  • Problem(e) der frühkindlichen Verhaltensregulation
  • dysfunktionale Kommunikationsmuster im störungsrelevanten Kontext
  • Überforderungssyndrom der Hauptbezugsperson(en)

In einem systemischen Modell zur Genese der frühkindlichen Regulations- und Entwicklungsstörungen fasst Papoušek die möglichen Einflussfaktoren der basalen adaptiven Verhaltensregulation des Säuglings und der intuitiven elterlichen Kompetenzen mit jeweils multiplen Risikofaktoren sowie das Zusammenspiel von kindlichen und elterlichen Prädispositionen zusammen. Aus einer positiven Gegenseitigkeit entstehende Engelskreise beschreiben die gemeinsame Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, Entwicklung von Bindung und Sprache in der Alltagsinteraktion von Eltern und Kind. Aus einem vermehrten Einfluss ungünstiger Faktoren können sich Eltern und Kinder jedoch auch in Teufelskreisen dysfunktionaler Kommunikationsmuster befinden, in denen eine negative Gegenseitigkeit vorherrscht.

In diesem Artikel beschränken wir uns auf die vier häufigsten Arten von Verhaltensstörungen des Säuglings- und Kleinkindalters, die unter dem Begriff Regulationsstörungen zusammengefasst werden: exzessives Schreien, Schlafstörungen, Trotzen und Fütterstörungen.

Das „Schrei-Baby“

Fallbeispiel
Physiologisches Schreien

Lena (Name geändert) wird von ihrer Mutter im Alter von neun Wochen in der Regulationssprechstunde des Sozialpädiatrischen Zentrums vorgestellt. Lena schreie häufig und langanhaltend, bis zu drei Stunden pro Tag, manchmal an mehreren Tagen hintereinander, mitunter an einigen Tagen auch etwas weniger. Sie verlange alle zwei bis drei Stunden nach der Brust, schlafe aber beim Trinken häufig ein. Die Kindsmutter selbst leidet an einer Colitis ulcerosa, mehrere Darmverschlüsse haben die Schwangerschaft verkompliziert. Intrauterin habe das Wachstum von Lena immer an der unteren Normgrenze gelegen und den Eltern stets Sorge bereitet. Größter Wunsch der Mutter sei es gewesen, das Kind zu stillen. Wenn sie selbst abwesend sei, bekomme das Kind die abgepumpte Milch per Flasche. Die Menge der abgepumpten Milch belaufe sich auf ca. 30 ml. Die Sorge der Eltern und deren mögliche Ursachen waren einfühlbar und zunächst ein für die Eltern wichtiges Thema in der Beratung. Sie fühlten sich verstanden und konnten eine anschließende kurze Erörterung kindlicher Trinkmengen gut annehmen. Sie beschlossen, die Stillmahlzeiten mit Pre-Nahrung zu ergänzen. Im weiteren Verlauf war eine deutliche Verminderung der Schreihäufigkeit und -dauer zu beobachten.

Physiologisches Schreien

Vermehrtes Schreien gehört in den ersten drei Lebensmonaten zu den Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten der normalen kindlichen Entwicklung. Es ist zunächst vor allem eine grundsätzliche Kommunikationsmöglichkeit des Kindes, um Bedürfnisse auszudrücken und prompte Unterstützung von den Bezugspersonen zu erhalten. Auch altersentsprechende Adaptations- und Reifungsprozesse können eine vermehrte Unruhe in den ersten drei Monaten mitbedingen. Außerdem gibt es Säuglinge, die besonders reizoffen sind und regelrecht nach Stimulation suchen. Diese benötigen ein besonderes Maß an elterlicher Unterstützung bei der Regulation, was bereits eine hohe Anforderung an die Eltern darstellen kann.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Regulationsstörungen

Aus der Zeitschrift: Pädiatrie up2date 03/2018

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